Ende der Erbpacht

23. Mai 2011, 18:09

Nicht nur das geänderte Machtgefüge spricht gegen einen europäischen IWF-Chef

Auf den ersten Blick möchte man den Europäern dazu gratulieren, wie rasch sie die Reihen in der IWF-Nachfolgefrage schlossen. Es ist leicht vorstellbar, wie sich die Kommentatoren die Mäuler zerreißen würden, wäre auf den tiefen Fall des Franzosen Dominique Strauss-Kahn ein Streit über den europäischen Kandidaten für das Spitzenamt ausgebrochen. Christine Lagarde soll es nun also richten. Eine erfahrene Juristin, charmant und durchsetzungsstark zugleich, die erste Frau obendrein und als langjährige französische Finanzministerin mit Krisenbewältigung bestens vertraut.

Damit sticht das Ass von Präsident Nicolas Sarkozy viele Rivalen. Das Problem: Europa ist nicht am Zug. Den Veränderungen im politischen und ökonomischen Machtgefüge, die sich in den nächsten Jahrzehnten noch beschleunigen werden, sollte endlich Rechnung getragen werden. Gerade die Bestellung des Chefs des Internationalen Währungsfonds wäre ein Signal, dass die aufstrebenden Schwellenländer nicht nur ernstgenommen werden, sondern auch entsprechenden Einfluss erhalten.

Zwar wurde ihr Gewicht im Fonds mit der jüngsten Reform der Stimmrechte erhöht, es entspricht aber bei weitem nicht den tatsächlichen Kräfteverhältnissen - und schon gar nicht den künftigen. Die Abhängigkeit von China, Indien, Russland oder Brasilien äußert sich ja nicht nur in stark wachsenden Exporten in diese Staaten, sondern zusehends in der Finanzierung der explodierenden Haushaltsdefizite im Westen. Man sollte die Kuh, die man melken will, nicht schlachten, lautet ein alter Spruch. Man sollte sie außerdem äußerst pfleglich behandeln.

Gegen diese Realitäten das Argument der Erbpacht in die Waagschale zu schmeißen erscheint geradezu lachhaft. Dass die Weltbank-Spitze den Amerikanern gehört, jene des IWF den Europäern, stellte schon bisher eine schwer verträgliche Konstellation dar und grenzt an Postenschacher. Künftig fehlt jegliche Rechtfertigung dafür. Dass Europa mittlerweile zum Haupteinsatzgebiet des Fonds mutiert ist, in das mehr als die Hälfte seiner Hilfskredite fließt, ändert daran gar nichts. Im Gegenteil, hat sich der Saldo aus Einzahlungen und Auszahlungen doch deutlich zulasten des Alten Kontinents verschoben. Oder heißt die neue Logik plötzlich:Wer erhält, schafft an?

Und da wäre noch das Thema Frankreich: Über Schuld oder Unschuld von Strauss-Kahn werden die Gerichte entscheiden, doch die Rezeption der Vorgänge in der Suite 2806 des New Yorker Luxushotels Sofitel (und die früherer Fehltritte von DSK) lassen die Alarmglocken schrillen. Verschwörungstheorien haben Hochkonjunktur, Mitgefühl für das Opfer des mutmaßlichen Vergewaltigungsversuchs ist kein Thema. Augen zu und durch, scheint die Devise zu lauten. Nichts könnte das vergebliche Festklammern am längst verblassten Glanz der ehemaligen Grande Nation besser illustrieren als die Nominierung Lagardes, die noch dazu in einem Amtsmissbrauchsverfahren belastet wird. Allein die Idee, dem IWF nach dem Fiasko um Strauss-Kahn neuerlich das Risiko einer Justizaffäre aufzuhalsen, erscheint mehr als daneben.

