Ghostwriting: Doktorarbeit gegen Geld

Lisa Aigner, 25. Mai 2011, 06:56

In Salzburg gibt es seit kurzem eine Ghostwriting-Agentur - Strafrechtlich können weder das Unternehmen noch die Auftraggeber belangt werden

"Sie benötigen Unterstützung bei Ihrer wissenschaftlichen Karriere? [...] ACAD WRITE bietet Ihnen individuelle Unterstützung bei der Erstellung jeglicher wissenschaftlicher Arbeiten, von der Hausarbeit über die Masterarbeit bis zur Dissertation". Für viele Studentinnen und Studenten klingt dieses Versprechen auf der Homepage des Unternehmens "Acad Write" sicher verlockend. Wenn der Abgabetermin zu nahe gerückt ist oder der Job gerade stressig ist, kümmern sich die "Ghostwriter" dieses Unternehmens "schnell, kompetent und diskret" um die Abschlussarbeit.

Das Unternehmen, das schon seit längerem in Deutschland und der Schweiz tätig ist, hat nun auch in Österreich, genauer in Salzburg, ein Büro eröffnet. In einem Interview mit den "Salzburger Nachrichten" erklärt der Chef des Unternehmens, Thomas Nemet, warum sein Unternehmen nichts Verwerfliches macht, so: "Wenn Sie sich im Geschäft ein Messer kaufen, können Sie damit ein Schnitzel schneiden oder ihre Schwiegermutter umbringen. Der Messerhersteller ist dafür nicht verantwortlich". Kurz gesagt: Was der Auftraggeber mit der Arbeit macht, kann Acad Write nicht beeinflussen. Wenn also ein Student die Arbeit eines Ghostwriters als seine eigene ausgibt, ist das nicht Sache des Unternehmens.

Ghostwriting ist schwer nachzuweisen

Strafrechtlich kann Acad Write nicht belangt werden, Ghostwriting ist nicht verboten. Selbst Studenten, die wissentlich eine nicht von ihnen geschriebene Arbeit als ihre eigene ausgeben, haben nicht mit vielen Konsequenzen zu rechnen. Falls jemand herausfindet, dass sie ihre Arbeit nicht selbst geschrieben haben, wird ihnen der akademische Titel entzogen. Gerade das ist aber schwer nachzuweisen. "Es ist schwierig, dass man denen auf die Spur kommt, wenn die Arbeiten hieb- und stichfest sind und nicht plagiiert wurde", erklärt Bernd-Christian Funk, Verfassungsrechtler und Leiter des Instituts für Universitätsrecht an der Johannes Kepler Universität Linz im Gespräch mit derStandard.at. "Eine Erschleichung des Titels liegt hier vor, die Situation ist höchst unbefriedigend und verheerend für das Ansehen des akademischen Betriebs", so Funk. 

"Echte" Arbeiten werden entwertet

Nicole Föger von der Agentur für wissenschaftliche Integrität zeigt sich auf Nachfrage von derStandard.at empört: "Es ist unglaublich, dass solche Ghostwriting Agenturen ungestraft ihr Geschäft machen können", sagt sie. "Jeder, der selbst studiert und eine wissenschaftliche Arbeit verfasst hat und stolz darauf ist, muss sich nun fragen, welchen Wert denn Studienabschlüsse haben, wenn andere sich diese Arbeiten und damit auch den Abschluss erkaufen", macht Föger auf weitere Gefahren aufmerksam.

Dem Agenturleiter Nemet wirft sie vor, die Menschen "an der Nase herumzuführen". "Was soll man denn mit einer von dieser Agentur geschriebenen wissenschaftlichen Arbeit machen, als sie als Diplom- oder Dissertationsarbeit einzureichen - sie um 8.000 € ins Regal zu Hause stellen?", fragt Föger.

Funk: Strafbestimmungen erweitern

Uni-Rechts-Experte Funk regt an, auch strafrechtlich gegen Studierende, die eine Arbeit kaufen, vorzugehen. Beispielswise könnten Verstöße gegen eidesstattliche Erklärungen (Diplomanden und Dissertanten müssen schriftlich garantieren, dass sie die Arbeit selbst verfasst haben) bestraft werden. Derzeit ist dieses Vorgehen zwar verboten, mit strafrechtlichen Konsequenzen muss man aber nicht rechnen. Eine weitere Möglichkeit wäre laut Funk, die Ausweitung der Strafbestimmungen auf das Mitwirken an der Arbeit oder das Bereitstellen einer solchen.

