Basel III und der wütige Alpenbanker

20. Mai 2011, 19:07
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Oder: Wie eine Wirtschaftsdebatte zur Staatsoperette verkommt - Von Franz R. Hahn

Oder: Wie eine Wirtschaftsdebatte zur Staatsoperette verkommt. Basel III ist nicht Teil des Problems, sondern Teil der Lösung - Treichls Beschimpfungsaktion dient nur der Ablenkung von eigenen Schwierigkeiten.

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Herr Treichl, Erste-Bank-Chef, hatte jüngst Anlass zu Ärger. Eine Gagenerhöhung für seine Aufsichtsräte und möglicherweise sein eigener üppiger Bonus wurden von seinen Aktionären nicht widerstandslos abgenickt. Für einen Vorstand einer Aktiengesellschaft gibt es (insbesondere bei einer Hauptversammlung) nichts Lästigeres als das.

Ärger mit aufmüpfigen Aktionären, wenn auch nur mit kleinen, bedeutet immer zumindest eins: schlechte Presse (und das ist schlecht für eine Bank). Und schlechte Presse hat er bekommen, aber nur kurz. Denn Herr Treichl hat sofort das getan, was jeder einigermaßen clevere Manager (Politiker), wenn er die Möglichkeit dazu hat, tut: Er startete einen Entlastungsangriff, um von seinen eigenen Problemen abzulenken. Er hat dies so erfolgreich getan, dass seither nicht mehr über die Gagen von Erste-Aufsichtsräten, sondern über das Monster "Basel III" diskutiert wird, von dem Herr Treichl plötzlich (vielleicht aber schon länger) großes Ungemach erwartet. Nicht für sich oder seine Bank, versteht sich, sondern für die österreichische klein- und mittelbetriebliche Wirtschaft. Und (verdammt, da kann einem schon der Kragen platzen)' die "blöden und feigen österreichischen Politiker" gneißen das nicht einmal.

So weit, so gut. Die Wickel des Herrn Treichl mit seinen Aktionären sind tatsächlich nur von geringem öffentlichem Interesse. Die öffentliche Erregung darüber sollte sich in Grenzen halten, da hat er recht.

So weit, so schlecht. Herr Treichl, schon sehr genervt, hat zu seiner (persönlichen) Entlastung eine öffentliche Debatte von fragwürdigem Wert losgetreten und ihr noch dazu einen Spin verpasst, der zumindest außerhalb von Bananenrepubliken als hautgoutschwer gilt. Er hat, einmal so richtig in Fahrt, ziemlich unverblümt versucht, die österreichische Politik (in Wien und Straßburg/Brüssel) öffentlich für die Interessen der strukturschwachen österreichischen Bankwirtschaft (oder, was auf's Gleiche hinausläuft, für seine Idee einer "guten österreichischen Bank") zu instrumentalisieren, und dies zulasten der österreichischen Wirtschaft.

Zuerst desavouierte er das für ihn absolut Böse, Basel III, als regulatorischen Humbug (Griechenlandramschanleihen werden zulasten supersicherer KMU-Kredite begünstigt, bingo). Danach wird die übliche Verteufelung der angelsächsischen "Bad Banks" nachgeschoben (Investmentbanken, die u. a. mit Griechenlandanleihen handeln und die Krise verursacht haben). Gleichsam als Akt 3 folgt die unvermeidliche Apotheose der österreichischen (seiner) Idee einer guten Bank (Sparkassen, sie begeben brav 08/15-KMU-Kredite). Und diese, seine Sparkassenidee (seine Bank), setzen die österreichischen Politiker aufs Spiel, weil sie dumm und feig sind und von der Wirtschaft keine Ahnung haben. Und weil sie das sind und nichts gegen Basel III in Brüssel und Straßburg unternehmen, wird es, so Herr Treichl im O-Ton, spätestens in zwei Jahren zu einer Kreditklemme (bei den KMUs natürlich) kommen, und die wird fürchterlich sein.

