Zwischen abgrundtiefem Weltschmerz und schallendem Gelächter dreht sich Andreas Kriegenburgs Mühlrad-Bühne in der famosen Österreich-Premiere von Dea Lohers Episodenstück "Diebe
Wien - Seit mehr als einem Jahrzehnt bilden die Dramatikerin Dea Loher und
Regisseur Andreas Kriegenburg ein kongeniales Theaterteam, manch einer
vergleicht sie gar mit dem Duo Bernhard/Peymann. Diebe, das 2010 am
Deutschen Theater Berlin Uraufführung hatte und nun bei den Wiener Festwochen
zum ersten Mal in Österreich gezeigt wird, beweist das eindrucksvoll.
Kriegenburg, der für seine eigenen Arbeiten auch gerne das Bühnenbild
entwirft, hat Lohers von Lebensunfähigen und -müden bevölkertes Panoptikum des
Hoffens und (Ver-)Zweifelns auf ein monumentales Schaufelrad gehievt. In den
Räumen, die dessen Fächer bilden, leben die Figuren - oder versuchen es
zumindest: "Leben - Ich weiß nicht, wie das gehen soll."
Schaufelrad der Seelen
Das sich drehende Rad schaufelt sie auf die Bühnenrampe, wie auf einem
mythologischen Schicksalsrad rutschen und fallen die Figuren auf ihm herum.
Möbel gibt es kaum, Fenster werden in Plakatform aufgeklebt. Wichtiger als die
Landschaft draußen ist ohnehin die innere. Die Wegmarken dieser Seelenlandschaft
schreiben die Schauspieler, den Stift immer parat, nach und nach auf die Wände:
"Aussicht" (eine bessere natürlich), "Glück", "Supermarkt". Verheißungen der
modernen Leistungsgesellschaft. Bald kommen "Tod" und "Herbst" dazu; je mehr die
Darsteller auf ihrem Hamsterrad herumpurzeln, umso mehr verschmieren sie sich
mit schwarzer Farbe.
Die guten Aussichten der Supermarktleiterin Monika (Barbara Heynen) verheißen
Böses. Statt Beförderung ins Ausland verliert sie ihren Job, vom Mann Thomas
(Daniel Hoevels), der sie anfangs noch buchstäblich auf Händen trägt, hat sie
sich vorsorglich scheiden lassen. Hoffnung, Verzweiflung, Tod sind nahe
beieinander und oft in größtmöglicher Absurdität verknüpft. Das biedere Ehepaar
Schmitt (herrlich überspitzt: Anita Iselin und Bernd Moss) vermutet ein Tier in
seinem Vorgarten. Das Tier beobachtet sie, doch es ist Josef Erbarmen (Helmut
Mooshammer), der alles über sie erfahren will. Er sucht den Vater seiner
minderjährigen, durch "gespendete Ergüsse" gezeugten Geliebten, die selbst ein
Kind erwartet. Die Schmitts behalten ihn widerwillig als Gast, tanzen wie in
einem Musikfilm der Nachkriegsjahre zu Sinatras Heaven/ I'm in Heaven
oder Let's fly away und erschlagen den Gast mit Hammer und Bratpfanne.
Aufgeschobenes Leben
Dann gibt es da die Familie Tomason, Linda, ihren Bruder Finn und Vater
Erwin. Linda (grandios: Judith Hofmann) versteigt sich in Tagträume, Finn geht
nicht mehr aus dem Haus. Jörg Pose deklamiert seinen Text, als wüsste er nicht
um dessen Inhalt. Er leiert, singt, spielt mit Tonhöhen. Es ist ihm alles
gleichgültig. Eine Depression lässt sich kaum unaufdringlicher und deutlicher
darstellen. Es ist, als könnten die zahlreichen Figuren sich nicht zum Handeln
entschließen. Von einem aufgeschobenen Leben ist die Rede, von Menschen, die
sich wie Diebe durch ihre Leben stehlen. Zugleich wird intensiv gelebt; mit der
Faust auf den Tisch geschlagen.
Es wird, auch und vor allem im Publikum, brüllend gelacht. Das durchwegs
hervorragende Ensemble wechselt mühelos zwischen abgrundtiefem Weltschmerz und
fast schon an Slapstick grenzender Komik (erwähnt seien noch Olivia Gräser und
Susanne Wolff als Berliner Proll-Tussen: "Ey!") Das Fazit des langen, nie
langwierigen Abends ist ein versöhnliches: So hoffnungslos ist es ja auch wieder
nicht, das mit dem Leben. "Es ist schockierend einfach - Pause - Du musst es
lieben." (Andrea Heinz/ DER STANDARD, Printausgabe, 21./22.5.2011)