Proteste in Spanien

Revolutionärer Medieneifer

Martin Eiermann, 24. Mai 2011, 09:42

Erst Ägypten, jetzt Spanien. Das Frühjahr 2011 hält die Medien mit neuen Protesten auf Trab

Die Regionalwahlen in Spanien sind vorbei, die Proteste gehen weiter. Zehntausende gehen weiter täglich gegen die Regierung auf die Straße und fordern... ja was eigentlich?

Seit Mitte der vergangenen Woche berichten die deutschen Medien von den Protesten. Es geht um die Generation Staatspleite, um die Rolle der spanischen Jugend, die politische Haltung von Penelope Cruz und die Unzumutbarkeit der Reformpolitik Zapateros. Der Spiegel hat dazu einen schönen Absatz geschrieben, der bevorzugt ans Ende der neuen Meldungen zu Spanien kopiert wird. Da heißt es dann journalistisch-selbstbewusst: "Auslöser der Protestaktionen und der "spanischen Revolution" war die Krise in Spanien. Jeder fünfte Erwerbsfähige ist ohne Job, die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei fast 45 Prozent. Wegen der hohen Verschuldung setzte die Regierung einen strengen Sparplan durch: Beamtengehälter wurden gekürzt, Renten eingefroren, Kündigungen erleichtert."

Ein Rezept für die Revolution

Schön, wenn Politik so einfach ist. Drei Gramm Krise, vierzig Prozent Arbeitslosigkeit und eine Prise Staatsschulden ergeben eine formidable Protestbewegung, die darüber hinaus noch nette Parallelen zu den Revolten des Nahes Ostens aufweist. Die Ohren des Redakteurs beginnen vor Aufregung zu glühen: Ein Meta-Narrative, hier lässt sich eine Geschichte erzählen! Stuttgart 21, Ägypten, Spanien: Der Wutbürger geht auf die Straße. Die Festungen der Macht wackeln, der Euro gleich mit. Was in Kairo funktioniert, wird auch in Madrid nicht enttäuschen. Schnell aufschreiben und rein damit ins Redaktionssystem.

Das mag etwas überspitzt formuliert sein. Doch dass auch im spanischen Fall mehr dahinter steckt als eine blinde Abwehrreaktion der Jugend, zeigt ironischerweise ebenfalls der Spiegel. Denn neben den wirtschaftlichen Gesichtspunkten drehen sich die Proteste auch um ein politisches System, das offensichtlich überfordert ist, sich der Sorgen der Menschen anzunehmen. Spiegel Online berichtet in einem wichtigen Nebensatz von Forderungen nach mehr Demokratie. Das in Spanien verwendete D'Hondt-Verfahren der Stimmenzählung hat in der Praxis zur Folge, dass kleinere Parteien und die Stadtbevölkerung zugunsten der beiden Großen und der Wähler auf dem Land benachteiligt werden. Zu den wirtschaftlichen Entwicklungen gesellt sich also eine Politik, die mit massiven Glaubwürdigkeitsproblemen und den eigenen Unzulänglichkeiten zu kämpfen hat. Vor allem in einer Situation der wirtschaftlichen und beruflichen Perspektivlosigkeit wiegt das enttäuschte Vertrauen in die Regierung besonders schwer. Welche Volksvertreter sind das, die nicht im Interesse oder zu Nutzen des Volkes regieren?

RP Online hat das übrigens mit als erstes erkannt. "Der Grundtenor aller Protestierenden: Die Reaktion der Regierung auf die Krise ist nicht mehr demokratisch legitimiert", schreibt Hans Günther Kellner. Die Demonstranten haben neben diffusen Abwehrreaktionen gegen staatliche Wirtschaftspolitik auch sehr konkrete politische Forderungen: "Dass Wahlprogramme künftig verbindliche Verträge zwischen Wählern und Gewählten sein sollen. Wer nicht entsprechend handelt, soll belangt werden können. Sie fordern zudem eine Änderung des Wahlrechts und der Zuordnung der Wahlkreise."

Ob diese Forderungen Erfolg haben (und ob sich aus möglichen programmatischen Erfolgen auch die gewünschten politischen und wirtschaftlichen Verbesserungen ergeben), steht in den Sternen. Wenn es eine Aussage gibt, die man für das Frühjahr 2011 als halbwegs allgemeingültig ansehen kann, dass ist es die Kurzlebigkeit derselben. Kaum ist die Tinte getrocknet (bzw. die Webseite geladen), deutet sich schon wieder eine neue Entwicklung an. Wer hätte am 24. Januar mit dem Anfang vom Ende Mubaraks gerechnet? Oder am 3. Mai mit dem Tod Osama Bin Ladens? Oder mit dem Rücktritt Guttenbergs? Oder mit dem Druck der Straße in Spanien?