Die öffentlichen Reaktionen in Österreich auf Treichls Rundumschlag sind bisher so, dass man sich des Eindrucks nicht erwehren kann, als habe ganz Österreich auf so etwas geradezu gewartet. Selbst die "blöden" und "feigen" Politiker (und die "Qualitätspresse" sowieso) spenden Applaus und rühmen sich des guten Einvernehmens mit Herrn Treichl (er hat ja nicht mich gemeint). Ja, es scheint, als entstiege Herr Treichl dieser Staatsoperette als Volksheld.

In Wahrheit wird durch diese unerträgliche Kulissenschieberei von einem veritablen Strukturproblem der österreichischen Bankwirtschaft abgelenkt. Zuallererst: Das biedere Sparkassengeschäftsmodell ist bei weitem nicht so bieder, wie uns Herr Treichl einzureden versucht. Das simple Kreditgeschäft ist oftmals weit riskanter als das komplizierte Wertpapiergeschäft. Vor allem, wenn man es in Form von Fremdwährungskrediten (mit Tilgungsträger) betreibt. Dieser österreichische Unfug entwickelte sich zum Exportschlager. Halb Osteuropa wird mit dieser hochriskanten Kreditform überschwemmt, nicht zuletzt dank des biederen Sparkassengeschäftsmodells des Herrn Treichl. Diese Risiken ausreichend mit Eigenkapital unterlegen zu müssen, kann sehr teuer kommen.

Das Problem liegt jedoch tiefer. Österreich hat zu viele zu kleine Banken. Sie begeben vorwiegend Kredite an KMUs und private Haushalte in ihrer unmittelbaren Umgebung. Dadurch tragen diese Kleinbanken oft ein überdurchschnittlich hohes Klumpenrisiko (Banken in Tourismusregionen begeben fast nur Kredite an Tourismusunternehmen mit oft ungenügender Eigenkapitalausstattung). Dies allein würde aus betriebswirtschaftlichen Gründen den kleinen Banken schon einiges mehr an hartem Eigenkapital abverlangen als sie aufbringen können. Basel III würde diese Eigenkapitalschwäche der kleinen Banken noch sichtbarer machen und eine Fusionswelle auslösen (gute Sache). Darüber hinaus können kleine, unzureichend kapitalisierte Banken oft selbst simple Finanzierungsleistungen nicht in der erforderlichen Qualität und Quantität anbieten wie etwa kapitalstarke Regionalbanken. Darunter leiden vor allem aufstrebende, leistungsfähige KMUs.

Anstatt die nötigen Strukturbereinigungsmaßnahmen einzuleiten, die kleinen Banken zu größeren Basel-fitten, kapitalstarken Regionalbanken zusammenzuführen und dadurch unter anderem eine leistungsfähige und kostengünstige KMU-Finanzierung in Österreich in Zukunft zu ermöglichen, schießen sich die Spitzenrepräsentanten der österreichischen Bankwirtschaft lieber auf Basel III ein (wohl auch als Angst vor neuer Konkurrenz durch neue leistungsstarke Regionalbanken).

Es bleibt zu hoffen, dass die österreichischen Politiker "dumm und feig" im Sinne von Herrn Treichl bleiben und auf EU-Ebene nicht gegen Basel III lobbyieren.

Es täte nicht nur dem Ruf des Landes und der Reputation der österreichischen Banken gut (brauchen sie unbedingt für ihr Ostengagement), sondern wäre auch gut für unsere leistungsfähigen österreichischen KMUs. Sie verdienen kostengünstige, flexible Bankfinanzierungen und die können nur kapitalstarke Regionalbanken leisten. Basel III könnte dafür sorgen, dass es sie bald in ausreichender Anzahl gibt. (Kommentar der anderen, Franz R. Hahn, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21./22.5.2011)

FRANZ R. HAHN ist Wirtschaftsforscher am Wifo, habilitiert an der Kepler-Universität Linz, und legt Wert auf die Feststellung, dass der Artikel die "sehr private Meinung des Autors" wiedergibt.

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    Andreas Treichl auf dem Weg zum "Volkshelden"? - Angesichts der strukturellen Defizite des heimischen Banksystems sollten die Adoranten des Erste-Managers ihren Jubel nach Meinung seines Kritikers vielleicht etwas mäßigen.

  • Finanzexperte Hahn verteidigt das "Monster" Basel III.
    foto: privat

    Finanzexperte Hahn verteidigt das "Monster" Basel III.

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