Arrivierte Meisterregisseure bestimmten das 64. Filmfestival von Cannes: US-Filmemacher Terrence Malick erhielt für "The Tree of Life" verdient die Goldene Palme
Paradoxe Schräglagen eines Festivals, das (zu) viele Öffentlichkeiten auf einmal bedient: Da gelingt Direktor Thierry Frémaux mit der Präsentation zweier Arbeiten im Iran verurteilter Filmemacher ein wahrer Coup, doch dann entwickelt der Wirbel um Lars von Trier ein Tempo, dass kaum mehr jemand die Ruhe findet, auf diese beklemmenden Zeugnisse einzugehen. Dabei hatte es schon die Anreise von Jafar Panahis Tagebuchfilm über seine verhinderte Arbeit, In Film nist ("Dies ist kein Film"), in sich - er kam als in einer Torte versteckter USB-Stick.
Gelassenheit ist in Cannes bekanntlich ein Schimpfwort - die Folge ist, im schlechtesten Fall, eine Hysterie, die das Werk überstrahlt. Schon im Vorfeld des 64. Filmfestivals hatte es geheißen, der Jahrgang würde besonders stark sein. Nun, nach zehn Tagen, lässt sich resümieren: Es war ein Jahr der arrivierten Filmemacher, aber nicht unbedingt eines neuer Talente. Allein Terrence Malicks The Tree of Life, der am sehnsüchtigsten erwartete Film seit langem, rechtfertigte den um ihn herrschenden Rummel. Die Ironie daran: Der notorisch scheue Malick blieb dem roten Teppich fern.
Kühn und überbordend
Malicks Strategie war jedenfalls die bessere als jene Lars von Triers. Sonntagabend erhielt Ersterer völlig zurecht die Goldene Palme: Kein anderer Film im letztlich doch qualitativ schwankenden Wettbewerb entfaltete eine ähnliche Strahlkraft und dividierte die Lager stärker auseinander. Kühn, visuell überbordend, mitunter sogar nahe an der Schwelle zum Kitsch ist dieser Film, der mit einer an Stanley Kubricks 2001 - Odysee im Weltall entlehnten Geste sogar bis an den Anfang unseres Universums führt. Vor allem in der zweiten Hälfte formt Malick mit der Vergewisserung der Eindrücke einer Kindheit im Texas der 1950er-Jahre einen Bilderstrom, der das Kino noch einmal als schöpferischen Apparat benutzt. Malick setzt einer gleichgültigen Natur einen Blick entgegen, einen, der nach Sensationen greift, Verbindungen herstellt - das hat weniger mit Mystik und Religion als mit dem amerikanischen Transzendentalismus eines Ralph Waldo Emerson und seinem Konzept eines "transparent eyeball" zu tun.
Thematisch stand The Tree of Life durch seine Hervorhebung von Kindheit, Elternschaft und der Frage nach individueller Verantwortung mit anderen Wettbewerbsfilmen in Dialog: Die Brüder Dardenne erzählten in Le gamin au vélo (The Kid With a Bike) von einem Jungen, den seit Vater nicht haben will, der dann aber in einer Friseurin (Cécile de France) eine neue Fürsorgerin findet - sie wurden dafür mit dem Großen Preis der Jury geehrt, den sie mit dem türkischen Regisseur Nuri Bilge Ceylan teilen.
Ceylans Once Upon a Time in Anatolia ist allein schon durch seine Dauer von zweieinhalb Stunden ein episches Stück Kino, das sich allerdings weniger an Sergio Leone als am Zeitmaß jüngerer rumänischer Erfolge orientiert. Die Länge ist eine eigene Kategorie in diesem Film, im dem erst nach einer Weile klar wird, wonach eine Gruppe Männer im Dunkel der Nacht suchen: nach einer Leiche. Der Täter gehört zum Trupp.
Ceylan entwirft jedoch keinen Krimi, sondern nutzt dessen Rahmen, um ein Breitwand-Bild vom Leben in Anatolien zu entwerfen - das ambitionierte Stimmungsbild eines Landes, das sein Vorbild literarisch bei Tschechov, filmisch eher in elegischen Arbeiten wie jenen von Tarkowski hat.
Der Däne Nicolas Winding Refn wurde überraschend als bester Regisseur prämiert: Seine im coolen Ambiente der 80er-Jahre gekleidete Adapation eines Romans von James Sallis, Drive, war einer der späten Höhepunkte des Festivals. Vor allem der Wechsel von ruhigen, gleitenden Einstellungen in brachiale Gewaltakte verleiht dieser Thriller-Revision eine ganz eigene Signatur.
Lars von Trier ging am Ende auch nicht als Verlierer aus dem Rennen: Sein somnambules Drama um zwei Schwestern, Melancholia, die sich angesichts eine apokalyptischen Planetenkonstellation miteinander befassen müssen, überzeugte die Jury - wie schon Antichrist - von der schauspielerischen Seite: Kirsten Dunst wurde als beste Schauspielerin ausgezeichnet. Der Franzose Jean Dujardin erhielt den Preis in der männlichen Kategorie für sein Porträt eines Stummfilmstars in L'artiste (Regie: Michel Hazanavicius). Maïwenn wurde für ihr Polizeidrama Polisse mit dem Spezialpreis der Jury geehrt. Leider leer aus ging der österreichische Cannes-Beitrag, Markus Schleinzers Michael.
Politik als Komödie
Ein weiterer, kleiner Schwerpunkt von Filmen an der Croisette befasste sich mit politischen Realitäten - oft als Komödien: In der hintersinnigsten davon, in Hearat Shulayim (Footnote), entwirft der Israeli Joseph Cedar den Konflikt zweier konkurrierender Philologen - mit der Pikanterie, dass es sich um Vater und Sohn handelt. Cedars mit opulenter Orchestrierung ironisch aufgezwirbelte Komödie, die mit dem Preis für das beste Drehbuch ausgezeichnet wurde, reicht über das Private hinaus - die subtilen Gemeinheiten, die er in der Beschreibung zweier Generationen, aber auch in jener eines bürokratisch-fehleranfälligen Staates verbreitet, haben hohen Unterhaltungswert. (DER STANDARD Printausgabe, 23.5.2011)
Preisträger
- Goldene Palme: The Tree of Life von Terrence Malick
- Großer Preis der Jury: Le gamin au vélo von Jean-Pierre und Luc Dardenne; Once Upon a Time in Anatolia von Nuri Bilge Ceylan
- Spezialpreis der Jury: Polisse von Maïwenn
- Beste Regie: Nicolas Winding Refn für Drive
- Bester Darsteller: Jean Dujardin (L'artiste)
- Beste Darstellerin: Kirsten Dunst (Melancholia)
- Bestes Drehbuch: Hearat Shulayim (Footnote) von Joseph Cedar
- Caméra d'Or für das beste Debüt: Las Acacias von Pablo Giorgelli
- Bester Kurzfilm: Cross von Marina Vroda
- Preis "Un certain Regard" Ex Aequo: Halt auf freier Strecke von Andreas Dresen; Arirang von Kim Ki-duk
- Spezialpreis der Jury: Elena von Andrej Zvyagintsev
- Beste Regie: Bé omid é didar von Mohammad Rasoulof
- Preis der Semaine de la Critique: Take Shelter von Jeff Nichols
- "Label Europa Cinema"-Preis: Atmen von Karl Markovics