Plädoyer für eine Unterscheidung
In den Medienberichten rund um den mittlerweile Ex-Chef des IWF, Strauss-Kahn, wird überwiegend nicht unterschieden zwischen "Sex" und sexuellen Übergriffen. So ist immer wieder die Rede von "Sexskandal", "Sexaffäre" oder "sexuellen Eskapaden". Es besteht aus meiner Sicht hier dringender Differenzierungs- und Klarstellungsbedarf in folgenden Punkten:
- Ein sexuelles Verhalten auf Basis von Einvernehmlichkeit, das nicht den Moralvorstellungen der Mehrheit entspricht, ist die eine Sache. Mag ein solches Verhalten eines Prominenten dessen Image (und dem der Organisation, für die er tätig ist) schaden, so ist es grundsätzlich trotzdem die Privatangelegenheit der Betroffenen, solange es auf Einvernehmlichkeit beruht.
- Sexuelle Übergriffe sind davon zu unterscheiden und etwas grundlegend Anderes. Sie sind kein Ausdruck sexueller Anziehung, sondern einer Haltung, dass man(n) sich in sexueller Hinsicht nehmen könne, was man(n) wolle, und zwar ohne Rücksicht auf den Willen des Gegenübers.
- Sexuelle Übergriffe sind daher eine Frage von Besitzdenken und Macht, da ja gegen den Willen einer anderen Person agiert wird. Es manifestiert sich darin eine zutiefst respektlose Haltung, die Frauen nicht als gleichberechtigte menschliche Wesen sieht, sondern als Objekte. Darauf haben Generationen von Feministinnen hingewiesen. Opfer können all jene sein (und sind es auch), die über geringe Macht bzw. geringere Macht verfügen als die Täter.
- Q Aus der Beratungspraxis der Gleichbehandlungsanwaltschaft ist mir bekannt, dass bei Belästigungsopfern am Anfang einer sexuellen Belästigung oft genau dies steht: das Gefühl der Unfassbarkeit, dass die eigenen Wünsche und das eigene (Nicht-)Wollen dem Belästiger vollkommen egal sind. Dies stellt eine tiefe Demütigung einer Person dar.
- Eine solche Einstellung von Männern in einflussreichen Positionen, mit der man(Frauen qua Geschlecht nicht auf gleicher Ebene gegenübertritt, hat Auswirkungen auf deren berufliches Agieren, davon bin ich überzeugt.
- Dass sexuelle Übergriffe in der heutigen westlichen Gesellschaft geahndet werden, ist gut und richtig und passiert - wie auch nach den Medienberichten zur diesbezüglichen Vergangenheit von Strauss-Kahn zu schließen - keineswegs sehr schnell. Im Gegenteil, bis heute wird sexuelle Belästigung/Gewalt viel zu häufig als "Kavaliersdelikt" angesehen.
In diesem Sinne: Respekt vor dem Mut jener Frau, die diesen Vorfall gemeldet bzw. angezeigt hat und sich gegen sexuelle Gewalt zur Wehr setzt!(Kommentar der anderen, Sabine Wagner, Juristin in der Anwaltschaft für Gleichbehandlung, DER STANDARD; Printausgabe, 23.5.2011)