Die Wutbürger und die Qualität der Medien

Gerfried Sperl, 22. Mai 2011, 19:31

Wenn die Verlage glauben, sie können die Garanten der Qualität bezahlen wie Kellner in den Restaurants, dann ist zweifellos Feuer am Dach

Das politische Phänomen des heurigen Jahres sind die "Wutbürger". Stichwort Stuttgart 21. Die jungen spanischen Wutbürger rufen "revolución". Sie verständigen sich über Internet. Aber das engagierte Publikum liest die Hintergrund-Artikel in den spanischen Qualitätszeitungen. Sie mussten in den letzten Tagen ihre Auflagen erhöhen.

Vielleicht ist das nur eine temporäre Steigerung des Interesses. Aber trotzdem ein Signal. Webzeitungen informieren schnell, Printmedien (so sie nicht dem Boulevard frönen) bieten Ursachenkompetenz.

Trotzdem wird allüberall das "Ende der Printmedien" prophezeit. Bald würden sie durch die Online-Zeitungen abgelöst. Selbst ein so seriöses Institut wie das Wiener Kreisky-Forum spricht in einem Einladungstext von einer "Krise der Printmedien".

Das erinnert an die beim Aufstieg des Fernsehens ausgerufene "Krise des Films", der bald ebenso wie die Kinos verschwinden würde. Auch diese Prognosen waren falsch. Verschwunden ist der grottenschlechte Film, geblieben ist die filmische Qualität. Sie ist gefragter denn je.

Das Zeitungssterben der letzten Jahre in den USA hat Pessimisten unter den Journalisten und Optimisten unter den Online-Betreibern dazu verführt, einen US-Trend auf Europa zu übertragen. Tatsächlich sind die Auflagen der Tageszeitungen in den USA dramatisch zurückgegangen. Am stärksten gelitten haben aber jene Blätter, die ihre Inhalte lokalisiert oder/und die Unterhaltung mit hohem Bildanteil forciert haben. Das alles ist online schneller und besser zu haben. Dazu kommt der sekundäre Analphabetismus als Lesehindernis.

Auch in Europa haben die Boulevardzeitungen Probleme. Sie versuchen daher, sich immer mehr Inhalte bezahlen zu lassen, um Personal- und Recherchekosten zu sparen. Dazu kommt eine Forcierung von Sensationen und behaupteter Exklusivität.

Während der jüngsten Finanz- und Wirtschaftskrise hat sich gezeigt, dass die Qualitätszeitungen stärker nachgefragt werden und an Image gewinnen. Offensichtlich wollen die (gebildeten) Leserinnen und Leser glaubwürdige tägliche Informationen, die sie sich weder online, noch über Massenblätter beschaffen können.

Die Qualität der Information lässt sich freilich nicht mit dem Einsatz von Saisonniers (um einen Begriff aus der Hotellerie zu verwenden) bewerkstelligen. Qualität setzt exzellent ausgebildete JournalistInnen voraus.

In Bayern will man just mitten im Krisengerede die Journalistengehälter drastisch kürzen. Die Süddeutsche und andere Blätter erschienen deshalb am Freitag mit Notausgaben. Die Wutjournalisten haben gestreikt.

Wenn die Verlage glauben, sie können die Garanten der Qualität bezahlen wie Kellner in den Restaurants, dann ist zweifellos Feuer am Dach.

Die Wutbürger gehen gegen die sinkende Qualität der Politiker auf die Straße. Wenn jetzt auch noch die Zeitungen zugrunde gespart werden, ist die aufklärende Rolle der Medien in Gefahr. Die aber ist keine Sache des Internets, sondern der Printmedien. (Gerfried Sperl, DER STANDARD; Printausgabe, 23.5.2011)

 

 

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 65
1 2
1116er
01
24.5.2011, 12:19
"glaubwürdige tägliche Informationen, die sie sich weder online....beschaffen können"

nachdem ich diesen artikel in der online-ausgabe gelesen habe:
handelt es sich hier um keine glaubwürdige information?

oder lese ich deshalb ihren artikel in der online-ausgabe, weil mein "sekundärer Analphabetismus als Lesehindernis" zu stark ausgeprägt ist?

no_milk_today
00
23.5.2011, 21:44

ist die aufklärende Rolle der Medien in Gefahr
---
die besteht in was? lobhudeleien gegenüber diverser wirtschafts/börsen-fuzzis? wie toll regierungen oder deren mitglieder sind? wie wichtig diverse kriege sind?

