Einmal Gitarre aufs Zimmer!

26. Mai 2011, 16:46
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Nicht Mitte, trotzdem mittendrin. Europas Partymetropole Berlin hat jetzt ein Musikhotel

Müsste man Berlin einen Aggregatzustand zuschreiben, so wäre der keinesfalls fest, nicht gasförmig, am ehesten flüssig, unbeständig, etwas das sich seinem umgebenden Raum anpasst: Fließend wie die Spree, die hier beim Blick aus dem 8. Stock des neuen nhow-Hotels vorbeifließt und die Bezirke Friedrichshain und Kreuzberg trennt. Oder besser gesagt: nicht mehr. Nur die "East Side Gallery" erinnert an die Mauer, deren letzte bunte Reste hier am Spreeufer im Abendlicht stehen. Langsam geht die Sonne unter, genau zwischen den Türmen der Oberbaumbrücke, die schon wieder seit mehr als 20 Jahren den ehemaligen Osten und den alten Westen verbindet. Ein letztes Tageslicht fällt auf das Ufer gegenüber mit seinen mehrstöckigen Lagerhäusern mit den großen Glasfronten. Wenn es in Friedrichshain dunkel wird, wird klar, worum es hier geht: Party und die nächste Nacht zum Tag machen.

Berlin verändert sich ständig, an allen Ecken und Enden. Dass sich das nhow-Hotel die Ecke Friedrichshain/Kreuzberg ausgesucht hat, ist kein Zufall. Wer am Weg vom Flughafen hierher noch geglaubt hat, die Stralauer Allee sei ein bisschen weg vom Schuss, liegt falsch. Oder eben richtig. Wer hier absteigt, ist nicht in Berlins alter neuer Mitte gelandet, aber doch mittendrin, in Europas professioneller Partymetropole. Das Berghain, die Panorama Bar, das Waterfront, der Tresor, Maria am Ostbahnhof, die Bar 25, der Club der Visionäre und so weiter und so fort. All die klingenden Klubnamen, in denen es um harte Türsteher, die geile Spreeterrasse und freizügige Unisextoiletten geht, liegen in allernächster Nachbarschaft. Aber das ist nicht alles.

Direkt eingebettet ist das nhow zwischen den Universal Studios und MTV Berlin. Das ist auch kein Zufall. In einer Metropole mit knapp 500 anderen Hotels heißt der USP: Musikhotel und die Zielgruppe: Musiker (und alle, die das werden wollen). In der riesigen Lobby im Stile einer Musik-Lounge, die so aussieht, als würde Austin Powers jeden Augenblick um die Ecke biegen, sitzt tatsächlich ein stylish abgefuckter Singer-Songwriter-Typ in einem farbenfrohen tiefen Sofa und spielt Riffs auf einer Gitarre - lautlos versteht sich, mit Kopfhörer. Nick Carter hat gerade mit Crew eingecheckt. "Wer?", fragt jemand. Der von den Backstreet Boys, er präsentiert hier sein neues Album. Und tatsächlich: Vor den Liften staut sich ernsthaftes Musiker-Equipment, das nur darauf wartet, in einem der von Star-Designer Karim Rashid überdesignten Liften in die achte Etage gefahren zu werden. Denn der "nhow Music Sound Floor", ein professionelles Tonstudio, das alle Stückchen spielt, ist das Herz des Hauses und der Kern des Geschäftsmodells.

Künstler, so die Idee, brauchen ein Hotel, brauchen Suiten, Studios, Catering und Pressekonferenzen. Hier im nhow bekommen sie das alles. Sogar ein paar blutjunge Berliner Groupies sitzen schon hinter dem Check-in-Schalter und warten auf Nick. Nick wer? Sie wissen schon.

"Das alles füllt noch kein 304-Betten-Hotel", weiß der Manager des Hauses und wirkt dennoch entspannt. Der Musikkasten an der Spree soll aufgrund seiner beachtlichen Größe (sieben Veranstaltungsräume) auch die großen Player locken - für Konferenzen, Events und Incentives. Der Hintergedanke: Auch Manager und Anzugträger wollen in Wahrheit nur eines: Lässige Rockstars sein oder sich zumindest ein Wochenende lang ein bisschen so fühlen. Auch für sie gibt es dann Tontechniker zu mieten, Gitarren- oder Schlagzeugservice aufs Zimmer, iPod-Ladestationen, eine poppige Badewanne und ein rosa Barbietelefon. WLAN hingegen kostet. Das schmerzt, denn auch der musische Kosmopolit ist heute gerne online. Das nhow will, laut Pressetext, dem "Lebensgefühl der neuen kreativen Klasse" entsprechen. Und Anlässe für diese neue kreative Klasse gibt es in Berlin mehr als genug. Gerade ist die "Fashion Week" zu Ende gegangen, und auch im Rahmen des aktuellen Gallery Weekend gibt es viel zu schauen. Und: Partys ohne Ende. Am amorph geformten Frühstücksbuffet des nhow (warum nur bis 10 Uhr?) sind also coole Sonnenbrillen ein Muss, denn hier in Berlin wird sehr professionell gefeiert - und nicht viel geschlafen. Die Sonne scheint schon wieder auf die Lagerhallen am gegenüberliegenden Spreeufer. Dort wird ein bisschen gelüftet oder einfach weitergetanzt. Berlin, nur so viel ist sicher, bleibt im Fluss. (Mia Eidlhuber/DER STANDARD/Printausgabe/22..2011)

  • Das neue nhow-Hotel Berlin liegt direkt an der Spree und ist mindestens so hip wie die umliegenden Kneipen und Clubs.
    foto: nhow hotels

    Das neue nhow-Hotel Berlin liegt direkt an der Spree und ist mindestens so hip wie die umliegenden Kneipen und Clubs.

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