Gespaltene Golan-Drusen bangen mit Syrern

23. Mai 2011, 17:57
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Nur geschätzte zehn Prozent der Einwohner von Majd al-Shams sind Assad-Gegner

Wer durch die steilen, von frischen Maiwinden durchfegten Straßen des großen Drusendorfs Madjd al-Shams geht, befindet sich formal in Syrien und ist doch dem Zugriff von Bashar al-Assad entzogen. Bei aller Abneigung gegen den syrischen Präsidenten ist für Salman Fakhr-Eddin völlig klar, wo er hingehört: "Ich bin Syrer, da gibt es keine Wahl - egal, ob Assad oder jemand anderer in Damaskus regiert."

Ähnlich patriotische Gefühle haben wohl fast alle der rund 20.000 Drusen in dem 1967 von Israel eroberten Teil des Golangebiets. Ihre Gemeinschaft bildet einen exterritorialen syrischen Mikrokosmos, der jetzt aufgewühlt und zerrissen ist.

Die Golan-Drusen leben die Turbulenzen drüben in der nahen Heimat mit und kämpfen mit Loyalitätskonflikten, weil sie ja de facto zu Israel gehören und demokratische Freiheiten genießen, die es in Syrien nicht gibt.

In der kleinen Menschenrechtsgruppe al-Marsad widmet sich Fakhr-Eddin gewöhnlich dem "Kampf gegen die Israelis", von dem man auf dem Golan aber kaum etwas spürt. 1982 hat es hier Streiks und Demonstrationen gegeben, doch an eine Intifada nach dem Vorbild der Palästinenser ist schon wegen der viel kleineren Zahl der Golandrusen nicht zu denken. Jetzt macht Fakhr-Eddin sich Sorgen um seine Verwandten in Syrien und befürchtet "einen Bürgerkrieg", durch den "Syrien als Staat zerfallen könnte".

Seine Mitstreiterin Shifa Abu Jabal gehört zu einer spontan entstandenen Gruppe von fünfzehn Aktivisten, die die Demonstranten tätig unterstützen - über das Internet. Sie hätten 190 Kontaktleute in Geheimgruppen in Syrien, "aber wir verlieren immer mehr von ihnen, sie werden verhaftet oder verschwinden - in Damaskus und Aleppo gibt es mehr Sicherheitsleute als Bürger".

Vom Golan aus leite man etwa die Information weiter, wo es gerade Zusammenstöße gebe, sodass jemand hingehen könne, um mit dem Handy eine Videoaufnahme zu machen. "Wir helfen ihnen, die Nachrichten von der Revolution zu bekommen, denn in Israel haben wir Zugang zu jeder Website", sagt die 25-Jährige, die an der Universität von Haifa studiert hat. In Syrien "gibt es keinerlei politische Bildung, es wird viel mehr blockiert, als Sie sich vorstellen, die haben keinen Zugang zu Al-Jazeera oder Al-Arabia, Facebook wurde schon im Jänner blockiert, alle israelischen Websites sind blockiert".

Doch Abu Jabal muss zugeben, dass nur geschätzte zehn Prozent der Golan-Drusen erklärte Assad-Gegner sind: "Die Mehrheit ist gegen die Unterstützung der Revolution, und sie teilen sich wieder in jene, die für Assad sind, und jene, die sagen, wir sollen stillhalten."

Ein glühender Assad-Fan ist etwa Hamad Awidat: "Assad ist ein Mann des Friedens, das syrische Volk liebt ihn und will ihn", predigt der 27-Jährige, der in Majd al-Shams ein kleines TV-Produktionsstudio leitet. Seine Informationen habe er "von Freunden in Syrien", und "die einzigen Quellen, denen ich glaube, sind der syrische Armeesprecher und das syrische Fernsehen". Berichte von Massakern an unbewaffneten Demonstranten seien von übelwollenden Medien erfunden, in Wahrheit seien vom Ausland gesteuerte Aufständische am Werk, die Soldaten angreifen: "Wenn in Österreich jemand Probleme macht, dann würden auch dort Soldaten die Waffe gebrauchen, um das Volk zu schützen - ich habe kein Problem damit."

Angst vor den Islamisten

Im Nachbardorf Bukata plädiert Sheikh Hussam für einen Mittelweg. Auf dem Golan gegen das syrische Regime, also gegen das eigene Land zu demonstrieren, das gehöre sich nicht und sei außerdem "keine Kunst", meint er, "hier kann jeder sagen, was er denkt".

Der tiefreligiöse Landarbeiter sorgt sich vor allem um die drusische Minderheit in Syrien - die wäre gefährdet, "wenn die Muslimbrüder an die Macht kommen". Deshalb ist Hussam für Demokratie, aber nicht für einen Umsturz: "Präsident Assad ist ein junger Bursche, und man muss ihm Zeit geben - wenn er dann keine Demokratie macht, dann soll er gehen." (Ben Segenreich aus Majd al-Shams, STANDARD-Printausgabe, 24.5.2011)

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    Der Blick von der israelisch-syrischen Grenze bei Majd al-Shams auf den Golan-Höhen.

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    Auch dieser Grenzübergang wurde am 15. Mai zu erstürmen versucht.

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    Im Jahr 2008 wurde mit einer Kundgebung und syrischen, libanesischen, irakischen und palästinensischen Flaggen der frühere libanesische, in israelischem Gefängnis sitzende Samir Kantar willkommen geheißen.

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    Drusen in Majd al-Shams.

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