Altes Fleisch statt junges Gemüse

24. Mai 2011, 12:35
  • Artikelbild
    vergrößern 500x375
    foto: harald fidler

    Entspannt abhängen bis zum Auftritt: der Ruheraum der Steak-Boutique in Graz

    Bone-In-Rib-Eye, davor okaye Crostini und ein anständiger Oktopussalat, Wein, Wasser, Kaffee: 134 Euro

     

  • Artikelbild
    foto: harald fidler

    So sah das Rib-Eye dann verarbeitet aus - sorry für die miese Bildqualität!

  • Artikelbild
    foto: harald fidler

    Im Inneren des Rib-Eye, auch nicht schöner fotografiert

  • Artikelbild
    foto: harald fidler

    So sah das Höllerschmid-Filetsteak beim Floh aus - andere Baustelle, ich weiß

In Harald Fidler keimt zwischen Etsdorf am Kamp, Graz und Nebraska die Hoffnung, doch noch in Würde zu altern

Und wo gibt es in Wien dry aged beef? Die Frage traf mich auf dem falschen Kalbsfuß, wie gewohnt, wenn es um die Kombination Wissen und Essen geht. Bin ich der Herold? Namentlich fast. Wissentlich (und, wie man hier wieder sieht, auch sprachlich) nicht.

Die Blamage bereitete mir Frau Pichler von der Kleinen Zeitung, eine der Autorinnen der dortigen Gastrokolumne "Kulinarix", als ich so nebenbei einflocht, dass ich auch über Essen schreibe. Der stete Schmeck's-Beipacktext vom Dilettantismus - siehe unten - musste nicht mehr ausgesprochen werden. Er war meinem ratlosen Gesichtsausdruck abzulesen. Unter der Überschrift: Öh - dry aged? In Wien? Keinen Schimmer, vor zwei Wochen jedenfalls noch.

Müßiggehende und Beladene

In solchen Fällen hilft oft ein (abgesehen vom Hungergefühl in passender Gegend) zufälliger Besuch beim Floh in Langenlebarn. Früher einmal gar kein Tau über junge und gute österreichische Winzer oder Winzerinnen? Wein-Oskar und ähnliche Bewerbe. Heute kein Tau über Lokale, die ihre Zutaten nicht um die halbe Welt reisen lassen? 66-Kilometer-Prinzip. Sodoma-Ruhetag? Floh. Kein Tau über regionale Produzenten von Fisch bis Gemüse? Anna & der Floh. Und so fort halt, jetzt reichts wieder mit der Huldigung. Fast.

Da verschlägt's die Müßiggehenden und Beladenen, also den Fidler und den Grabenweger, auf dem Rückweg aus der Wachau, nach Langenlebarn. Und da steht dann auf der Karte Dry Aged Rindsfilet vom Höllerschmid. Zwei Tage nach Frau Pichlers Frage und kurz vor Herbert Hackers Ode ans Abhängen in „Format", der etwa auf Artner in Wien verweist, wie zuletzt auch der Holzer. Auf das Steirereck am Pogusch (exakt 28 Minuten meditiert Reitbauer senior für ein ordentliches Steak am Ofen, die Armbanduhr daneben, sagen unsere Schmecks-Spione). Und eben auf Höllerschmid.

Wasser lassen

Und schon liegt beim Floh ein altes Rind weniger auf Lager. So mürb. So intensiv. So saftig (was mir jetzt ein kleiner Widerspruch zum laufenden Wasserverlust auf Lager erscheint, aber egal). Eine reine Pracht. Kein Wunder, dass sich Frau Pichler so dafür interessiert. Und Frau Pichler weiß natürlich für ihr Revier auch Rat, wenn es mich nach Graz verschlägt. Bin schon da.

Steak-Boutique, sagt sie mit einer Überzeugung, die mir Widerspruch unmöglich macht. Aber wann wollte ich schon widersprechen, wenn fleischliche Freuden winkten? Allein: Es sind genau diese Zustände, die Menschen daneben greifen lassen. Wir kennen das aus den Weltnachrichten der vergangenen Tage.

