Unaufgeregt und routiniert zum Mega-Spektakel

20. Mai 2011, 18:11
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Mit dem 19. Life Ball möchte Gery Keszler an seine bisherigen Erfolge anschließen - Doch im Volk hat die Party ein Image- und Akzeptanzproblem

Wien - Natürlich wird das Spektakel im Nachhinein "mega" gewesen sein. So wie jedes Jahr. Schließlich schmückt sich der Life Ball traditionell mit den Attributen "schrill", "bunt" und "sensationell" - oder wird gemeinhin so beschrieben. Daran ändert auch nichts, dass Gery Keszlers Charitysause heute, Samstag, zum 19. Mal stattfindet: 18-mal wurde im, respektive um das, Wiener Rathaus gefeiert, einmal - das Rathaus war Baustelle - in der Hofburg.

Heuer steht das Fest für 4000 Ticketinhaber und 30.000 Zaungäste unter dem Motto "Luft". Und wie jedes Jahr ist auch heuer die spannendste Frage jene, wie die kostümierten Gäste dieses Motto umsetzen werden: Schließlich entspricht auch eine "Verkleidung" nach Vorbild des Märchens "des Kaisers neue Kleider" dem Ball-Dresscode.

Abgesehen davon fiel dieses Jahr aber die Ruhe im Vor- und Umfeld des Balles auf: Keine Spur von eitlen (Schein-)Reibereien zwischen Ballvater und Adabei-TV-Reportern, kein Sterbenswort über die Gebahrungen des (mittlerweile mit dem Spendengütesiegel zertifizierten) Spektakels.

Selbst die Liste internationaler Stars und Promis nimmt Wien längst mit einem freundlich-interessierten, aber keineswegs hysterisch-euphorischen "Aha" zur Kenntnis: Bill Clinton kommt schließlich zum wiederholten Mal. Auch Drag-Ikone Amanda Lepore lief schon über den Platz. Thomas Gottschalk ist als (Privat-)TV-Event-Berichterstatter längst auf jenen Festen eingeführt, bei denen der ORF das Duo Weichselbraun/Haider in die Schlacht wirft.

Und nach Elton John oder Nicole Kidman sind Janet Jackson und Brooke Shields auch keine Weltsensation: Beide sind derzeit auf einer HIV-Charitypartyrundreise in Europa unterwegs. Am Donnerstag besuchten die Sängerin und der "Blaue Lagune"-Star (1980) die Amfar-Gala in Cannes. Zu dieser traditionellen Aids-Charity kamen unter anderen Prinz Albert von Monaco, Jane Fonda, Uma Thurman, Donatella Versace und Karl Lagerfeld.

Freilich: Was den Life Ball ausmacht, ist nicht der Promi-Glanz, sondern die Modeschau (heuer von "Dsquared2") und das für jeden offene Kommen und Sehen rund ums Rathaus. Und die Geldbeschaffung für in- und ausländische HIV-Hilfsprojekte - im Vorjahr 1,5 Millionen Euro.

Dekadenz statt Toleranz

Darüber hinaus betonen sowohl Gery Keszler als auch der sich auf dem Ball traditionell als Bürgermeister einer weltoffenen Stadt inszenierende Michael Häupl stets, dass das Lobbying für Toleranz und Akzeptanz sowohl Kernaufgabe als auch zentrale Leistung des Events sei.

Freilich: Dies gelingt dem Ball nicht. Laut einer Umfrage des Klagenfurter Humaninstitutes meinen nämlich 61 Prozent der Österreicher, dass der Life Ball keineswegs mehr Toleranz in die Welt bringe.

Und darin, wofür das Fest steht, stimmen zwei Drittel der Österreicher miteinander überein: Dekadenz. (Thomas Rottenberg/DER STANDARD, Printausgabe, 21./22. Mai 2011)

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    Gery Keszler: 19-facher Ballvater, heuer auch Kollierdesigner.

  • VIP- und andere Flieger: Schon der Freitag stand im Zeichen 
der Luftfahrt. Während auf dem Rathausplatz eifrig geprobt wurde,...
    foto: der standard/christian fischer

    VIP- und andere Flieger: Schon der Freitag stand im Zeichen der Luftfahrt. Während auf dem Rathausplatz eifrig geprobt wurde,...

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    ... stiegen Bruce Willis' Frau Emma, Thomas Gottschalk und Model Lydia Hearst aus dem Flieger (links).

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    Ebenfalls in der Sondermaschine aus New York: Szene-Ikone Amanda Lepore und der amerikanische Musicalstar Cheyenne Jackson. Janet Jackson, Bill Clinton und Brooke Shields reisen separat an.

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