Royale Gemächer ins Trockene bringen

24. Mai 2011, 18:52
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Die Wiederherstellung des Königspalastes in Patan, der zweitgrößten Stadt Nepals, durch österreichische Restauratoren läuft bereits seit Jahrzehnten - Heftige Regenfälle verzögern immer wieder die Fertigstellung

Von Juni bis September ist in Kathmandu Monsunzeit. Bis zu 390 Millimeter Niederschlag fallen in einem Monat vom Himmel. Was für die Bauern ein Segen und für Touristen eine unangenehme Begleiterscheinung ist, erschwert die Arbeit der Restauratoren vor Ort. Thomas Schrom, stellvertretender Direktor des Kathmandu Valley Preservation Trust (KVPT), ist einer von ihnen. Seit rund 20 Jahren verbringt er den Großteil seiner Zeit in der Königsstadt Patan (auch Lalitpur genannt), der zweitgrößten Stadt Nepals, und befasst sich mit der Restaurierung der königlichen Bauten aus der Regierungsperiode der Malla (1618-1768).

Viele der Gebäude kamen beim großen Erdbeben 1934 zu Schaden. In den Vierziger- und Fünfzigerjahren wurden sie zwar notdürftig restauriert, doch langfristig betrachtet brachte die damalige Rettungsaktion mehr Schaden als Nutzen. Die Chemie stimmte nicht.

Mit Eduard F. Sekler, Carl Pruscha und Götz Hagmüller waren zwar bereits einige österreichische Architekten vor Ort, um Schadensminderung zu betreiben und die zerstörten Teile wiederaufzubauen. Doch die Arbeit ist längst noch nicht abgeschlossen. Aktuell beschäftigt sich der KVPT mit der Restaurierung des Durbar-Königspalastes. Das Gesamtprojekt umfasst zehn Gebäude unterschiedlichen Alters und ist seit 1979 Unesco-Weltkulturerbe.

Basteln und improvisieren

"Mit den üblichen Sanierungs- und Restaurierungsmethoden, die wir in Mitteleuropa anwenden, sind die Gebäude in Patan nicht in den Griff zu kriegen", sagt Schrom. Bedingt durch das feuchte Klima und die heftigen Regengüsse im Sommer müssen die Restauratoren auf unorthodoxe Mittel zurückgreifen. "Wir sind auf Methoden angewiesen, die vor allem im Bereich der technischen Sanierung von Wasserbauten angewandt werden. Teilweise müssen wir basteln und improvisieren."

An manchen Stellen sei der Schaden enorm, erklärt Schrom und deutet auf unzählige, längst zerstörte Schnitzereien im weichen und porösen Sandstein. "Wenn man hier mit den gleichen Chemikalien arbeitet wie im halbwegs gemäßigten, trockenen Klima, dann macht man die Sache nur schlimmer. Mit den katastrophalen Schadensbildern, die auf die Arbeiten vor 50, 60 Jahren zurückzuführen sind, kämpfen wir bis heute."

Nachdem die Expertise in der Steinsanierung erschöpft war, beschloss der KVPT, das Institut für Konservierung und Restaurierung der Universität für angewandte Kunst mit an Bord zu nehmen. Unter der Leitung von Gabriela Krist fliegen seit rund einem Jahr regelmäßig Studenten nach Kathmandu, um mitzuhelfen. "Alles, was man aus unseren Breitengraden kennt, gibt es in Kathmandu auch, nur ist es dort viel schlimmer", erklärt Marija Milcin, Universitätsassistentin an der Angewandten und Restauratorin, zuständig für den Fachbereich Stein. "Sowohl die Auswaschungen von Bindemittel, wie man das auch von historischen Bauten in Wien kennt, als auch der biogene Befall des Steins, etwa durch Algen, Cyanobakterien, Pilze und Moose, ist bei den Königsgebäuden in Patan extrem ausgeprägt."

Salze zerstören Steine

Ein weiteres Schadensbild, bedingt durch die hohe Feuchtigkeit, ist die Sprengung der Gesteinsgefüge durch Salze. "Bei einem stabilen Klima ist das kein Problem, dann kommt es an einer einzigen Stelle zur Salzauskristallisation", sagt Milcin. "Doch in Patan ist das Baumaterial immer wieder feucht. Die Nitrate und Sulfate kristallisieren und lösen sich immer und immer wieder und zerstören so fast die gesamte Gesteinstruktur."

Herkömmliche Chemikalien wie etwa Kieselsäureester oder der "Bologna-Cocktail" - eine Mischung aus dem Bindemittel Acrylat und dem hydrophoben, silikonähnlichen Silan - sind bei diesen Klimabedingungen sinnlos. Milcin: "Das sind Konservierungsmaßnahmen, die höchstens bei einer trockenen Oberfläche funktionieren können, doch bei hoher Feuchtigkeit wird das Wasser im Stein dadurch nur eingeschlossen." Die Lösung: Es wird mit Produkten und Methoden gearbeitet, die in der Restaurierung unüblich und selten sind. "Wir arbeiten hauptsächlich mit Acrylaten für die Festigung der Oberflächen sowie mit handelsüblicher Teichfolie", sagt Milcin. "Vieles ist Neuland für uns."

Wichtig ist, dass sämtliche Materialien in Nepal entsprechend einfach aufzutreiben sind. Das einzige Problem dabei: "Es gibt noch zu wenig Erfahrungswerte mit diesen Methoden. Wir wissen nicht, wie sich dadurch die Festigkeit der Steine verändert. Es ist ein Kompromiss im Kampf gegen Wetter und Produktpräsenz im Baumarkt, ein permanentes Learning by Doing."

Das Gesamtbudget für die Restaurierung des Palast-Ensembles am Durbar Square beträgt sechs Mio. US-Dollar (rund 4,25 Mio. Euro). Finanzielle Unterstützung kommt von der US-Regierung, dem Eurasia Pacific Uninet (EPU), dem deutschen Außenamt, der Universität für angewandte Kunst sowie von diversen kommerziellen Sponsoren. "Was Restaurierungsvolumen und Kosten betrifft, haben wir in Patan jetzt knapp die Halbzeit erreicht", sagt KVPT-Chef Thomas Schrom. "Wir sind gespannt, wie es weitergeht." Eines ist fix: Es bleibt regnerisch. (Wojciech Czaja, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25. Mai 2011)

  • Der Bandarkahltank-Pavillon im Königspalast vor dem Abbau. Die 
Gesteinsstruktur ist so porös, dass das Gebäude gestützt werden muss.
    foto: institut für konservierung und restaurierung / universität für angewandte kunst wien

    Der Bandarkahltank-Pavillon im Königspalast vor dem Abbau. Die Gesteinsstruktur ist so porös, dass das Gebäude gestützt werden muss.

  • "Wir müssen ständig improvisieren, Vieles ist Neuland für uns", sagt die 
Restauratorin Marija Milcin. Einzelne Steinblöcke des Bandarkahltank-Pavillons 
werden abgebaut und von Mörtelresten gereinigt.
    foto: institut für konservierung und restaurierung / universität für angewandte kunst wien

    "Wir müssen ständig improvisieren, Vieles ist Neuland für uns", sagt die Restauratorin Marija Milcin. Einzelne Steinblöcke des Bandarkahltank-Pavillons werden abgebaut und von Mörtelresten gereinigt.

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