Jeder fünfte Storch ist Pole

24. Mai 2011, 16:45
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In Nordpolen, in Ermland, gibt es die weltgrößte Storchpopulation - und daneben Landschaften wie aus dem Bilderbuch

Vom Wind verwehte Taschentücher, das Zucken der Bauplanen, der blecherne Zipfel des neu gedeckten Daches - verdächtig sind auch sie. Zumindest auf den ersten Blick, und vielleicht sogar noch auf den zweiten, ungeübten, wenn sie das Gleißen der Sonne in flagrante weiße Dreiecke verwandelt. Schuld daran ist die Landschaft, die hinter der Netzhaut liegt, und auf der sich die Objekte des Spähens schon vor Reiseantritt abgebildet haben: zu Hause im bunten Prospektblätterwald. Später, im Anflug auf Danzig, auf Augenhöhe. Doch jetzt, auf den kleinen Landstraßen des alten Ostpreußen, die keine Raserei erlauben, sind Ermlands Störche erst wirklich nah.

Und genau um diese geht es im Moment. Adebar ist im Anflug und eine Einladung zur größten Storchenhochzeit der Welt. Wer Mitte Mai durch Polens Norden rollt, zumal mit Binokular im Handschuhfach, hat in der Regel kein verortetes Ziel vor Augen, zumindest kein dezidiert kulturelles. Denn die Weißstörche, die hier über Wiesen staken, und altmodische Strommasten und Dachfirste belegen, finden sich überall und nirgends. Eher aber schon überall: Die südostpreußische Region Ermland, unmittelbar nördlich der berühmten Masurischen Seenplatte gelegen, hält eine einzigartige Konzentration bereit. Rund 50.000 Weißstörche versammeln sich hier, am liebsten an den Grenzgebieten zur russischen Enklave Kaliningrad, wo brachliegende Felder und periodische Überschwemmungen die fettesten Futterfrösche über Feuchtwiesen hopsen lassen. Während Störche die Intensivierung der Landwirtschaft in weiten Teilen Europas mit Absenz quittieren, zieht Ermlands agrarisches Phlegma, das sich weiter südlich im Seen- und Flüsschen-Patchwork der masurischen Bilderbuchlandschaft fortsetzt, die Vögel fast magnetisch an. Zwanzig Prozent der Weltstorchpopulation fliegt auf dieses Idyll. Oder anders gesagt: Jeder fünfte Storch ist Pole.

Auch Lejdy ist so ein Dorf an der Grenze, an dem die Straßen enden, der Asphalt in Sand übergeht und glückliche Hühner die Kurve kratzen. Nicht ganz so berühmt wie das benachbarte Zywkowo, Polens bekanntestes Storchendorf, wo es mehr Störche als Anrainer gibt und wo ein hölzerner Beobachtungsturm die Störche-Stalker-Bilanz der Tagesbesucher definitiv erhöht: Über gut fünfzig Flitterwochennester reicht dort der Blick.

Um einen Tick verschlafener als der berühmte Nachbarort ist das kleine Lejdy allemal. Der frühe Morgen ist keine schlechte Zeit, das zu erfahren. Wie beim Zähneputzen stehen die Weiden in kleinen, klammen Grüppchen zwischen den Feldern umher, und die Pappeln schneien verträumt wollige Samen herab. Sogar die alte Bahnlinie, die Lejdy auf dem Weg nach Königsberg schon früher links liegen ließ, hat sich in ein langgestrecktes Nest verwandelt: Jetzt überziehen Büsche den rostigen Schienenstrang.

Doch immerhin: "Station" der 150 Kilometer langen "Storchen-Tour" ist Lejdy geblieben, gemeinsam mit einem Dutzend weiterer Dörfchen, die sich parallel zur russischen Grenze aneinanderreihen. Wenige Meter weiter, in Lwowiec alias Löwenstein, nistet ein Zehner-Pack Storchenpaare gar auf der gotischen Dorfkirche - das, wohl nicht nur aus Vogelperspektive betrachtet, dekorativste Motiv des Storchen-Trails. Spätestens dann reicht ein hartes Klappern der knallroten Schnäbel, und unter den Nestern tut sich ein doppelter Boden auf, einer, der den reichen Fundus des Fabelwesens bewahrt. Wie ein zweites Federkleid streift sich Adebar respektive der Kalif Storch dann sein allegorisches Weichbild über. Denn Störche sind Sympathieträger, trotz aggressiver Manieren und eines Schnabels, der zwischendurch als gnadenloses Bajonett fungiert - vielleicht wegen der aufrechten Haltung, der Nähe zu Haus und Hof, der Vertrautheit schaffenden Flugtechnik des thermischen Kreisens an gleichbleibendem Ort. Auch deswegen lockt die Paarungszeit, das Ausschlüpfen Ende Mai, und das nachfolgende, bis etwa August anhaltende Familienglück von Ciconia Ciconia alias Klapperstorch zunehmend Touristen in eine nordpolnische Provinzialität, nach der ansonsten kein Hahn kräht, das allerdings ganz und gar zu Unrecht.

Nähert man sich vom Süden, etwa über Allenstein/Olsztyn und dann Bartenstein/Bartoszye her an, so fügen sich die Bilder der vorüberziehenden Landschaft wie von selbst in das Adebar-Sujet. Denn die Woiwodschaft Ermland-Masuren wirkt als bäurisch geprägte Region ähnlich tief verwurzelt wie Kalif Storch in der Sagenwelt.

