Eine Diskursproduktion in Cannes - Von Ekkehard Knörer
Cannes ist vorbei, viele Cinephile sind glücklich über die Palme für den Kino-Reklusen Terrence Malick. Der gibt grundsätzlich keine Interviews oder Pressekonferenzen und unterscheidet sich damit sehr deutlich vom Dänen Lars von Trier, dessen stets loses Mund- und Denkwerk diesmal dem Boulevard und angrenzenden Feuchtgebieten einen Skandal - oder Pseudoskandal - als gefundenes Fressen servierte. (Für eine nüchterne Einschätzung der Angelegenheit verweise ich sehr gerne auf den Standard-Kommentar von Claus Philipp.) Lars von Trier nämlich hat Hitler gesagt:
Hoppla, nein, falsches Video. Lars von Trier hat Hitler gesagt:
Das Festival erklärte Lars von Trier darauf zu "Persona non grata", unklar blieb, für wie lange der Bannspruch wohl gilt. Kirsten Dunst gewann trotzdem die Palme als beste Schauspielerin in von Triers "Melancholia", manch einer zeigte sich freilich stärker beeindruckt von Körpersprache und Mienenspiel auf der ominösen Pressekonferenz. Als Internet-Meme machte ihr Auftritt in einer Animated-Gif-Version sehr schnell die Runde.
Sehr schön beobachten lässt sich an der ganzen Angelegenheit überhaupt, wie schnell ein Vorkommnis dieser Art heute in diverse Diskurs-Aggregatzustände überführt wird. Mit moralischem Ernst reagierte das Festival selbst und sah sich daraufhin im Auge eines Sturms aus Twitter- und anderen Social-Network- ebenso wie den üblichen feuilletonistischen Kommentaren und -Deutungsversuchen.
Aber auch Lars von Trier selbst, über seine eigene Performance sichtlich nicht ganz glücklich, betätigte sich in einer Serie von Interviews als Hermeneut seiner eigenen Blödheit und performte, weil es sein Modus als Künstler ist, trotzdem mit einem gewissen Mangel an Zerknirschung halbironisch weiter. Hier die von Triersche Selbstkommentierung im Bild:
Und natürlich konnte - anderes Meme - auch Adolf Hitler selbst in seinem Bunker die Angelegenheit nicht auf sich sitzen lassen. Zwei Tage nach dem Vorfall fand die sehr beliebte Serie von absurden "Untergang"-Untertitelungen endlich ihre erwartete, reichlich schlüpfrige Fortsetzung.
Binnen weniger Tage hat das Ereignis so seine realen, viralen, feuilletonistischen, moralischen, bildreflexiven, ernsten und ironischen diskursiven Erregungspotenziale erschöpft. Mehr als sofort gesagt wurde, mehr als auf der Stelle in der Sekundärbearbeitung entstand, gibt es zur Sache nicht zu sagen. Jeder hat seine Rolle gespielt, der Sturm im Wasserglas geht zu den Akten.
CARGO Film Medien
Kultur ist ein Magazin und eine Website. derStandard.at bringt in
unregelmäßiger Folge
Beiträge aus der Cargo-Redaktion.
CARGO ist eine eine in Berlin erscheinende Vierteljahreszeitschrift und ein Onlinemagazin zu den Themen Film, Medien und Kultur. derStandard.at/Kultur präsentiert in unregelmäßiger Folge Beiträge von CARGO.
Lars von Trier macht mit seinem Mund halt mehr Wirbel als mit seinen Filmen, muss er auch, weil er ja künstlerisch nichts zu bieten hat. Von seinen Filmen hat nur er was, ist halt seine Maltherapie, schön für ihn dass er damit Geld verdienen kann, als Zuseher braucht man sich keinen Erkenntnisgewinn erwarten.
Weils gerade so paßt (und bitte auch Augenmerk auf den weiter unten verlinkten hervorragenden Artikel in der Zeit!):
H. C. Artmann in den 1960ern im Dramolett "Erlaubent! Schaas, aber sehr heiß, bitte!" sitzt irgend eine verzückt verblödete Tussi herum, die öfter eine Hitlergestalt anhimmelt mit den Worten "Schöner Faun! Liebling der Fraun", bzw. "Faundiburli feschifesch!"