Rot ausgemalt sind die eher engen Gewölbe unten im Grazer Hotel zum Dom, ein Bild mit Herzsymbol hängt an der Wand, es ist überdurchschnittlich warm, und gleich am Eingang, hinter der Bar, leuchtet einem im Neonlicht die ganze Pracht des Fleisches verschiedener Altersstufen entgegen.

Die Kuh fliegen lassen

Wo kann man hier noch danebenhauen? Der Fidler kann. Vor den Rubriken des Verfügbaren, Dry Aged Steaks aus Österreich und Dry Aged Steaks aus Nebraska. Ich lasse zwar durchaus gern die Kuh fliegen. Aber lieber eher abstrakt. Der Gedanke ist mir wenig  sympathisch, dass mein Essen mehr Meilen gesammelt hat als ich, wird es ausgerechnet nicht Nebraska. Und auch, weil der Höllerschmid ja am Kamp gezeigt hat, dass man für die Freuden des Fleisches nicht unbedingt in die Ferne schweifen muss. In Graz kann das ein Fehler sein.

Wir wählen das Bone-In-Rib-Eye, schon weil es am meisten Fett verspricht, und Fett ist ja Geschmacksträger, erinnert uns auch der Herr über den Fleischklimaschrank. Aus Österreich, vom steirischen Fleckvieh, erfahren wir noch auf Anfrage, und gekauft am Markt, Herkunft „Umland von Graz", „einmal vom Franz und einmal vom Josef", aber er bekommt schon immer einen Zettel mit dem Familiennamen des Tiers dazu.

Groß, blutig, gut

Das Bone-In-Rib-Eye ist ein ordentliches Trumm, soviel kann man sagen. Es ist nicht unbedingt medium, wie der Kompromiss am Tisch lautete, sondern eher auf der blutigeren Seite zuhause. Was mich alles andere als stört. Und mir gegenüber sehr gelassen aufgenommen wird. Außen ging der Handwerker in der Küche hingegen ausgesprochen forsch zu Werke. Das gehört bestimmt unter Natural Born Grillers genau so, vielleicht, damit der Saft nicht austritt, oder so. Mir war das Burnoutphänomen ein bisschen zu ausgeprägt, aber vielleicht bin ich da empfindlich. In Summe: groß, blutig, gut. Also sehr sympathisch.

Nur eine Frage hatten ich dann doch noch beim Abschied, als ich den Fleischbergen im Kühlraum traurig ade winkte: Wenn ich das Fleckviehtrumm mit dem Stückchen vom Höllerschmid vergleiche - woran merkte ich am Fleckvieh das Dry Ageing? Ich Dilettant frage sowas ja immer sehr vorsichtig, der Generalverdacht lautet, entgegen dem Kolumnentitel: Ich habs einfach nicht erschmeckt.

Altern alleine reicht nicht

In der Steak-Boutique räumt man ein: Eine Woche hätte das Tierchen schon noch rasten (nicht verwechseln mit ausrasten) können, damit der Ageing-Effekt sich so richtig einstellt. 21 Tage Entspannung unter Neonlicht verspricht die Karte für Ösibeef, 28 Tage für die US-Meilensammler. Und natürlich wäre das steirische Hornvieh von Haus aus nicht zu vergleichen mit dem aus Nebraska, versichert man mir. Man könne halt in Ruhe und Anmut und fein temperiert altern, so lang man will - wenn das Ausgangsmaterial nicht passt, hilft das alles nichts. Die Sorge hatte ich auch schon.

Schmeck's ist keine professionelle Lokalkritik. Harald Fidler und Freunde schildern hier ihre Erlebnisse beim Essen und Trinken. Als Dilettanten im Wortsinn: Laien, Amateure, Nichtfachleute, die eine Sache um ihrer selbst willen ausüben - also zum reinen Vergnügen. Was nicht immer gelingt.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 34
1 2
tramezzino
00
31.5.2011, 11:28
in new york

macht man das in den top restaurants schon seit vielen jahren. schon vor über 10 jahren gab´s darüber reportagen im wine spectator.