Ein Zugang über das Steuerrecht wäre ebenfalls möglich. Unternehmen müssen dem Finanzamt ihre vertraglichen Beziehungen offenlegen. Wenn nun die Universitäten dem Finanzamt ein zentrales Register mit den Studierenden und ihren Themen zur Verfügung stellen würden, könnte - so Funk - das Finanzamt herausfinden, welche Studierende eine Arbeit in Auftrag gegeben haben. "Hier sehe ich aber Probleme mit dem Datenschutz und dem Steuergeheimnis", gibt der Uni-Professor zu bedenken.

Töchterle will Bewusstsein schaffen

Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle (ÖVP) möchte die Problematik mit einem anderen Zugang lösen. "Wir müssen vor allem auch auf Bewusstseinsbildung und entsprechende Betreuung setzen", so Töchterle in seiner Stellungnahme gegenüber derStandard.at. "Wissenschaftliche Arbeiten entstehen im Idealfall in enger Kooperation mit der Betreuerin/dem Betreuer", sagt der Wissenschaftsminister. Wenn das Betreuungsverhältnis stimmt, dann sieht Töchterle "kaum Platz für solche Agenturen".

Einstweilen scheint der Bedarf an Ghostwritern aber groß zu sein. Laut Nemet arbeiten bei Acad Write 300 Akademikerinnen und Akademiker. Hundert Seiten kosten zwischen 8.000 und 25.000 Euro. In ganz Europa hat die Agentur in den letzten sieben Jahren 5.000 Aufträge erfüllt. (Lisa Aigner, derStandard.at, 25.5.2011)

Kommentar posten
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Chemist88
00
28.5.2011, 00:35
Mir stellt sich die Frage

Ist es denn in einigen Studienrichtungen so einfach eine Diplomarbeit/Diss zu schreiben? Also braucht es da wirklich nur den Aufwand Literatur zu lesen und dann zu schreiben. Wenn ich an meine Bachelorarbeit denk, die hätte definitiv nur jemand auf meinem fachlichen Niveau oder klarerweise darüber verfassen können, diese Argentur wird aber kaum für alle verschiedene Fälle Spezialisten haben nehm ich an... Also wie kann das eigentlich funktionieren`?

maxmilgram
02
28.5.2011, 13:59
ohne es zu wissen

schätze ich mal dass es hautpsächlich geisteswissenschaften betrifft, ich stelle mir das bei physik, chemie, mathe etc auch recht schwierig vor.

aus santiago de compostela
00
27.5.2011, 15:21
fucking up the new austrian reifeprüfung

unfassbar, dass die so genannten "vorwissenschaftlichen" arbeiten als eine "säule" der neuen reifeprüfung eingeführt werden!

jane.doe
00
26.5.2011, 15:43

Ich wuerde das selbe Pruefungsverfahren anwenden, das man in Grossbritannien verwendet. Dort werden Dissertanten von einem externen und internen Professor 3-4 Stunden lang zu ihrer Arbeit geprueft und da diese Damen und Herren aus Fachgebieten der Dissertation stammen ist dies meist ein wirklicher Grill, aber somit ist die Wahrscheinlichkeit einem falschen Doktor zu vergeben relativ gering.

Seraklindo
01
26.5.2011, 17:59

gibts hier auch - nennt sich Rigorosum

scribo
00
25.5.2011, 22:17

Es gibt noch einen Weg der Prüfung: Der Student muss über die Arbeit auch Bescheid wissen. Bei Diplomarbeiten und auch anderen Arbeiten vergleiche ich die Qualität der Texte mit dem Wissensprofil des/der Studierenden. Ist mir schon untergekommen, dass dann im Gespräch klar wurde, dass da was nicht stimmt.
Man kennt "seine" Studenten ja schließlich und wenn man auch Ghostwriting nicht direkt nachweisen kann, so doch über diesen indirekten Weg.

Christian S
00
28.5.2011, 12:11
Der Student muss über die Arbeit auch Bescheid wissen

Aber der Prüfer auch.

Und das tun sie selten. Vor allem bei Doktorprüfungen ist es oft so: Der Doktorand wurde 3-4 Jahre lang in extensiver Viehhaltung betrieben. Der musste sich völlig eigenständig durchschlagen.

