Gestohlene Leben auf einem mythologischen Glücksrad

20. Mai 2011, 18:00
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Zwischen abgrundtiefem Weltschmerz und schallendem Gelächter dreht sich Andreas Kriegenburgs Mühlrad-Bühne in der famosen Österreich-Premiere von Dea Lohers Episodenstück "Diebe

Wien - Seit mehr als einem Jahrzehnt bilden die Dramatikerin Dea Loher und Regisseur Andreas Kriegenburg ein kongeniales Theaterteam, manch einer vergleicht sie gar mit dem Duo Bernhard/Peymann. Diebe, das 2010 am Deutschen Theater Berlin Uraufführung hatte und nun bei den Wiener Festwochen zum ersten Mal in Österreich gezeigt wird, beweist das eindrucksvoll.

Kriegenburg, der für seine eigenen Arbeiten auch gerne das Bühnenbild entwirft, hat Lohers von Lebensunfähigen und -müden bevölkertes Panoptikum des Hoffens und (Ver-)Zweifelns auf ein monumentales Schaufelrad gehievt. In den Räumen, die dessen Fächer bilden, leben die Figuren - oder versuchen es zumindest: "Leben - Ich weiß nicht, wie das gehen soll."

Schaufelrad der Seelen

Das sich drehende Rad schaufelt sie auf die Bühnenrampe, wie auf einem mythologischen Schicksalsrad rutschen und fallen die Figuren auf ihm herum. Möbel gibt es kaum, Fenster werden in Plakatform aufgeklebt. Wichtiger als die Landschaft draußen ist ohnehin die innere. Die Wegmarken dieser Seelenlandschaft schreiben die Schauspieler, den Stift immer parat, nach und nach auf die Wände: "Aussicht" (eine bessere natürlich), "Glück", "Supermarkt". Verheißungen der modernen Leistungsgesellschaft. Bald kommen "Tod" und "Herbst" dazu; je mehr die Darsteller auf ihrem Hamsterrad herumpurzeln, umso mehr verschmieren sie sich mit schwarzer Farbe.

Die guten Aussichten der Supermarktleiterin Monika (Barbara Heynen) verheißen Böses. Statt Beförderung ins Ausland verliert sie ihren Job, vom Mann Thomas (Daniel Hoevels), der sie anfangs noch buchstäblich auf Händen trägt, hat sie sich vorsorglich scheiden lassen. Hoffnung, Verzweiflung, Tod sind nahe beieinander und oft in größtmöglicher Absurdität verknüpft. Das biedere Ehepaar Schmitt (herrlich überspitzt: Anita Iselin und Bernd Moss) vermutet ein Tier in seinem Vorgarten. Das Tier beobachtet sie, doch es ist Josef Erbarmen (Helmut Mooshammer), der alles über sie erfahren will. Er sucht den Vater seiner minderjährigen, durch "gespendete Ergüsse" gezeugten Geliebten, die selbst ein Kind erwartet. Die Schmitts behalten ihn widerwillig als Gast, tanzen wie in einem Musikfilm der Nachkriegsjahre zu Sinatras Heaven/ I'm in Heaven oder Let's fly away und erschlagen den Gast mit Hammer und Bratpfanne.

Aufgeschobenes Leben

Dann gibt es da die Familie Tomason, Linda, ihren Bruder Finn und Vater Erwin. Linda (grandios: Judith Hofmann) versteigt sich in Tagträume, Finn geht nicht mehr aus dem Haus. Jörg Pose deklamiert seinen Text, als wüsste er nicht um dessen Inhalt. Er leiert, singt, spielt mit Tonhöhen. Es ist ihm alles gleichgültig. Eine Depression lässt sich kaum unaufdringlicher und deutlicher darstellen. Es ist, als könnten die zahlreichen Figuren sich nicht zum Handeln entschließen. Von einem aufgeschobenen Leben ist die Rede, von Menschen, die sich wie Diebe durch ihre Leben stehlen. Zugleich wird intensiv gelebt; mit der Faust auf den Tisch geschlagen.

Es wird, auch und vor allem im Publikum, brüllend gelacht. Das durchwegs hervorragende Ensemble wechselt mühelos zwischen abgrundtiefem Weltschmerz und fast schon an Slapstick grenzender Komik (erwähnt seien noch Olivia Gräser und Susanne Wolff als Berliner Proll-Tussen: "Ey!") Das Fazit des langen, nie langwierigen Abends ist ein versöhnliches: So hoffnungslos ist es ja auch wieder nicht, das mit dem Leben. "Es ist schockierend einfach - Pause - Du musst es lieben." (Andrea Heinz/ DER STANDARD, Printausgabe, 21./22.5.2011)

  • Linda (Judith Hofmann) fantasiert sich ein besseres Leben herbei - 
Bruder 
Finn (Jörg Pose) hat schon aufgegeben: Szenen aus dem Leben in der 
gesellschaftlichen Umwälzanlage.
    foto: arno declair

    Linda (Judith Hofmann) fantasiert sich ein besseres Leben herbei - Bruder Finn (Jörg Pose) hat schon aufgegeben: Szenen aus dem Leben in der gesellschaftlichen Umwälzanlage.

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