Ortschaften wie aus der naiven Vorschulliteratur des Pixi-Büchlein-Genres - Stichwort: backsteinrote Rathäuser mit Kupferdächern im Stile wilhelminischer Polizeihelme, altmodische Litfaßsäulen, brave Dackel, dicke Frauen mit Blümchenschürze - tauchen dann auf, und beschwören konsumismusresistente Relikte einer scheinbar kleinstädtisch verlangsamten Welt. In alle Richtungen schneiden Alleen in die grüne Dauerwelle der umliegenden Feuchtwiesen, und an den Ufern kleiner Dorfweiher spielt Birkenlaub im Wind und im Licht. Gut möglich, dass Chopin einfach vom Geflüster der Kronen abgeschrieben hat.

Ozcka wodne, Wasseraugen heißen die kreisrunden Tümpel, die diese Landschaft sprenkeln. Blaue Augen mit Schilf- und Binsenwimpern, die genau auf die Proteindiät der Storchpopulation schauen. Spätestens jetzt, und wenn sich die anfängliche Suche nach den wagenradgroßen, bis zu 500 Kilo schweren Nestern längst in die behäbige Ruhe des erfolgsverwöhnten Störcheschauers verwandelt hat, möchte man gerne noch einige weitere Brocken Polnisch verstehen.

Swinger, teilzeitstationär

Sei es, um aus erster Hand zu erfahren, was die Bauern über ihre Besucher erzählen. Dass die schwülen Abende nach sommerlichen Regen eine Art Störche- Prime-Time sind, weil die Hauptnahrung - fette Regenwürmer - dann wie Makkaroni am Wiesenbuffet liegt. Dass das Best-of-Ranking in Sachen Nestbauunterlage Ziegel-, Stroh-, Eternitdach lautet. Dass sie die Nester dort bauen, wo sich Wasseradern kreuzen, und jene Strohdächer verlassen, die demnächst abgerissen werden sollen, als ob eine Vorahnung die Störche beflügeln würde. Manche Gerüchte sind hingegen bereits vom Tisch. Die Sache mit dem Kinderbündel etwa.

Ach ja: Zum Thema Fabelwesen gehören auch frei interpretierte Geschichten, auch jene von der Treue der Störche fällt in die Knapp-daneben-Kategorie. Swinger mit territorialer Teilzeitverankerung träfe es nämlich besser. Denn entgegen der landläufigen Meinung sind sich Storchenpaare nur einen Sommer lang treu, kehren allerdings hartnäckig ins eigene Nest zurück, und zwar nach der knallharten Globetrotter-Regel: Wer zuerst von Afrika nach Hause kommt, kriegt auch das Nest. (Robert Haidinger/DER STANDARD/Printausgabe/21.05.2011)

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    In Nordpolen trifft man sie auf Schritt und Tritt, die Störche.

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    Nächster Internationaler Flughafen ist Danzig. Keine Direktflüge von Wien. Verbindungen mit einmal Umsteigen u. a. mit Lufthansa z. B. via München oder mit LOT via Warschau. Für den Transport vor Ort empfiehlt sich ein Mietwagen (Entfernung Danzig-Storchenroute ca. 3 Stunden). Per Bahn: Wien-Olsztyn via Warschau ca. 20 Stunden Reisezeit. Sanfte Alternative: per Fahrrad. Zu den 13.000 km ausgeschilderten Radwegen Polens zählt auch der 870 km lange Rundweg "Halskette des Nordens" um die Pommersche Seenplatte sowie der Storchenweg von Podlasie mit etwa 500 km Länge.

  • Unterkunft: "Hotel Zamek Ryn": Bei dem 4-Sterne-Hotel handelt es sich
 um das zweitgrößte Schloss des Deutschen Ordens, das im 14. Jh. 
errichtet wurde. Das perfekt restaurierte Gebäude ist Mitglied der 2008 
gegründeten Historic Hotels of Poland.
Bodenständige Alternative: Der Urlaub am 
Bauernhof. Deutschsprachige bzw. -stämmige Familien haben sich in diesem
 Zusammenhang zum 40 Höfe umspannenden Verband mit der leicht gruseligen
 Bezeichnung Ermländisch-Masurischer Verband Deutschstämmiger Landfrauen
 zusammengeschlossen.
    foto: hotel zamek ryn

    Unterkunft: "Hotel Zamek Ryn": Bei dem 4-Sterne-Hotel handelt es sich um das zweitgrößte Schloss des Deutschen Ordens, das im 14. Jh. errichtet wurde. Das perfekt restaurierte Gebäude ist Mitglied der 2008 gegründeten Historic Hotels of Poland.

    Bodenständige Alternative: Der Urlaub am Bauernhof. Deutschsprachige bzw. -stämmige Familien haben sich in diesem Zusammenhang zum 40 Höfe umspannenden Verband mit der leicht gruseligen Bezeichnung Ermländisch-Masurischer Verband Deutschstämmiger Landfrauen zusammengeschlossen.

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    Ganz ohne Infrastruktur müssen Hobbyornithologen auch in Nordpolen nicht auskommen. Zu den einschlägigen Einrichtungen bzw. Organisationen zählen: Storchenlehrpfad Toprzyny - Zywkowo.

    Bund für Vogelschutz in Nordpodlachien (Sekretariat PTOP) ul. Ciepla 17, 15-471 Bialystok.

    Allgemeine Infos zur Region Ermland: Polnisches Fremdenverkehrsamt; Fleschgasse 34/2a, A-1130 Wien Tel.: +43/(0)1/524 71 91,wien@pot.gov.pl, Infos zum Agrotourismus: www.mazury.travel

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