Jetzt ist er fertig, hat Manuskript für Paper und Diss.

Ersteres ist einfach: Der Name vom Prof muss hinten drauf, dann passts!! Das ist ja immer das wichtigste...

Zweiteres ist schwierig: Der rennomierte Super-Prof hat Besseres zu tun. Dem ist das lästig. Das wird mit MINIMALST MÖGLICHEN Zeitaufwand abgewickelt. Ebenso die restlichen Prüfer, die allesamt aus der Seilschaft des Profs kommen und das eh nur aus Gefälligkeit tun.

Im Endeffekt hat dann bei der Doktorprüfung keiner von den Prüfern den Hauch einer Ahnung.

Nevim
00
25.5.2011, 22:51

Ich denke auch, das ist ja unter anderem der Sinn der Verteidigung. Wenn da eine Ghostwriter-Arbeit nicht auffliegt, läuft irgend etwas massiv falsch.

pago1
00
25.5.2011, 22:16
vor allem unter juristen in salzburg sehr beliebt

seneca
00
25.10.2011, 14:15

Hat dieses posting von Ihnen auch ein Ghostwriter geschrieben??

Greyarea
 
00
25.5.2011, 22:04
man sollte dort anheuern

diss und diplomarbeiten verfassen, und dann das bei der uni anzeigen.

oder wird einem das in einem arbeitsvertrag verboten?

Fritz Brause
01
25.5.2011, 22:04

Ich glaube ja, dass Guttenberg einfach einen schlechten Ghostwriter hatte.

dradiwaberl5693
11
25.5.2011, 21:49

Gibt es eigentlich ein Gesetz, dass auch die Gutachter der Dissertationen und auch die Betreuer in die Pflicht nimmt? Kann ja nicht sein, dass nur die Schreiberlinge belangt werden, aber diejenigen, die eigentlich die Integrität der Arbeit überwachen sollten, leer ausgehen.

GOTT (himself)
13
25.5.2011, 22:31
WEDER der Schreiberling NOCH der Prüfer wird belangt

(wenn wir jetzt nur über GW reden), sondern der in der Mitte. Der Student, der ein gekauftes Werk als das seinige ausgibt.

Und das ist auch völlig richtig so.

dermartino
04
25.5.2011, 21:41

In Wahrheit ist es so, dass der Anspruch an Dissertationen an manchen Unis einfach ein Witz ist.

Wenn man zwei bis vier Jahre fulltime an einer Dissertation arbeiten müsste, damit sie gut wird, dann würde das Ghostwriting dafür zwischen 100.000 und 200.000 Euro kosten.

Nachdem sich das sowieso niemand leisten kann (außer vielleicht Leute wie Guttenberg) erledigt sich das Thema von selbst.

Eine Dissertation um 20.000 kann nur ein Murks sein, außer der Ghostwriter ist ein unentdecktes Genie.

Christian S
00
28.5.2011, 11:49
Von den 2 bis 4 Jahren fulltime

entfällt aber der größte Teil auf Laborarbeit, das Projekt zusammenhalten, experimentelle Ergebnisse gewinnen und Hausmädchen für alles sein.

Das eigentliche Schreiben ist ja bei weitem der einfachere Teil und dauert nur ein paar Monate.

Der typische Kunde wird ja wohl experimentelle Arbeit gemacht haben (wie sonst soll er nachher irgendwo eine Doktorprüfung machen können?), und zumindest IRGENDWELCHE Ergebnisse haben.

Der Ghostwriter SCHREIBT ja nur, er FORSCHT ja nicht.
Wenn Sie das schon öfter gemacht haben und in Übung sind, werden Sie selten länger als 2-3 Monate dafür brauchen. Bei guter Qualität, besser auf jeden Fall als das, was der Durschschnitt zusammenbringt.

Dafür sollen 20 000 Euro zu wenig sein?

dermartino
00
28.5.2011, 14:59

Das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.

Ich glaube da gehts eher um irgendwelche juristischen und geisteswissenschaftlichen Literaturrecherche arbeiten, wo vom grünen Tisch weg alles gemacht wird.

Wenn man fertige Ergebnisse hat und nur mehr zusammenschreiben muss, dann wäre man 1. bescheuert, wenn man das nicht selbst macht und 2. find ichs zwar verwerflich, aber nicht einmal ansatzweise so schlimm wie wenn der Ghostwriter alles macht, weil zumindest die Ideen und Ergebnisse dann nicht geklaut sind.

