Beginn des kleinen Japan-Schwerpunkts der Festwochen mit Akira Takayama und Toshiki Okada
Wien - Nach Fukushima und seinen politischen Auswirkungen gewinnt der kleine Japan-Schwerpunkt der Wiener Festwochen eine besondere Bedeutung. Zu sehen sind derzeit Arbeiten von Akira Takayama, Compartment City Vienna im Resselpark (bis 4. Juni), sowie von Toshiki Okada, The Sonic Life of a Giant Tortoise im Brut-Künstlerhaustheater. Und ab 1. Juni wird dort auch Daisuke Miuras Castle of Dreams gezeigt.
Die Zäsur in der japanischen Gesellschaft nach der Reaktorkatastrophe hat sich auf Takayamas Performance-Installation Compartment City ausgewirkt. Die eigentliche Grundlage dafür war aber eine "kleine" Katastrophe: der Brand in einem Kabinenkino in Osaka, verursacht von einem Mann, der von Panasonic gefeuert worden war und seinem Leben durch einen Verbrennungsakt ein Ende setzen wollte. 16 Menschen starben.
Ein solches Kabinenkino, das in Japan auch als Zufluchtsort für Obdachlose und Flüchtlinge dient, hat Takayama in Containern detailgetreu nachgebaut und anstelle von Pornos mit Interview-Videos ausgestattet. Man kann sich eine Kabine mieten und dort von Menschen aus Österreich und Japan erfahren, wie sie leben, was sie sich wünschen und was sie vom Betteln auf der Straße oder von Migration halten.
Danach - hier der Fukushima-Bezug - kann der Besucher einem "Evakuierungsplan" folgen. Was ihn am Ziel erwartet, soll eine Überraschung sein. Ganz als Frontaltheater kommt das Stück der Gruppe Chelfitsch um den Choreografen-Regisseur Toshiki Okada daher, der bereits zum wiederholten Mal bei den Festwochen begeistert. The Sonic Life of a Giant Tortoise ist eine so ausgeklügelte wie harte Auseinandersetzung mit der Depravierung des japanischen Soziallebens durch ein gnadenloses Wirtschaftssystem.
Ganz klar zeigt sich der Zusammenhang mit Takayamas Compartment City: Aus der Perspektivlosigkeit einer "Hire and fire"-Arbeitswelt erwachsen Autoaggression und Todesfantasien. Okada vergleicht Japan mit der Überspezialisiertheit der Riesenschildkröten auf den Galapagosinseln. Doch man erinnert sich auch sofort an das europäische Pendant, das etwa durch die anhaltende Selbstmordserie bei France Télécom sichtbar wurde.
Fünf junge Leute reden und gestikulieren um die erratische Leere ihrer Existenz und ihres Gefühlslebens herum. Identitäten wandern von einer Figur zur nächsten, jegliches Empfinden für Zeit verschwindet. In diesen Sog wird das Publikum hineingezogen, und auch hier muss es, wie bei Takayama, seine eigenen Schlüsse ziehen. Eine großartige Arbeit, zu sehen bis heute, Dienstag. (Helmut Ploebst, DER STANDARD - Printausgabe, 24. Mai 2011)