aufklärend wäre eher, wenn beide seiten gezeigt werden, und nicht tendenziell immer nur eine. oder warum etwas so ist, wie es ist bzw wie es so geworden ist, und nicht das systembedingte [?] herunterbeten von punkten. man könnte das noch weiterführen, aber dann wären die verbleibenden zeichen um einige zu wenig.
ach ja, auch das gegenseitige abschreiben ist nicht wirklich aufklärungsfördernd. und warum muß ich erst fünf zeitungen lesen, damit ich mit glück auch noch andere aspekte erfahren möchte
>

no_milk_today
00
23.5.2011, 21:46

> und ich überhaupt glück haben würde, überhaupt was zu finden, das sich bei denen anderen nicht auch wiederholt.

qualität? vielleicht noch, in der 'zeit', aber sonst ...

aufdeckender journalismus? selbst saure gurken sind eher zu finden als das, traurig genug.

reallity show
00
23.5.2011, 20:52

hr sperl, falls sie's noch nicht wissen. in print und www steht das gleiche drinnen nur anders gelayoutet.

mit der bezahlung allerdings geh ich d'accord. es ist eine zumutung wie überall der preis gedrückt wird. liegt aber grundsätzlich am zinssystem und daran, daß diese nirgends geschöpft werden und daher im system fehlen und sich zu einer stolzen summe im gesammten anhäufen. das blöde daran: die banken wollen sie haben, also woher nehmen, wenn nicht stehlen?
genau, bei jenen die sich am wenigsten wehren und immer weiter. fragen's mal den frey, was der darüber denkt, wär interessant zu erfahren, der liebt ja den neoliberalismus. sozusagen fleischgewordenes sprachrohr.

4simo
00
23.5.2011, 18:11
von welchen qualitätsmedien sprechen Sie?

der standard kopiert in erster linie apa artikel, eine recherche war (wie uA im fall assange deutlich wurde) bei keinen der Öischen medien vorhanden (da waren die user schneller als die journalisten, die doch die qualität garantieren sollten.
hmmmm

Enduser
00
23.5.2011, 17:54
Nonsense

Ich las diesen Artikel mobil, also kann es kein qualitativer Artikel gewesen sein.
Und offensichtlich stimmt Sperls Analyse das Qualität nur im Print zu finden ist, denn wer wie in diesem Artikel die Qualität des Inhalts mit dem Trägermedium begründet hat nicht sorgsam qualitativ recherchiert.

lessismore
00
23.5.2011, 17:51

Die Nachrichtenagenturen sollten sich das Editorialisieren abgewöhnen.

double standard
00
23.5.2011, 16:49

als ob die medien an der abwärtsspirale nicht mitdrehen würden

Konrad Neuwirth
 
00
23.5.2011, 16:49
Gefahr für Verlage, nicht Journalismus

Was aber das Internet den Journalisten auch bringt, ist die Möglichkeit, sich von den Verlagshäusern unabhängiger zu machen. Wenn der eigene Blog eines Journalisten, der in der Tiefe kommentiert und nicht auf die teuren Recherche-Werkzeuge in den Verlagen angewiesen ist, besteht auch hier eine Gefahr für den Print-Journalismus, aber aus der anderen Richtung. Richard Gutjahr hat ja bei den ägyptischen Aufständen schon mal ausprobiert und angedeutet, wie sowas in Zukunft auch funktionieren kann.

Paula Petra
02
23.5.2011, 16:31
Mit dem letzten Satz

ist mindestens die halbe Glaubwürdigkeit dieses grossartigen Kommentars flöten gegangen.

Christoph Karl Steininger
00
23.5.2011, 15:14
Den Kellner möcht ich sehen mit 15 Monatsgehältern!

Die Tarifgrundlage der Journalisten ist wirtschaftlich schwer haltbar.
Abstriche sind halt unpopulär!

Stadtmeisterschaftsfünfter 1992
00
23.5.2011, 16:27

Aber wirklich nur die ganz alten Journalisten. Die Jungen haben freie Dienstverträge.

Monsieur Tupon
40
23.5.2011, 15:14
"Die Wutbürger und die Qualität der Medien"

Die Wahrheit ist, daß sämtliche Medien "gleichgeschaltet" sind und ihre Leser nach Strich und Faden belügen und betrügen.

Man betrachte nur die verlogene und desinformierende Berichterstattung zum 11. September.

Was sämtliche Medien bezüglich dieses Themas agieren lässt sich in drei Punkten beschreiben:

1. Die offizielle - durch nichts belegte oder bewiesene VERSCHWÖRUNGSTHEORIE der Bush-Regierung (Osama Bin Laden und die 19 Hijacker) unkritisch übernehmen und verbreiten.

2. Auf die vielen - nicht zu übersehenden - Ungereimtheiten NICHT hinweisen, sie einfach unterschlagen (Einsturz von intaktem WTC-7, nur 6-m-kleines Loch am Pentagon, etc.)