Diese Unwägbarkeit ist eine Herausforderung für Journalisten, die gerne eindeutig deutend eingreifen. Eine scheinbar chaotische Welt kann nur schwer erklärbar gemacht werden, die dazu bemühten Metaphern und Vergleiche stoßen mit schöner Regelmäßigkeit an die eigenen Grenzen. Das Schicksal einer Volkes, einer Generation, einer Partei ist eben nicht gleichbedeutend mit - wie Thomas Carlyle einst im Brustton frühimperialer Verblendung und königstreuer Duseligkeit formulierte - "the biography of great men". Geschichte ist nicht, sie wird gemacht.

Die Antwort? Kennen wir nicht.

Werden die Revolutionen im Nahen Osten und in Nordafrika stabile, demokratische Regierungen hervorbringen? Können wir auf einen kulturellen Wandel hoffen, auf eine Gleichberechtigung von Mann und Frau in der arabischen Welt? Zerbrechen die Regierungen in Portgual, Spanien oder Griechenland an der Altlast der Schulden und dem Protest der Straße gegen Kürzungen und Perspektivlosigkeit? Hat die Parteiendemokratie ihren Zenit überschritten, oder will sie nur zu längst überfälligen Reformen genötigt werden? Wir wissen es nicht. Zu groß ist die Anzahl der unbekannten Variablen, zu komplex ist die sich entfaltende Dynamik, zu wenig sind die einzelnen Revolutionen und Protestbewegungen miteinander vergleichbar. Nur eins scheint sicher: Das Unwort der Alternativlosigkeit kann getrost zu den Akten gelegt werden.

Das ist das Schöne an der Politik und der Geschichte: Sie fordert uns auf, uns zu kümmern. "Empört euch", schreibt Stéphane Hessel nicht umsonst in seinem 30-seitigen Überraschungserfolg! Das gilt übrigens auch für die Medien. Eine besseres Klima für kritischen, wertvollen Journalismus mag man sich kaum vorstellen. An wichtigen Fragen und kontroversen Debatten mangelt es genauso wenig wie an einer interessierten Öffentlichkeit.

Die Einschränkungen sind höchstens hausgemacht: Die stakkatohafte Verkürzung auf Informationshappen, der veraltete Glaube an die unangefochtene Deutungshoheit der Leitmedien, das Ringen um die ganz großen Erzählbögen. Dabei reicht es vielleicht manchmal schon, zu sagen: "Keine Ahnung, was das alles bedeutet. Wir beobachten erst einmal." (derStandard.at, 24.5.2011)

Autor

Martin Eiermann ist Leitender Redakteur bei The European. Er studierte von 2006 bis 2010 Geschichte und politische Philosophie an der Harvard University. Martin Eiermann schrieb unter anderem für The European, Cicero Online und die Bundeszentrale für politische Bildung

Kommentar posten
11 Postings
MARTIN FREUKES
 
00
25.5.2011, 10:00
Viel gefordert, wenig nachgedacht.........

Wie sagt der Spanier, " Al vicio de pedir - la virtud de no dar ". Die Forderungen sind ja recht nett und schön und haben sicher auch Ihre Berechtigung, nur hat sich keiner dieser Leute mit dem Problem der Umsetzung auseinander gesetzt. Diese jungen Leute haben eine sehr gute Ausbildung mit wenig Aussicht zur Anwendung und die Frustration keine eigene Familie gründen zu können wegen fehlender Stabilität am Arbeitsmarkt. Die Verfilzungen im veralteten System sind sehr dicht und lassen sich nur schwer auflösen. Die spanische Linke mit den Gewerkschaften an der Spitze haben zusammen mit Zapatero ein übersoziales Monster geschaffen. Jetzt heisst es Nachdenken wie das Geforderte umgestzt werden kann un der Filz ausgedünnt wird.

lessismore
16
24.5.2011, 17:32

"Zehntausende gehen weiter täglich gegen die Regierung auf die Straße und fordern... ja was eigentlich?"

Ein anständiges Leben. -- Muß man Euch ALLES erklären?

Stadtmeisterschaftsfünfter 1992
00
25.5.2011, 10:25

Ein anständiges Leben schafft man sich selbst. Man kann nur gegen Hindernisse - zu hohe Steuern, zu viele Vorschriften etc. - demonstrieren. Aber im Endeffekt ist man selbst verantwortlich.

Tan S. Taafl
10
25.5.2011, 08:08
Eigentlich dachte ich ...

