Gefälliger Flügelschlag

20. Mai 2011, 19:54
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Kein Ara gleicht dem anderen, der Löwe nicht dem Stubentiger: Eine Ausstellung widmet sich dem gefälligen Thema "Das Tier in der Kunst"

In der Kunst gibt es tausend Löwen, alle sind Löwen und alle verschieden. Der Löwe Chinas gleicht nicht jenem großer europäischer Meister, und der Löwe Rembrandts ist ein ganz anderer als der des Rubens. "Erst durch die Kunst wissen wir, wie viel Löwen in dem einen Löwen der Natur verborgen schlummern", fasste Reinhard Piper, Autor des 1921 erschienenen Das Tier in der Kunst, treffend zusammen. Unter gleichem Titel veranstaltet die Galerie Kovacek & Zetter derzeit eine Verkaufsausstellung, die rund 100 österreichische Beispiele der Klassischen Moderne vereint: Bis 30. Juni trifft man hier auf "seltsame Hirschen" (Oskar Laske), tropische Vögel (u. a. Stefan Praschl) oder von Künstlern gebändigte Raubkatzen und Stubentiger.

Naturalistisch und stilisiert

Bis ins späte 17. Jahrhundert fristeten die Protagonisten der Welt der Fauna ein hauptsächlich auf ein ikonografisches Symbol oder Attribut beschränktes Dasein. Im Zuge der Aufklärung wurde das Tier schließlich als eigenständige Kreatur mit Gefühl, Verstand und Seele wahrgenommen und auch als solche dargestellt, entwickelte sich das Tierstück als eigene Gattung der Malerei.

Auch in Österreich blickt das Tier in der Kunst auf eine reiche Tradition zurück: Im Bereich angewandter Kunst einerseits, wo es klassizistische Porzellane der Wiener Manufaktur in der Ära Conrad von Sorgenthal oder auch Biedermeiergläser Anton Kothgassers zierte und später in zum Teil stilisierter Form beim Kunsthandwerk des Jugendstils seinen Raum beanspruchte. Andererseits in der bildenden Kunst, vor allem im 19. Jahrhundert, als an der Akademie der bildenden Künste noch eine Spezialschule für Tiermalerei existierte.

Zu den mit Abstand bekanntesten und wichtigsten Vertretern der heimischen Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts zählen Norbertine Bresslern-Roth und Ludwig Heinrich Jungnickel, die die von einem Katalog (20 Euro) begleitete Ausstellung dominieren. Nicht nur in der Menge der angebotenen Studien, Zeichnungen, Holz- und Linolschnitte sowie Ölbilder, sondern vor allem über die teilweise beeindruckende Wiedergabe charakteristischer Merkmale. Allen voran etwa Jungnickels Esel-Darstellungen, die zu den ausdrucksstärksten und unter Sammlern beliebtesten Arbeiten gehören, die von tiefem Respekt und Bewunderung für diese Arbeitstiere zeugen. Der mit Abstand stärkste Blickfang ist aber der Holzschnitt Papageienwald aus dem Jahr 1914 aus der Sammlung Rudolf Leopolds: Sechs Papageien drängen sich kreisförmig um ein größeres Tier, das sich mit seinem Schnabel und den Krallen an einem Ast festklammert und aufgeregt mit den Flügeln flattert.

Auf den ersten Blick eine wilde, fast unüberschaubare Anordnung, auf den zweiten Blick eine meisterliche Komposition, die auf Jungnickels Talent als "Kunstgewerbler" verweist. 9500 Euro sind ein an internationalen Maßstäben gemessener wahrhaft günstiger Preis. Arbeiten von Bresslern-Roth liegen in einer Preisklasse von 2500 (für Lindolschnitte) bis zu 65.000 Euro, etwa für Die Bunten, zwei Aras mit "flammendem" Gefieder.  (Olga Kronsteiner/ DER STANDARD, Printausgabe, 21./22.5.2011)

  • Ludwig Heinrich Jungnickel: Papageienwald, Farbholzschnitt aus dem Jahr 
1914.
    foto: galerie kovacek & zetter

    Ludwig Heinrich Jungnickel: Papageienwald, Farbholzschnitt aus dem Jahr 1914.

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