3. Jede abweichende Meinung von der offiziellen VT als "Spinnerei" (VT) abtun.

ghostworld
00
23.5.2011, 18:08

Ein besseres Beispiel wäre vielleicht die Verschwörungstheorie gewesen, wonach Saddam Hussein die al-Qaida finanziert und außerdem Massenvernichtungswaffen produziert, mit denen er Europa innerhalb von 15 Minuten auslöschen kann. ALLE Mainstream-Medien haben davon berichtet.

http://www.flatearthnews.net/

Pinga
10
23.5.2011, 16:27

Differenzieren ist nicht Ihre Stärke, oder!?
Sicherlich ist nicht alles so toll, wie Herr Sperl schreibt, aber das alle "gleichgeschaltet" sind, ist auch ein großer Blödsinn!

Gebüschdieb
11
23.5.2011, 15:36
Jössasna.

Der Verschwörungsmeister.

Nicht auf die Weisen von Zion und das Granderwasser vergessen!

cannery row
03
23.5.2011, 14:46
bezahlen wie Kellner..

warum nicht? ein guter kellner macht im schweizerhaus oder in grinzing 2,2-3k im monat. aber der muss reinhackeln - fürs apa pasten gibts halt nur beschränkte bezahlung.

aculus populus
 
00
23.5.2011, 14:37
Man braucht nicht excellente Journalisten

sondern nur engagierte Menschen die Interesse haben. Bei freiem Zugriff zu Informationen sind schon einige Blogger (insbesondere in USA) besser drann als viele Profis.

Briefmarkenkleber
01
23.5.2011, 14:35
"Die Wutbürger gehen gegen die sinkende Qualität der Politiker auf die Straße. Wenn jetzt auch noch die Zeitungen zugrunde gespart werden, ist die aufklärende Rolle der Medien in Gefahr."

Der Inhalt des Artikels ist schlichtweg falsch, die Beispiele sind auf Ö nicht übertragbar: Gratismedien haben zuletzt deutlich an Gewinn zugelegt, APA-Abtippdienste, wie die beiden reichweitenzwerge Presse und Standard stehen so da wie eh und je (Bewertung überflüssig).

NAtürlich hat Qualitätsjournalisums Zukunft - die Verbindung zu Facebook-"Wurbürgern"- Thematisch NULL.

Dieser Kommentar fällt unter Das richtige sehen, die falschen Schlüsse ziehen.

sixela
01
23.5.2011, 14:29

Qualität der Information und gute Recherche - ja bitte! Wenn es das ist, was Printmedien bieten können (warum sollen dies Onlinemedien allerdings nicht?) - ja bitte!

"Aufklärung" in dem Sinne, dass Journalisten ihren Lesern ihre eigene politische Meinung als "Aufklärung" aufoktroyieren - und das machen heute nicht nur Boulevardmedien, sondern auch sich seiös gebende wie Der Standard - nein danke!

no_milk_today
00
23.5.2011, 21:48

wobei noch nicht mal sicher ist, ob es ihre eigene meinung ist, oder ob sie auch nur was wiederholen, weils gerade passt.

youmakemefart
010
23.5.2011, 14:23

LOL

Dieser Beitrag ist wirkt etwas lächerlich in einer Zeitung die permanent APA Meldungen kopiert und PraktikantInnen als Arbeitssklaven ausnützt

Cote 304
16
23.5.2011, 13:32

"Ein Mann, der gar nichts liest, is besser gebildet als einer, der nur Zeitungen liest."
-Thomas Jefferson

Der Standard besteht zum größten Teil auch nur aus 1:1 kopierten APA-Meldungen (Rechtschreibfehler inbegriffen)

Moist von Lipwig
11
23.5.2011, 13:18
"Verschwunden ist der grottenschlechte Film, geblieben ist die filmische Qualität. Sie ist gefragter denn je."

Ahja:

dzt. Platzierungen in den Ö Kinocharts:

1.) Fast and the Furios 5 (sehr hochqualitativ!)
2.) Rio (anscheinend irgendein Animationsfilm)
3.) Scream 4 (ich schrei auch gleich vor Lachen)
4.) Thor (Comic-Verfilmung)
etc.pp.

Allerdings... wenn ich mir das so anschau geb ich ihnen insofern Recht, als dass es in der Ö Zeitungslandschaft auch nicht besser ausschaut.

märchenonkel
02
23.5.2011, 12:54
Nachdem die Internetzensur fröhliche Urständ' feiert, werden bald die Printmedien die einzigen Lieferanten von Hintergrunginformation sein.

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