Das macht Artmann natürlich zum schlimmsten Nazi, gell?!
Hinweis auf sehr lesenswerten Kommentar im heutigen "Freitag" von Dietrich Kuhlbrodt, bekanntlich (?) pensionierter Staatsanwalt, Schauspieler, profunder Filmkritiker und Autor des Buches "Deutsches Filmwunder – Nazis immer besser": http://www.freitag.de/kultur/11... eil-hitler
Ich frag mich generell warum Trier überhaupt solche Sager vom Stapel lässt.Dieses ständige "provozieren" sollte mal ein Ende haben.Können Regisseure nicht einfach ihren Film promoten und Schluss.
Oder muss man "intellektuell" sein,um diese Chuzpe zu verstehen.
Ich frage mich auch, was dieser "Humor" denn soll? Erstens ist er auf einem internationalen Festival unpassend und extrem dumm, und zweitens sind manche Dinge einfach nicht zum Lachen.
Und ich nehme mal zu seinem Gunsten an, es sollte wohl eine Art zynischer Humor sein.
und beschäftigt euch mal mit der Biographie von dem Typen(Vor allem seine beiden Väter). Der hat sich selbst und alle anderen gleich mit dazu verarscht.
die aussagen des herrn von herrn von trier, herr philipp, bleiben, auch nüchtern eingeschätzt, blöd. da mögen seine arbeiten noch so gut oder er aufgrund seiner biografie unverdächtig sein.
wenn man genau nachliest, war trier ja auf ironisierung seiner persönlichen familiengeschichte aus.
aber trier weiß eben nicht, dass ironie sowas von 1990er ist und heute nicht mehr funktioniert, sondern ablehnung erzeugt. weil man, um ironie zu begreifen, schon etwas komplexer denken muss, aber das ist derzeit nicht so angesagt. was mehr als 180 zeichen hat, wird nicht verstanden, sondern verzerrt.
... die Entschuldigung war imho ein weiterer gelungener Akte in dieser Boulevardkomödie.
Wie man das richtig macht mit dem entschuldigen (Sündenfall, Reue, Buße, Vergebung), kann man von anderen Lausbuben lernen. Tiger Woods etwa als Mimiktrainer, Bernhard Kohl als Method Acting-Partner, dann hätte die Entschuldigung nicht den Anschein gehabt, als hätte er ein Ölkännchen leergetrunken... ;-)
Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.
Alle Rechte vorbehalten. Nutzung ausschließlich für den privaten Eigenbedarf. Eine Weiterverwendung und Reproduktion über den persönlichen Gebrauch hinaus ist nicht gestattet.
Bitte geben Sie eine E-Mail-Adresse an.
Aktualisierung Ihrer E-Mail-Adresse
Ihre aktuelle und korrekte E-Mail-Adresse ist Voraussetzung für alle Benachrichtigungen, die Sie von derStandard.at erhalten (z.B. Antworten auf Ihre Postings, Hilfe bei vergessenem Passwort). Zusätzlich werden Sie Ihre E-Mail-Adresse künftig für das Login benötigen.
Daher bitten wir Sie um eine kurze Überprüfung und Bestätigung Ihrer E-Mail-Adresse. Ihre E-Mail-Adresse wird dadurch nicht für Dritte sichtbar!
Die von Ihnen angegebene E-Mail-Adresse ist bereits mit einem anderen Account verknüpft. Bitte geben Sie eine andere E-Mail-Adresse an.
Diese E-Mail-Adresse ist leider ungültig. Bitte verwenden Sie eine dauerhafte E-Mail-Adresse!
Eine E-Mail-Adresse kann nicht für mehrere Accounts verwendet werden!
Aktualisierung Ihrer E-Mail-Adresse
Danke für die Bestätigung Ihrer E-Mail-Adresse. Es wurde ein Bestätigungslink an die angegebene Adresse gesendet.
Aktualisierung Ihrer E-Mail-Adresse
Ein unbekannter Fehler ist aufgetreten. Die E-Mail konnte nicht gesendet werden. Bitte versuchen Sie es noch einmal.