"Nicht jeder Draufgänger geht ein Risiko ein"

24. Mai 2011, 18:40
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Die Bereitschaft zum Risiko hängt von Pflichtgefühl und Extrovertiertheit ab, sagt der Sportpsychologe Martin Kopp - Lena Yadlapalli sprach mit ihm über Kick, Gruppeneffekte und Persönlichkeit

Standard: Was als Risiko empfunden wird, ist doch eine höchst subjektive Angelegenheit. Wie geht die Sportpsychologie damit um?

Kopp: Das stimmt. Es gibt auch verschiedene Risikodefinitionen. Wir verwenden den Begriff gern für die Möglichkeit, dass ein Ereignis oder ein Verhaltensmuster unerwünschte Konsequenzen nach sich zieht. In der Forschung wollen wir Risiko wertfrei und möglichst breit beleuchten können.

Standard: Da geht es nicht nur um das gesundheitliche Risiko?

Kopp: Das geht vom finanziellen über das Verletzungsrisiko bis hin zu Bestrafungen oder Inhaftierungen. Letztere können auch in der Sportausübung schlagend werden. So etwa in den angloamerikanischen Ländern, wo Leute auf Skipisten auch schon einmal bestraft werden. Zudem ist die Verletzungsgefahr in Schulungssituationen und bei geführten Touren ein großes Thema. Bringt der Bergführer eine Gruppe in eine Lawine, gibt es rechtliche und Haftungsfragen.

Standard: Sie untersuchen psychologische Grundlagen von Risikoverhalten bei Extremsportlern mit Schwerpunkt im Alpinsport. Was umfasst das?

Kopp: Wir untersuchen etwa bei Skiläufern, Skitourengehern und Kletterern, ob ein bestimmtes Persönlichkeitsmerkmal mit größerem Risikoverhalten assoziiert ist. Aber wir schauen auch auf die Emotionsregulation, also den Umgang mit den eigenen Gefühlen als möglicher Faktor, sowie auf zwischenmenschliche Aspekte, das heißt, wie sich jene, die Risiko eingehen, in sonstigen sozialen Beziehungen verhalten. Auch der Faktor Tagesverfassung wird qualitativ untersucht.

Standard: Gilt die These, dass wer schon immer ein Draufgänger war, der risikofreudigere Sportler ist?

Kopp: Nicht jeder Draufgänger ist auch derjenige, der ein Risiko eingeht. Es kommt darauf an, ob er als Draufgänger, also mit aktivem Herangehen oder Drauflosschießen, bisher Erfolg hatte. Wenn ja, dann verwendet er in riskanten Situationen eher solche Verhaltensmuster - mit dem Leitsatz im Hinterkopf: Wird schon gutgehen. Zudem hat sich gezeigt, dass bei Leuten mit starkem Pflichtbewusstsein das Risikoverhalten schwächer ausgeprägt ist als bei jenen mit geringerem Pflichtbewusstsein, besonders in Kombination mit Extraversion. Allgemein kann man schon vorsichtig festhalten, dass es den High-Sensation-Seeker als Persönlichkeitsmuster gibt, der einfach mehr Stimulation braucht und der - vielleicht kombiniert mit weniger Pflichtgefühl und mehr Extraversion - stärker dazu tendiert, Risiko einzugehen.

Standard: Die landläufige Meinung ist doch, dass Extremsportler vor allem den Kick und den Endorphinrausch suchen ...

Kopp: Das ist eine etwas irrige Meinung, weil unter Risikosport sehr viele unterschiedliche Sportarten subsumiert werden. Man muss zwischen den kurzfristigen und langfristigen Sportarten unterscheiden. Der, der den Berg schnell hinunterfährt, hat ein kurzes Kickerlebnis. Leute, die rudernd den Atlantik überqueren, dürften andere Motive haben, die stärker mit Zielerreichung, Abgeschiedenheit und Naturerlebnis in Verbindung stehen. Zudem ist zu berücksichtigen, dass wir als Nichtausübende von Risikosport eine ganz andere Risikowahrnehmung haben.

Standard: Wie viel Risikobereitschaft ist in der Persönlichkeit angelegt, wie viel kann durch die Umwelt und Tagesverfassung beeinflusst werden?

Kopp: Das ist schwierig zu beantworten. Aber wir sehen, dass ein Lernen von Risikobereitschaft in sozialen Gruppen stattfindet. Wenn sieben Leute in einer Gruppe von zehn Personen ein höheres Risiko einzugehen bereit sind, dann scheint sich das Risikoverhalten der anderen drei eher an den Gruppenschnitt der risikofreudigen Mehrheit anzupassen. Diese Gruppeneffekte setzen sich fort. Das sagt zumindest die Laborforschung. Die drei, die ursprünglich gar nicht so risikobereit waren, dürften sich in neuen Situationen wieder riskanter verhalten. Das hängt wahrscheinlich mit Erfolgslernen zusammen. Ich würde sagen, dass der Umweltfaktor in Kombination mit der Persönlichkeit das Risikoverhalten bestimmt. Die Tagesverfassung ist ein Zusatzattribut.

Standard: Welche Wirkung haben Schutzvorkehrungen?

Kopp: Es gibt das Risikohomöostase-Modell, bei dem angenommen wird, dass Menschen mehr Risiko eingehen, je mehr Schutzvorrichtungen vorhanden sind. Sie haben ABS im Fahrzeug und fahren damit umso schneller, sodass sie die Wirkung des ABS verlieren. Das scheint aber nur bis zu einem gewissen Grad zu gelten. Wir haben zum Beispiel eine Studie durchgeführt, bei der wir auf der Skipiste mit einer Radarpistole die Geschwindigkeit von Skifahrern gemessen und diese anschließend befragt haben. Als ein Teilergebnis hat sich gezeigt, dass Leute nicht ihr Risikoverhalten proportional zu vorhandenen Sicherheits- und Schutzmöglichkeiten steigern - was wiederum zeigt, dass Präventionsmaßnahmen überaus sinnvoll sind.

Standard: Hat sich Ihre Forschung auf Ihr eigenes sportliches Verhalten ausgewirkt?

Kopp: Ich war nie ein Risikosportler oder habe Extremsportarten ausgeübt. Vom Ballsport kommend habe ich mich dem wettkampffernen Ausdauersport zugewandt: also dem Ausgleichssport.

(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25. Mai 2011)


Martin Knopp, geb. 1967, ist seit Herbst 2010 Professor für Sportpsychologie am Institut für Sportwissenschaft an der Universität Innsbruck. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Risikoverhalten im Alpinsport, Bewegungsinterventionen und Gesundheitsverhalten, Wettkampfangst und Lebensqualität.

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    Hoch hinaus, das wollen viele Extremsportler. Nicht alle gehen dabei riskant vor. Doch: "Es gibt den High-Sensation-Seeker als Persönlichkeitsmuster, der einfach mehr Stimulation braucht und stärker dazu tendiert, ein Risiko einzugehen", sagt der Sportwissenschafter Martin Knopp.

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