In Budapest wurde der Direktor des Holocaust-Zentrums entlassen - Dies nährt bei Kritikern der rechtsnationalen Regierung den Verdacht, dass Ungarns Rolle bei der Vernichtung der Juden minimalisiert werden soll
Nachdem die rechtsnationale Fidesz-Regierung Ungarn eine neue
Verfassung
gegeben hat, geht sie jetzt offenbar daran, den Holocaust umzudeuten,
wohl im Geist des "nationalen Glaubensbekenntnisses", der
Grundgesetz-Präambel. Ein Schritt in diese Richtung ist die Entlassung
von László Harsanyi, Direktor des Budapester Holocaust-Zentrums für
Dokumentation und Erinnerung (HDKE). Harsanyi musste gehen, nachdem er
sich geweigert hatte, die ständige Ausstellung des HDKE nach Anweisung
des zuständigen Staatssekretärs András Levente Gál zu ändern.
Gál hatte verlangt, dass der Horthy-Aspekt in der Ausstellung anders
dargestellt werde. Denn es gebe "keinen kausalen Zusammenhang" zwischen
dem Einmarsch der Ungarn in die Nachbarländer und der dortigen
Judenverfolgung, sagte Gal in einem Interview, das im Internetportal der
Regierung erschien. In der Schau sind Videos zu sehen, die ungarische
Truppen unter anderem in der Slowakei zeigen, in einem davon tritt auch
Horthy auf. Es geht Gál offenbar darum, die ungarische Mittäterschaft im
Holocaust zumindest zu minimalisieren.
Reichsverweser Miklós Horthy (1868-1957) war während seiner
Regentschaft
(1920-1944) zunächst mit Nazi-Deutschland verbündet. Im März 1944 wurde
Ungarn von deutschen Truppen besetzt, im Mai begann die Deportation der
ungarischen Juden. Mit betroffen waren auch Juden aus den Nachbarländern
Rumänien, Slowakei und Ukraine, weil Ungarn Teile dieser Länder nach den
Wiener Schiedssprüchen von 1938/1940 auf Betreiben Hitlers
zurückbekommen hatte. Es waren Teile der Gebiete, die Ungarn nach dem
Trianon-Vertrag 1920 verloren hatte. Die dortige Judenverfolgung, wie
auch jene in Kern-Ungarn, wäre ohne Mithilfe des Horthy-Regimes
undenkbar gewesen.
200.000 Helfer der Nazis
Laut HDKE haben etwa 200.000 Ungarn - von Polizisten, Soldaten und
Eisenbahnern bis hin zu ärztlichem Personal - den Nazis Beihilfe
geleistet. Die SS wäre personell gar nicht in der Lage gewesen, binnen
sieben Wochen ohne ungarische Hilfe fast 450.000 Juden in die Wagons
nach Auschwitz zu treiben. Etwa 550.000 ungarische Juden wurden von
deutschen und ungarischen Nazis ermordet.
Neben der Geschichtsdeutung geht es bei der Fidesz-Übernahme der
Macht
über das HDKE möglicherweise um viel Geld. Denn dem Holocaust-Zentrum
wurden jüngst die Recherchen zu möglichen Rückgabeansprüchen jüdischen
Vermögens übertragen, das die ungarischen Nazis enteignet hatten. Auch
diese Recherchen will Fidesz nun offenbar kontrollieren. Seit Gründung
des HDKE 2006 ist der Staat maßgeblich an der Stiftung beteiligt, die
das Zentrum betreibt. Dies war als politisches Signal gedacht, dass die
Aufarbeitung des Holocaust Sache aller Ungarn ist, nicht nur der Juden.
Dies kann nun eine Bumerang-Wirkung haben.
HDKE-Stiftungsratsvorsitzender ist György Haraszti, Professor am
Budapester Rabbinerseminar. Es gilt als nicht ausgeschlossen, dass
Haraszti sich in der Geschichtsdeutung der Fidesz-Linie anpasst. Als
wahrscheinlicher Nachfolger des entlassenen Harsanyi gilt der Historiker
Szabolcs Szita, der keinen schlechten Ruf hat. Ob das so bleibt, hängt
von der neuen Holocaust-Ausstellung ab, die wahrscheinlich im Herbst
eröffnet wird. (Kathrin Lauer aus Budapest, STANDARD-Printausgabe, 24.5.2011)