U-Bahn Steuer
01
29.5.2011, 16:22

dieses "dry aging"... ist das nicht das, was mein fleischer schon seit immer tut? das tote rindviech zerteilen, und diese teile dann im kühlraum ein paar wochen reifen lassen?!

obacht: das ist eine ernstgemeinte frage!

Eisenstaedt
00
30.5.2011, 22:28

rind muss immer abgehangen werden, bevor man es essen kann.

wenn man's allerdings drauf anlegt, dass sich schimmel bildet, der dann vor der zubereitung entfernt wird, nennt man's dry aging.

was ich nicht kapiere: was hat dem harald jetzt besser geschmeckt? das tier aus ö oder den usa? auch ernst gemeint.

Dr. Lari and Mr. Fari
 
00
10.1.2012, 14:31
vor einigenWochen Versuch mit angepackten Einzelstücken aus dem Metro, USA vs. Ö

gleicher Schniitt (rib eye), ungefähr gleiche Größe, jedenfalls absolut gleiche Zubereitung (zart und langsam in Butter anbraten, dann bei knapp 60 ° eine Stunde ins Rohr, dann am sehr heißen Grill einmals zisch und einmal zasch)

USA: flaumig, braucht fast kein Messer,toller Geschmack
A: sehr guter Geschmack, aber ziemlich fest trotz 4 Wochen dry ageing, kaum Fett...

U-Bahn Steuer
00
31.5.2011, 12:17

ah - das mit dem schimmel brauch ich aber auch nicht so gnädig...

Andreas Gottlieb
00

dann halten sie auch sicher nicht viel von zB schimmelkäse oder gewisse salamisorten. dei haben auch schimmel und der wird, im falle vom schimmelkäse nicht weggeschnitten. fals sich überhaupt schimmel bildet (in europa wird das fleisch aber eher bei bedingungen gereift, wo das nicht vorkommt) ist der schimmel am fleisch genauso unbedenklichund wird sogar noch weggeschnitten.

Eisenstaedt
00
31.5.2011, 13:40

ich hab's noch nie gekostet - es soll aber großartig schmecken. unten stand es schon - erfunden wurde das im "wolfgang's" in new york...

ob's gesundheitlich bedenklich ist, ist überhaupt eine andere frage. bislang scheint es jeder überlebt zu haben...

Dr. Lari and Mr. Fari
 
00
10.1.2012, 15:18
soll aber docha uch eine längere Vorgeschichte bis zu den 1920ern in CHicago haben.

Jedenfalls: mein erstes dry aged Filet im "Modern" in New York war eine Offenbarung!

Knochenmann
00
26.5.2011, 10:07
@ Fotos:

Ich würd's essen.

VOCE
02
25.5.2011, 16:42
GENAU DIESES TRUMM

von Rib-Eye-Steak dürfte der Speisenträger ganz flinken Fusses wieder an den Ort seiner Zubereitung zu seinem "Handwerker" verbringen, sollte ich als Besteller einer Medium-Rare Version dessen halbverkohlter Ausfertigung ansichtig werden!

Allerdings sei den beiden Dilettanten entsprechende Weiterbildung dringend empfohlen:
Der Koch könnte schon in einem beliebigen toskanischen Dorf die Kunst der richtigen Bistecca Befeuerung erlernen und der Autor sollte doch mal bei "Wolfgang`s" in NY erkunden, wie Dry-Aged-Steaks wirklich schmecken!

word8
00
26.5.2011, 01:47
aber genau dieses

"wirklich schmecken" ist ja das problem. sie sehen es so, ich vielleicht ganz anders und der kritiker sieht es wieder anders.

ich halte das für eine eher sinnlose betätigung.

