Wird zunächst in einer Wohnung der Sicherheitsfirma Stroz Friedberg wohnen
Und nun geht es doch nicht so schnell. Dominique Strauss-Kahn darf seine Gefängniszelle verlassen, nur ist zunächst nicht klar, wohin. Medienberichten zufolge wird er zunächst in einer
Wohnung der Sicherheitsfirma Stroz Friedberg wohnen, die für die
Überwachung des Ex-IWF-Chefs zuständig ist. Das Apartment nahe Ground
Zero, wo die Zwillingstürme des World Trade Centers standen, darf er
nicht verlassen. Später soll er in eine andere Wohnung umziehen, die
er nur unter Angabe von Gründen und nach Anmeldung sechs Stunden im
Voraus verlassen darf. Von 22.00 bis 06.00 Uhr darf er die Wohnung
gar nicht verlassen. Besuch darf er nur nach Einwilligung der Justiz
empfangen.
Fußfessel
Strauss-Kahns Gattin, die Journalistin und Millionenerbin Anne Sinclair, hatte das Appartement im feineren Teil New Yorks ad hoc angemietet. DSK sollte es nur zu Gerichtsterminen verlassen dürfen, das nächste Mal am 6. Juni. Sein Reisepass bleibt bei den Behörden, eine Million Dollar musste er sofort als Kaution hinterlegen und fünf Millionen als zusätzliches Pfand garantieren. Letzteres kann theoretisch bedeuten, dass Anne Sinclair ihre Villa in Washington verliert, sollte ihr Mann fliehen. Dann das Bewachungsprocedere. Rund um die Uhr wird der zurückgetretene IWF-Direktor eine elektronische Fessel am Fußgelenk tragen. An der Wohnungstür Sicherheitsleute, mindestens einer hat dort immer zu stehen, bezahlt von Strauss-Kahn.
So sind die Konditionen, die seine Anwälte Benjamin Brafman und William Taylor mit dem Richter aushandelten, gegen den Willen des Staatsanwalts, der von einem zu hohen Fluchtrisiko spricht. Stroz Friedberg, die Firma, die die Absprachen umsetzt, hat schon Bernie Madoff überwacht, den Hausarrest des Milliardenschwindlers, der das Ersparte seiner Kunden in Kapitalanlagen investierte, die er ihnen nur vorflunkerte.
Nur noch wenige Reporter
Am Morgen sind es nur noch wenige Fernsehreporter, die vorm Criminal Court im Süden Manhattans stehen, um unter weißen Zeltbahnen ein paar bilanzierende Sätze zu sagen. „Gerechtigkeit ist das feste und stete Begehren, jedem Menschen das zukommen zu lassen, was er verdient", steht überm Eingang der grauen Betonburg. Der Spruch macht sich gut als Kulisse. Nebenan lärmen die Lieferwagen chinesischer Restaurants, mittendrin die „Whiskey Tavern" und Scott Boyd mit seinem Laden „Bail Bonds".
Für eine Gebühr hinterlegt Boyd Kautionen, nimmt seinen Kunden den Papierkram ab, bittet Richter, Scheine abzustempeln, damit seine Klienten nicht auf Rikers Island, der berüchtigten Knastinsel, auf ihre Verhandlung warten müssen. Meist geht es um kleine Fische, mal um siebentausend, mal um zehntausend Dollar Bürgschaft, nie um eine Million. Boyd, Sohn einer Italoamerikanerin und eines Schwarzen, schimpft auf Rudy Giuliani, den Ex-Bürgermeister, der als Staatsanwalt „null Toleranz" durchsetzte. Er verdient gut daran, aber es geht ihm zu weit, „du kommst hier viel zu schnell ins Kittchen". Doch bei dem „Typen aus Frankreich", wie Boyd den Staatsbanker nennt, findet er „zero tolerance" gerade richtig. „Hey, das ist New York. Hier packt dich keiner in Watte, nur weil du wichtig bist."
"Lassen Sie mich in Ruhe"
„Bitte lassen Sie mich und meine Tochter in Ruhe!" Ein handgeschriebener Zettel an einer Glastür in der Bronx, Gerard Avenue, gleich hinterm Baseballstation der Yankees. In der schäbigen Mietskaserne wohnte bis vor einer Woche die Frau, die alle nur als „das Zimmermädchen" kennen. Die Frau ohne Gesicht, wie die bunten Gazetten sie nennen, Nafissatou D., alleinerziehende Mutter einer 15-jährigen Tochter, 2004 eingewandert aus Guinea, seit drei Jahren als Putzfrau im luxuriösen Sofitel am Times Square beschäftigt.
Der Medienzirkus hat wilde Gerüchte über Nafissatou D. verbreitet. Eine Zeitung schrieb, sie lebe in einem Wohnblock speziell für Aids-Kranke, was ihr Rechtsanwalt Jeffrey Shapiro wütend dementierte - „absolut unwahr". Auch harmlosere, gleichwohl bizarre Blüten treibt es, das Spektakel um Nafissatou D. Da ist der Mittvierziger, der in Harlem einen Imbiss betreibt, wohl eher zufällig denselben Familiennamen hat wie die Immigrantin aus Westafrika und stolz behauptete, ihr Bruder zu sein. Sorry, er habe es eher symbolisch gemeint, als er von seiner „kleinen Schwester" sprach, drehte er die Geschichte, als herauskam, dass sie nicht stimmt. „Pottal Fii Bhantal", eine Organisation, die Einwanderer aus Fouta Djallon, dem zentralen Landesteil Guineas, vertritt, nutzt die Gelegenheit, um die Trommel für ihre Belange zu rühren. Was Nafissatou D. davon hält, kann kein Journalist wissen. Die Staatsanwaltschaft lässt sie an unbekanntem Ort wohnen, damit sie dem Scheinwerferlicht für eine Weile entgeht.
„Ihre Welt wurde von einem Tag auf den anderen auf den Kopf gestellt", sagt ihr Anwalt. Seine Mandantin, ergänzt Shapiro, sei in doppelter Hinsicht das Opfer. Zum einen habe Strauss-Kahn sie in der Hotelsuite angegriffen, zum anderen habe der Rummel ihr bescheidenes, geordnetes Leben zerstört. „Sie kann nicht nach Hause. Sie kann nicht zur Arbeit. Sie weiß nicht, wie sie den Lebensunterhalt verdienen soll für sich und ihre Tochter." Seine Mandantin habe Angst, sagt Shapiro, „seit sie herausfand, dass sie es mit einem Mann der Macht zu tun hatte". (red/APA/derStandard.at, Frank Herrmann aus New York, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21./22.5.2011)