Frühwarnsystem

Die OECD auf neuen Wegen der Krisenprävention

Ángel Gurría, 24. Mai 2011, 18:32

Eine Empfehlung an Ökonomie und Politik, den OECD-Index "Your Better Life" als Frühwarnsystem zu nutzen

Die aktuellen Wirtschaftsdaten deuten zwar in Richtung "Aufschwung", sollten aber nicht überbewertet werden.

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Das Schlimmste haben wir schon hinter uns. Das denken wir jedenfalls gerne, wenn es um die größte Wirtschaftskrise seit 70 Jahren geht. Aber Derivate, die den finanziellen Zusammenbruch zu großen Teilen provoziert haben, machen noch immer das Zehnfache des weltweiten Bruttoinlandsproduktes aus - Tendenz steigend. Gerade erst veranlasste die 8,5 Milliarden Dollar teure Firmenübernahme eines New Economy-Riesen Analysten dazu, über eine neue Internetblase zu spekulieren. Und einige Schwellenländer zeigen die klassischen Anzeichen von Überhitzung: ihre Immobilienpreise sind so hoch wie selten zuvor, das gleiche gilt für Verbraucherkredite und die Gewinne ihrer Banken.

Es wäre verständlich, wenn wir uns fragen würden, ob wir aus den vergangenen Jahren irgendetwas gelernt haben. Absolut unbegreifbar hingegen wäre es, wenn wir gerade dabei wären, uns in die nächste Rezession hineinzumanövrieren und keiner schlüge Alarm.

Wenn internationale Institutionen ihre Aufgaben ernst nehmen, stehen die Chancen gut, dass sich die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen. Die Krise hat die Rolle von Organisationen wie der OECD geschärft. Wie nie zuvor koordinieren wir unsere Arbeit mit dem Internationalen Währungsfond, der Weltbank, der Welthandelsorganisation und der Internationalen Arbeitsorganisation ILO. Aber das allein reicht nicht: Die G-20, Regierungen, die Zivilgesellschaft und Menschen weltweit erwarten mehr von uns. Seit die OECD vor 50 Jahren gegründet wurde, bildet sie eine Plattform, auf der Regierungsvertreter und Experten sich darüber austauschen können, welche Politikoptionen erfolgreich sind. Seit wir nach dem Zweiten Weltkrieg mit dem Marshall-Plan dabei geholfen haben, Europa wieder aufzubauen, haben wir einiges vorzuweisen, wenn es darum geht, Menschen aus wirtschaftlichen und sozialen Notlagen zu befreien. Wir unterstützen Länder und Regierungen dabei, die Wechselbeziehung zwischen Wirtschaft und Gesellschaft zu verstehen, und haben so den Weg zu einer Ära der Zusammenarbeit geebnet.

Auch in Reaktion auf die jüngste Krise konnte die OECD mit konkreten Ergebnissen aufwarten: So gelang es mit unserer Hilfe, Steuerparadiese auszutrocknen. Ein anderes Beispiel sind die OECD-Standards gegen internationale Bestechung und das Engagement der OECD für die Trennung riskanter Investmentgeschäfte von Angeboten für Privatpersonen.

Die Krise hat gezeigt, dass viele Menschen in Finanzdingen nicht sattelfest genug sind, um ihr Vermögen zu schützen. Wir versuchen, das zu ändern. Wir stehen an der Spitze der G-20-Bemühungen, um wirksamen Verbraucherschutz: Niemand sollte in die Situation geraten, ein Darlehen zu unterschreiben, dessen Bedingungen er nicht voll versteht.

Vertrauen wiederherstellen

Unser Erfolg in all diesen Bereichen zeigt, dass es sich zuweilen lohnt, die ausgetretenen Pfade zu verlassen und altgediente Weisheiten in Frage zu stellen. So haben wir vor sieben Jahren angefangen, nach Wegen zu suchen, gesellschaftlichen Fortschritt jenseits des Bruttoinlandsproduktes schätz- und messbar zu machen. Das Ergebnis ist "Your Better Life Index", eine gerade eröffnete Webplattform, die Menschen die Möglichkeit gibt, ihre Lebenssituation vergleichend zu messen. Indem wir nicht nur Wirtschaftsindikatoren auswerten, sondern auch sehen, was dem Durchschnittsbürger wichtig ist, ändern wir die Art, wie Politik gemacht wird: Der Index hilft uns dabei, die besten politischen Optionen aufzuzeigen und er hilft so, unser aller Leben zu verbessern.

Das System aus der Vorkrisenzeit hat uns enttäuscht. Wir müssen das Vertrauen wieder herstellen und den Menschen das geben, was sie am meisten wollen - Arbeit und Wachstum. Wir müssen daher Standards setzen, die der geballten Erfahrung der Menschheit gerecht werden, so dass alle davon profitieren können. Gute Politik entsteht durch gute Ideen - und auf die gibt es kein politisches Monopol. Sie sollten nicht in konkurrierenden politischen Ecken ersonnen werden, sondern in der Schnittmenge von Wirtschaft, Regierungen und ganz normalen Menschen.

Wir sind noch nicht über den Berg, was die Krise betrifft. Es wäre allzu menschlich, auf das Beste zu hoffen und einfach da weiter zu machen, wo wir vor dem großen Knall aufgehört haben - verzeihlich wäre es indes nicht. (Kommentar der anderen, Ángel Gurría, DER STANDARD, Printausgabe, 25.5.2011)

Ángel Gurría ist Generalsekretär der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD).

anna geier3
00
25.5.2011, 18:19

Die Krise ist vorbei, jetzt kommt die Katastrophe!

reallity show
00
25.5.2011, 12:04

' ... und den Menschen das geben, was sie am meisten wollen - Arbeit und Wachstum '

mit dem allein ist es nicht getan: ich will sinnvolle tätigkeiten und geistige entwicklung, sklaventum und immer höhere zielvorgaben herrschen ja schon. dies gilt es zu überwinden.

lessismore
03
25.5.2011, 01:05

Was genau ist im Steuer- und Schwarzgeldparadies Österreich ausgetrocknet worden?

Kritiker1A
00
25.5.2011, 08:38
Lobbyisten und Demokratieschmarotzer (Politiker, Beamte) Paradise auszutrocknen wäre zielführender.

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