VOCE
00
26.5.2011, 10:47
GESCHMACK

ist bekanntlich etwas durchaus Subjektives - und das ist auch gut so. Die Präsentation eines halbverbrannten Steaks hat jedoch - wenigstens für mich - etwas zutiefst objektives an sich und wird demzufolge dessen Genuss - wenigstens von mir - eher nicht in Erwägung gezogen.
Der Gag mit diesem "Dry-Aged-Beef" ist ohnehin ein Kapitel für sich, denn neben den Lagerbedingungen (Ort/Temperatur/Zeit) sind primär die Herkunft, Aufzucht-, Haltungs-, Futter- und Schlachtbedingungen des Rindes noch weitaus bestimmender für seine optimale Qualität - und wenn es dann noch derart dilettantisch zubereitet wird? Und der zweite Dilettant das auch noch gut findet?
Was bitteschön soll daran sinnlos sein?!

Andreas Gottlieb
00

ich weiß nicht, wo sie da ein halbverbranntes steak sehen. das was da so dunkel ist nennt sich kruste, ist erwünscht und wird durch die extrem hohen temperaturen mit denen die steak bei top steakhäusern zubereitet werden erreicht und schmeckt großartig. besser zubereiten als die dort kann man ein steak nicht. außen die schöne, knusprige, würzige kruste und innen das zarte, saftige fleisch, am besten medium rare.

xxx...yyy...
30
25.5.2011, 10:19
mich würde ganz generell

interessieren, welche qualifikation man eigentlich braucht, um gastrokritiker zu werden. meiner bescheidenen meinung nach sollte man dafür zumindest eine kochlehre absolviert haben...

tramezzino
00
31.5.2011, 11:30

du glaubst gar nicht, wieviele köche sehr, sehr wenig ahnung von warenkunde haben...

Eisenstaedt
00
31.5.2011, 09:54

ein massenmörder hat ja häufig auch keine ausbildung als massenmörder.

also ... so what?!?

dudi kailkia
00
25.5.2011, 12:20

gibt auch genügend spitzenköche ohne kochlehre - was soll das also für ein qualitätsmerkmal sein?

florian holzer2
06
25.5.2011, 11:49

warum? um dann so schreiben zu können wie ein koch?

word8
00
26.5.2011, 01:45
also ich, hätte ich die wahl zwischen kochen

können wie ein gelernter koch und schreiben können wie die gastrokritiker, würde kochen wählen.

ich meine, sein's mir nicht bös', ihre bemühungen in allen ehren, aber ich glaube nicht an all dieses geschwurbelte geschreibe über essen. und ich habe so viele kritiken gelesen die mir den himmel auf erden versprochen haben die beim lokalaugenschein eine einzige enttäuschung waren.

insofern verstehe ich die frage sehr gut.

xxx...yyy...
10
26.5.2011, 01:00
warum nicht?

so schreiben zu können wie holzer, fidler & co und sich dabei auch noch als non-plus-ultra in sachen geschmack und kochkunst zu fühlen wäre mir zu peinlich...

gustav gans42
45
25.5.2011, 10:03

also so blutig muß es für mich nicht sein.
Ein medium-rare sollte die Farbe von F*tlapperln haben...

Der Große von Gegenüber
00
26.5.2011, 10:37

hängt unter anderem davon ab, ob sie enzunden sind ...

Dr Don Tango
011
25.5.2011, 10:52

dann sind sie noch nicht viel herumgekommen wenn sie meinen da gäbe es nur eine farbvariante!

somit: beileid ;)

gustav gans42
00
27.5.2011, 14:02

die inneren, lieber Dr. Tango, sind immer gleicher Farbe; und die meinte ich...
Und ja: ich bin 30 Jahre durch die Welt gereist.
Und so manches durfte ich da in Augenschein nehmen.
Schönes Wochenende wünscht Gustav - der Fleißige!
Heut` Abend gibts Steak; und essen tua ma Spargel; vom Niedermayr in Raasdorf.
Comprende?

chris xian
01
25.5.2011, 08:22
nette kolumne.

leider verhilft der verkrampft lustige schreibstil nicht unbedingt zu einem adäquaten lesegenuss. die fotos fand ich dagegen gar nicht so schlimm :)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 34
1 2

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.