Zur Frage der Verhältnismäßigkeit der öffentlichen Empörung über den Nazi-Sager Lars von Triers beim Festival von Cannes: Bevor man den Regisseur derart massiv an den Pranger stellt, sollte man vielleicht einen Blick in seine Autobiografie werfen.
Ich möchte Lars von Trier
für ein paar öffentliche Momente der rhetorischen Undeutlichkeit nicht unbedingt
"verteidigen". Aber die Form und die Massivität, mit der er gerade politisch
überkorrekt an den Pranger gestellt wird, die sind jämmerlich. Was ist das für
eine internationale (Film-)Öffentlichkeit, die weniger Zeit für die Betrachtung
seines jüngsten und - ich bin nicht der Verleiher! - von mir noch nicht
gesehenen neuen Films Melancholia aufwendet als dafür, ein nervöses
Manöver ("Wie komme ich aus dem Satz wieder heraus?") im Rahmen einer
Pressekonferenz schlagzeilenmächtig abzulehnen?
Rein gar nichts ist neu und
immer schon war vieles missverständlich (manche sagen: provokant) an den
Ausführungen des Lars von Trier. Schon vor Jahren ging es - damals war ich noch
Journalist - in Interviews mit ihm um exakt dieselben Motive und künstlerischen
Motivationen: Von Triers Spiel mit gemeinhin verpönten "Feindbildern" hat im
Kino wie in öffentlichen Auftritten autobiografische Begründungen. Es geht bei
ihm immer wieder um falsche Bilder, die man sich von sich selbst - als Nation,
als Kollektiv, als Individuum - gemacht hat, um dann erst recht unsicher zu
sein, wo dann ein "falsches" Gegenüber bzw. eine "eigene" Legitimation des
Handelns zu verorten wäre.
Lies nach in Wikipedia:
"Lars Holbæk Trier, später Lars von Trier, ist das einzige Kind von Inger Trier
(geborene Høst), die eine Angestellte im öffentlichen Dienst und
Frauenrechtlerin war. Ihr Ehemann war Ulf Trier, ein dänischer Jude, der während
des Zweiten Weltkriegs nach Schweden geflohen war. Nach von Triers Angaben waren
seine Eltern Kommunisten und erzogen ihn antiautoritär. Seine Mutter gestand ihm
kurz vor ihrem Tod im Jahr 1995, dass sein leiblicher Vater ihr ehemaliger
Arbeitgeber Fritz Michael Hartmann sei, ein Nachkomme des Komponisten Johann
Peter Emilius Hartmann, der von einer deutschen Familie abstamme."
Auf dieser für ihn offenbar
traumatischen Erkenntnis, "anderen Ursprungs" zu sein, basierte auch in den
vergangenen Jahrzehnten ein Gros seiner "provokanten" Äußerungen. Was heißt das,
"den Deutschen in mir" anerkennen zu müssen? Was heißt das, wenn ich zuerst
eigentlich "Jude" hätte sein sollen, mit deutscher Geschichte umzugehen? Was für
ein Verrat wurde an mir begangen? In der filmischen Sicht des Lars von Trier
heißt das, Überblendungen aufzubauen, Doppelbelichtungen vorzunehmen, mit
(Film-)Negativen umzugehen, kurz: auch den Teufel an die Wand zu ...
projizieren.
Anders als Filmemachern, die
Untergänge verfilmen, um z. B. Adolf Hitler zwecks Staatsschauspiel besser zu
verstehen und zu vermarkten und zu verkaufen, war und ist Lars von Trier jemand,
von dem ich einen "Untergang" immer interessant empfunden hätte. Aber:
Bezeichnenderweise hat er so einen "Untergang" nie gemacht. Dennoch hat man ihn
in Cannes zur "persona non grata" ernannt. Währenddessen kann Mr. Mel Gibson,
der, wenn er viel trinkt, erwiesenermaßen antisemitische Sprüche absondert, auf
dem roten Teppich vor dem Palais du Festival ein Comeback mit Jodie Fosters "The
Beaver" feiern.
Christoph Schlingensief
sagte einst in seinem ersten Interview mit dem Standard (damals ging's um ein
Programm namens Begnadete Nazis): "Hitler muss man kaputtreden. Das Bild
Hitler muss abgenutzt werden. Macht kaputt, was euch kaputtmacht." Nichts
anderes macht - Tagesform hin oder her - Lars von Trier. Vielleicht hätte er bei
der Pressekonferenz in Cannes, wie seine Stars meinen, "echt die Klappe halten"
sollen, aber "Persona non grata"? Never! (Kommentar der anderen von Claus Philipp / DER STANDARD, Printausgabe, 21./22.5.2011)