Stattdessen sollte Europa Allianzen für eine inhaltliche Neuausrichtung des IWF schmieden. Und sich bei der Nachbesetzung darauf konzentrieren, dass der beste Kandidat ungeachtet der Nationalität das Rennen macht. (Andreas Schnauder, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24.5.2011)

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10 Postings
Mostbluzza
00
25.5.2011, 09:36
das wird wohl eine feilscherei

china und europa einigen sich:

ein kompromisskandidat aus schwellenland oder marionette

dafür kauft china europ. anleihen in erheblichem ausmass und investiert (noch mehr) in euro

die usa nimmt da keiner mehr ernst, der eu-bric block wird das spiel entscheiden

Agnostiker1
10
24.5.2011, 17:40
Ein abwegiger Kommentar.

In einer Zeit wie der jetzigen, die Pferde zu wechseln, also z.B. einen Chinesen an die Spitze des IWF zu setzen, wäre ein verhängnisvoller Fehler. Wenn die Anteile am IWF so bleiben wie sie derzeiet sind, kann es aufgrund der europäischen Sperrminorität nur einen Europäer an der Spitze geben. Und das erfordert auch einen Europäer, weil ein Chinese zuerst mal sich einen Globus kaufen muss, um Griechenland oder Portugal einzuordnen. Dann stellt er fest, dass Griechenland viel kleiner als eine chinesische Provinz ist und ihm geht jegliches Verständnis für die aktuelllen europäischen Befindlichkeiten ab. Ergo: ein/e Europäer/in an der Spitze des IWF ist im Moment dringend geboten.

cannery row
10
24.5.2011, 14:07
unsinn..

wohin exportieren die usa am meisten? den werden sie auch unterstützen.

Moralapostel
 
00
24.5.2011, 17:47
sinn?

Dann muessten ja Generationen an europaeischen IWF-Direktoren den europaeischen Interessen bestens gedient haben. Komisch nur dass immer vom Washington Consensus geredet wird und nicht vom Brussels Consensus.

Moralapostel
 
10
24.5.2011, 12:54
In unserem Interesse ist...

..., dass der IWF bei europaeischen Krisen nicht wegschaut, die Ansteckung durch aussereuropaeische Krisen verhindert und, vielleicht am wichtigsten, die globalen Ungleichgewichte (die eigentliche Krisenursache) eindaemmt. Vielleicht kann all das ein chinesischer oder brasilianischer IWF-Chef besser als ein europaeischer. Eine (geeinte!) europaeische Stimme wuerde dazu wohl reichen.

verinus
10
24.5.2011, 13:27

jaaaaa gaaaaanz sicher...

kopfsalat
02
24.5.2011, 10:50
und was ist in unserem interesse?

denn das sollten wir vorantreiben und gutheissen.

noirc80
04
24.5.2011, 00:12

der beste kandidat soll es werden, ganz recht. und aus europäischer sicht ist das eben grad eine europäerin und äußerst legitim darauf zu pochen.
außerdem finde ich es irgendwie süß, dass manche hier den "schwellenländern" gerne fair begegnen möchten. ich halte das für sozialromantik, denn umgekehrt rechne ich nicht mit dieser fairen behandlung. insofern hoffe ich, die realisten setzen sich durch und nicht die sozialromantiker.

Warentester
00
23.5.2011, 21:59

Na, dann bin ich mal gespannt, ob Hr. Schnauder bei der nächsten Wahl des WB Chefs genauso über ein Ende der Erbpacht schreibt. Da wär's sogar noch notwendiger. Der IWF-Chef wurde bis jetzt immerhin von verschiedenen Ländern eines Kontinents entsandt, der WB-Chef nur von einen Land. Aber dann wird Schnauder vermutlich wieder mal seine "Am-US-Wesen-wird-die-Welt-genesen"-Platte auflegen, die er zusammen mit seinen Kumpel Frey so gerne spielt.

P.S.: Ich hätte nicht dagegen, wenn beide Posten mal von den BRIC besetzt würden. Wär' mal eine Abwechslung.

recycling
03
23.5.2011, 19:23

"Oder heißt die neue Logik plötzlich: Wer erhält, schafft an?"
Wäre das etwa verwunderlich?

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