.. das man ein anstaendiges Leben selber fuehrt und gestaltet und nicht einfach von jemandem fordert. Viele Menschen denken immmer noch, Lebensperspektiven und Wohlstand lassen sich einklagen wie der Anspruch des Magistratsbeamten auf Hacklerfruehpension im Oesi-Land

Ernst Guevara
00
25.5.2011, 09:03
ach bitte, keine altbackenen prasen, wenns geht

natürlich wollen die empörten ihr leben selbst in die hand nehmen. aber da wir unser leben nur in einem gesellschaftlichen kontext gestalten können, geht es um die gesellschaftlichen strukturen und die möglichkeiten für den einzelnen, die sich daraus ergeben. und die gesellschaftlichen bedingungen sind eben unfrei und armutsfördernd, die individuelle autonomie überhaupt nicht, dafür die abhängigkeit sehr begünstigend. das gehört geändert, in spanien wie bei uns.

rosa flieder
00
24.5.2011, 16:29
""stakkatohafte Verkürzung auf Informationshappen"

+ Falschinfos finden sich in diesem Artikel mehrere.

der Autor hat sich offensichtlich nicht mal die Mühe gemacht, sich die hp der spanischen Plattform anzuschauen, dort hätte ein Blinder die Vorschläge bzw. welche Änderungen sie für nötig halten (nein, sie nennen es nicht "Forderungen") lesen können:

http://www.democraciarealya.es/?page_id=234

folgt man dem link auf das gerühmte RP Online kann man gleich mal lesen:

"Die Forderung: ein grundlegender Kurswechsel – auf Konkreteres kann man sich nicht einigen."

DAS STIMMT just NICHT!

tja und dass man in offenen Systemen (wie einer Gesellschaft, Wirtschaft, etc...) die Zukunft nicht vorhersagen kann, sondern besser dran mitgestaltet (bzw. den Versuch wagt) ist ja schon Alltagsweisheit

rosa flieder
00
24.5.2011, 16:50
die Sterne und die Kurzlebigkeit

(tschuldign für Platznahme, möchte Obiges fortsetzen.)
"Wenn es eine Aussage gibt, die man für das Frühjahr 2011 als halbwegs allgemeingültig ansehen kann, dass ist es die Kurzlebigkeit derselben." schreibt der Autor. ".... derselben" bezieht sich auf die "Forderungen" vom vorigen Satz.
Warum aber sollten diese Forderungen kurzlebig sein? Manche z.B. haben eine bereits lange Geschichte und das nicht nur in Spanien.
Ein Demonstrant in Madrid hat gesagt: dies hier wird eine ganze Generation prägen. Ich denke, er hat recht. Wofür man selber eingetreten ist

Ob diese Forderungen Erfolg haben (und ob sich aus möglichen programmatischen Erfolgen auch die gewünschten politischen und wirtschaftlichen Verbesserungen ergeben), steht in den Sternen.

rosa flieder
00
24.5.2011, 18:52
Korr.

letzter Satz (Zitat aus dem Art.) hab ich vergessen zu löschen, sorry

Meerwelle
00
24.5.2011, 15:56

"Dass Wahlprogramme künftig verbindliche Verträge zwischen Wählern und Gewählten sein sollen. Wer nicht entsprechend handelt, soll belangt werden können."

Könnte man 1:1 für Österreich übernehmen.
Wenn ich z.B. an alle die Strassers und Grassers denke wird mir einfach nur noch schlecht und speiübel.
"Echte" politische Verantwortung: Exakt Null.

Ja, auch in Österreich hat die repräsentative Demokratie zunehmend ein Legitimationsproblem. Große Teile der Bevölkerung fühlen sich nicht mehr repräsentiert, und können nur ohnmächtig zusehen.

Ob man SPÖ oder ÖVP wählt ist einfach Wurst.

Und immer mehr Menschen fangen in ihrer Verzweiflung an, Strache zu wählen.

Wieviel Demokratie ist es bitte?
01
24.5.2011, 12:06
Aus dem Text: "Parteiendemokratie" - "Zenit"

Es beginnt aufzufallen, daß Parteien ihre Existenz schon lange *nicht mehr* rechtfertigen können. Im Westen zumindest, wo die gröbsten Ideologien (Hirngespinste) sich in das Nichts aufgelöst haben, das sie schon immer waren.

In Europa versuchen gerade "Drittlageristen" noch etwas, aber das wird sich wie immer selbst sabotieren.

Es ist nicht mehr Rocket Science, wie ein Staat (solange es noch Staaten gibt) mindestens funktionieren muß.

Die Routinen und Nach/Neujustierungen sind farbunabhängig schlicht und einfach zwingend zu erfüllen.

So: Typen die auf Seifenkisten steigen, mit den alten Farben und Fahnen wacheln und altes Alphabet absondern, sind out. Voriges Jahrhundert. Überholt.

Sie werden "ihre" Claims räumen müssen!

Ernst Guevara
00
24.5.2011, 10:40
que se vayan todos

"Wir sind die Hand, die das Brot knetet und am Hunger stirbt, ich bin Public Enemy Nummer eins unregierbar, wir sind die freie Software der möglichen anderen Welt, wir sind die Basis, wir sind der Stadtteil, wir sind das Volk von Seattle und wir erklären das Ende des Endes der Geschichte, wir sind präsent und wir sind die Erinnerung."
(Desechos, Que se vayan todos)

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