Vertrauen in mittelbudgetierte Filme wächst, auch Debüts wie "Michael" profitieren
Ein Sieger stand in Cannes bereits vor der Entscheidung der Jury am Sonntagabend fest: der Markt, jene zweite, der Öffentlichkeit weithin verborgene Ebene des Filmfestivals. Nach einem ganzen Jahrzehnt des kontinuierlichen Jammerns und Klagens - und den beiden von der Wirtschaftskrise beeinträchtigten Jahren 2009 und 2010 - war man in diesem Jahr zuversichtlich wie schon lange nicht.
Dies hat einerseits mit der Erholung der Wirtschaft zu tun, andererseits mit dem Erfolg von abseits der Großstudios produzierten Filmen wie The King's Speech oder Black Swan. Nichtsdestotrotz waren es Großproduktionen wie Paul W. S. Andersons Katastrophenfilm Pompeii, Spectre vom Saw-Regisseur James Swan oder Tarzan 3D, die an der Croisette die größten Vorverkaufsgewinne erzielten. Starken Einfluss haben dabei neue boomende Märkte wie Russland und Lateinamerika.
Dass selbst eine Goldene Palme nicht hohe Verbreitung und Einnahmen garantiert, konnte man indes beim letztjährigen Gewinner, Apichatpong Weerasethakuls Uncle Boonmee, beobachten. Noch vor der Preisvergabe schlugen sich bei den Wettbewerbsbeiträgen vor allem Filme wie Lynne Ramsays Familiendrama We Need to Talk About Kevin, Pedro Almodóvars La piel que habito und Michel Hazanavicius' Stummfilm L'artiste gut am Markt.
Auch Michael Kitzberger, einer der Produzenten von Michael, zieht ein positives Resümee: "Wir haben ungefähr 15 Territorien - darunter die USA, Großbritannien und die Beneluxländer - für einen Release des Films anverhandelt. Für ein Debüt mit heiklem Thema ist das überraschend viel." Hinzu kommen ein paar Dutzend Festivaleinladungen, die sich oft als Sprungbrett für einen Start in die jeweiligen Länder erweisen.
Dass Festivals längst selbst ein geschlossenen ökonomisches Feld bilden würden, ein Film also seine Möglichkeiten mit seiner Festivalpräsenz schon erschöpft, lässt Kitzberger nur bedingt gelten: "Das mag bei sehr kleinen Filmen so sein, oft ergibt sich daraus aber auch eine Verwertungskette, die zu vergrößerten Öffentlichkeiten führt." (kam, DER STANDARD - Printausgabe, 23. Mai 2011)