Wenn die Verlage glauben, sie können die Garanten der Qualität bezahlen wie Kellner in den Restaurants, dann ist zweifellos Feuer am Dach
Das politische Phänomen des heurigen Jahres sind die "Wutbürger". Stichwort Stuttgart 21. Die jungen spanischen Wutbürger rufen "revolución". Sie verständigen sich über Internet. Aber das engagierte Publikum liest die Hintergrund-Artikel in den spanischen Qualitätszeitungen. Sie mussten in den letzten Tagen ihre Auflagen erhöhen.
Vielleicht ist das nur eine temporäre Steigerung des Interesses. Aber trotzdem ein Signal. Webzeitungen informieren schnell, Printmedien (so sie nicht dem Boulevard frönen) bieten Ursachenkompetenz.
Trotzdem wird allüberall das "Ende der Printmedien" prophezeit. Bald würden sie durch die Online-Zeitungen abgelöst. Selbst ein so seriöses Institut wie das Wiener Kreisky-Forum spricht in einem Einladungstext von einer "Krise der Printmedien".
Das erinnert an die beim Aufstieg des Fernsehens ausgerufene "Krise des Films", der bald ebenso wie die Kinos verschwinden würde. Auch diese Prognosen waren falsch. Verschwunden ist der grottenschlechte Film, geblieben ist die filmische Qualität. Sie ist gefragter denn je.
Das Zeitungssterben der letzten Jahre in den USA hat Pessimisten unter den Journalisten und Optimisten unter den Online-Betreibern dazu verführt, einen US-Trend auf Europa zu übertragen. Tatsächlich sind die Auflagen der Tageszeitungen in den USA dramatisch zurückgegangen. Am stärksten gelitten haben aber jene Blätter, die ihre Inhalte lokalisiert oder/und die Unterhaltung mit hohem Bildanteil forciert haben. Das alles ist online schneller und besser zu haben. Dazu kommt der sekundäre Analphabetismus als Lesehindernis.
Auch in Europa haben die Boulevardzeitungen Probleme. Sie versuchen daher, sich immer mehr Inhalte bezahlen zu lassen, um Personal- und Recherchekosten zu sparen. Dazu kommt eine Forcierung von Sensationen und behaupteter Exklusivität.
Während der jüngsten Finanz- und Wirtschaftskrise hat sich gezeigt, dass die Qualitätszeitungen stärker nachgefragt werden und an Image gewinnen. Offensichtlich wollen die (gebildeten) Leserinnen und Leser glaubwürdige tägliche Informationen, die sie sich weder online, noch über Massenblätter beschaffen können.
Die Qualität der Information lässt sich freilich nicht mit dem Einsatz von Saisonniers (um einen Begriff aus der Hotellerie zu verwenden) bewerkstelligen. Qualität setzt exzellent ausgebildete JournalistInnen voraus.
In Bayern will man just mitten im Krisengerede die Journalistengehälter drastisch kürzen. Die Süddeutsche und andere Blätter erschienen deshalb am Freitag mit Notausgaben. Die Wutjournalisten haben gestreikt.
Wenn die Verlage glauben, sie können die Garanten der Qualität bezahlen wie Kellner in den Restaurants, dann ist zweifellos Feuer am Dach.
Die Wutbürger gehen gegen die sinkende Qualität der Politiker auf die Straße. Wenn jetzt auch noch die Zeitungen zugrunde gespart werden, ist die aufklärende Rolle der Medien in Gefahr. Die aber ist keine Sache des Internets, sondern der Printmedien. (Gerfried Sperl, DER STANDARD; Printausgabe, 23.5.2011)