Anne Sinclair zögerte auch diesmal nicht. Die 62-jährige Französin stellte sich am Sonntag umgehend hinter ihren Gatten, den Ex-Währungsfonds-Direktor Strauss-Kahn, als er in New York wegen versuchter Vergewaltigung festgenommen wurde.
"Ich glaube keine Sekunde an die Vorwürfe" , meinte die Ex-Journalistin am Sonntag. Und jetzt? Sinclair hat sich seitdem nicht mehr zu Wort gemeldet und nährt ihren Blog aus den USA - wo sie geboren ist - nicht mehr. Nahestehende schildern sie als "erschüttert" , aber auch "kampfeswillig".
Vor drei Jahren hatte die Frau mit den unglaublich blauen Augen, die schon Millionen französischer Fernsehzuschauer bezirzt hatten, ihren unsteten Mann bereits verteidigen müssen: "Solche Dinge können im Leben von Paaren vorkommen" , meinte sie zur einer brisanten Liebesaffäre Strauss-Kahns mit einer Untergebenen.
Zuvor schon hatten sie Journalisten gefragt, wie sie mit dem Verführer-Image ihres Mannes zurechtkomme. "Ich bin stolz darauf" , entgegnete sie leidenschaftlich. "Für einen Politiker ist es doch wichtig, die Leute für sich zu gewinnen und zu verführen."
Hinter diesen Worten steckte keine Berechnung. Anne Sinclair ist nicht Hillary Clinton. Sie will nicht in die Politik, sie sucht kein Rampenlicht mehr. "Dreizehn Jahre Interviews mit Politikern rauben einem die Faszination für die Macht" , meinte sie luzid, nachdem sie ihren Topjob beim größten Pariser TV-Sender 1997 an den Nagel gehängt hatte.
Das tat sie wegen "Dominique" , notabene: Als ihr Mann Minister wurde, trat sie freiwillig in seinen Schatten - und in seinen Dienst: Aus reichem Hause stammend, verhalf sie ihrem Mann zu mehreren Nobeladressen in Paris, Washington und Marrakesch und Kontakten zu den wichtigsten Persönlichkeiten der Grande Nation.
Dann baute Sinclair das Sekretariat und Politbüro auf, das ihren Mann in gut zehn Jahren zum chancenreichsten Kandidaten für die Präsidentschaftswahlen machte. Noch vor Nicolas Sarkozy. Den wichtigsten Teil seiner Karriere verdankt Strauss-Kahn wohl Anne Sinclair.
Am Sonntag bereitete er seinen Élysée-Plänen womöglich auf stupide Weise selbst ein Ende - und damit auch Sinclairs Traum, Frankreich zu einem jüdischen Präsidenten zu verhelfen, wie sie selbst sagte. Das und ihre Liebe zu ihrem Mann genügten ihr als Antrieb; für sich wollte die einstige Starjournalistin nichts. (Stefan Brändle, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21./22.5.2011)