Aber wenn der Anspruch wäre, das eine Dissertation FORSCHUNG beinhaltet, dann würde dieses ghostwriterwesen eh aussterben.

Christian S
00
28.5.2011, 18:11
Forschung

im naturwissenschaftlichen Sinn kann es beim Ghostwriter eigentlich nicht geben. Dazu müssten die ja ein Labor haben und dort Ergebnisse generieren.
Wer sollte sich SOWAS leisten können???

dermartino
00
28.5.2011, 18:54

Ja, das sehe ich auch so.

Also "echte" Forschung ist vom Ghostwriterproblem wohl nicht betroffen, da gibts vielleicht eher hin und wieder das Problem der Ergebnisfälschung.

Christian S
00
28.5.2011, 19:53
Hin und wieder?

Es gibt ja viele Möglichkeiten, zu schönen. Auch Statistik kann man gut dazu missbrauchen. Oder ganz trivial, indem man stets nur jene Ergebnisse zitiert, die die eigenen Thesen stützen. Das ist ja fast schon Standard.

Alles in allem muss man schon feststellen: Mit der wissenschaftlichen Ethik ist es doch einer eher relative Sache.

Wissen Sie: In meiner Jugend war ich sehr beeindruckt von den Naturwissenschaften, die Bücher von Hoimar von Ditfurth habe ich wie wild gelesen. Eine hohe Meinung hatte ich von Wissenschaft und Wissenschaftern.

Von dieser hohen Meinung ist nichts geblieben.
Heute sind das für mich nur noch besonders ehrgeizige und skrupellose Fachidioten, die sich sehr gut verkaufen können und viel Anerkennung brauchen.

dermartino
00
29.5.2011, 13:38

hmmm... schade, dass sie zu dieser Erkenntnis gekommen sind.

Aber auch ich sehe schon, dass man mit Blenden in der Wissenschaft oft sehr weit kommen kann.

Nicht jeder Professor ist ein "Gott", wie ich früher geglaubt habe, hehe.

Im Prinzip kommt man einfach drauf, dass es überall so ist und in der Wissenschaft auch, auch wenn man sich von dort am Anfang noch so ein Idealbild erhofft..

es gibt gute und schlechte.. wie überall.. oder?

Christian S
00
30.5.2011, 14:53
Jaja, so geht es überall zu

aber von der Wissenschaft hat man sich doch sehr viel mehr erwartet.

Immerhin präsentieren die sich immer so seriös, objektiv, der Wahrheit verpflichtet usw. usf. Und immerhin SOLLTE es bei der Wissenschaft doch um Wahrheit gehen. Wo sonst, wenn nicht dort?

Und dann stellt sich heraus: Blenden, sich gut verkaufen können, Netzwerke bilden und ausnützen, von der Arbeit anderer profitieren, Daten zurechtbiegen, Vorträge und Anträge schönen und...und...und....

Ich fand das schon sehr, sehr enttäuschend. Immerhin habe ich sehr viel Mühe, Zeit, Energie investiert nur um herauszufinden, dass ein normaler Beruf eh das gescheiteste ist.
Hätte ich das vorher gewusst, hätte ich gleich was anderes studiert.

Christian S
00
28.5.2011, 18:08
Ich kenne einige Leute, die irgendwann

demoralisiert und frustriert das Handtuch warfen, obwohl durchaus genügend Material zur Verfügung stand, um zumindest abzuschließen.

Das hat nicht nur mit Fähigkeiten & Duchhaltevermögen zu tun, oft spielt die Betreuungssituation eine Rolle. Was manche Doktoranden für Sauereien erleben während ihrer Promotion geht auf keine Kuhheit.

Da gibt es oft einen intensiven Widerwillen, sich überhaupt noch mit dem Thema auseinanderzusetzen. Gerade wenn es ans Schreiben geht, man aus der Verpflichtung zur Laboarbeit befreit wurde, können jahrelang aufgestaute Frustrationen zum Werfen des Handtuches führen.

Da kann es sich vielleicht schon lohnen, ein paar Tausend Euro für den Ghostwriter auszugeben, damit es besser für den Lebenslauf ausschaut.

Chemist88
00
25.5.2011, 21:29
einfach

erbärmlich, wenn man sowas braucht!

jane.doe
00
26.5.2011, 15:48

Erbärmlich wenn man sich auf so ein Niveau begibt!

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