Ein Lokalaugenschein in den Giardini bei den letzten Arbeiten an den Länderpavillons
Die 54. Biennale von Venedig ist die Mutter aller Biennalen. 89 Nationen
nehmen heuer teil. Derzeit werden die Länderpavillons für die Eröffnung am 3.
Juni auf Hochglanz gebracht.
Sicher, auf der Seufzerbrücke und im Gassengewirr zwischen Rialtobrücke und
Markusplatz herrscht auch jetzt schon Fußgängerstau. Aber noch ist die
internationale Kunstkarawane nicht in Venedig eingetroffen, noch ankern nicht
Megajachten mit Hubschrauberlandeplatz an der Riva dei Sette Martiri. Noch ist
das trübe Wasser des Canal Grande nicht von zahllosen privaten Motorbooten
aufgewühlt. Und für Öffi-Benutzer gibt es auf den Vaporetti sogar noch
Sitzplätze.
Anfang Juni aber, wenn die Berichterstatter und Sammler und Künstler und
Galeristen und Schönen und Reichen zur "Sehschlacht am Canal Grande" (© Alfred
Schmeller) einfallen, dann ist alles anders und selbst ein Stehplatz auf dem
Wasserbus ein seltener Glücksfall. Das ist die Zeit, da echte Venezianer ihre
Stadt fluchtartig verlassen und ihre Wohnungen um hunderte Euro pro Nacht und
Schlafkammer vermieten. Raum ist während der Biennale-Eröffnungswoche ein
knappes und vor allem teures Gut. So verkaufte die libanesische Nation ihre
Ausstellungsfläche im Arsenal aus Kostengründen.
89 Nationen nehmen heuer an der 54. Kunstweltmeisterschaft teil, um elf mehr
als noch vor zwei Jahren, die Präsentationsorte sind über alle Stadtteile
verstreut. 28 Pavillons befinden sich in den Giardini, dem eindeutig schönsten
Schauplatz für Weltkunst.
Internationale Aufbauten
Einige der nationalen Kunsthäuser haben den Aufbau bereits abgeschlossen,
andere noch nicht einmal angefangen. Über dem Eingang des belgischen Pavillons
prangt immerhin schon in leuchtend roter Neonschrift "Feuilleton" als Lockruf
für Kulturjournalisten; drin herrscht noch Chaos - so wie bei den Schweizern:
Riesenstahlkonstruktionen, mit Staniolpapier umwickelte Autoreifen, Autositze
und viel anderes Zeugs harren der ordnenden Künstlerhand Thomas Hirschhorns.
Der russische Pavillon scheint noch winterfest verriegelt, immerhin wurde
Kurator Boris Groys schon auf dem Gelände gesichtet. Lange war nicht sicher, ob
Ägypten seinen Pavillon überhaupt aufsperren wird: Der Künstler Ahmed Basiony
wurde auf dem Tahrir-Platz erschossen.
Im zentralen Pavillon herrscht strengstes Betretungsverbot (eben-so wie im
Arsenale, wo die österreichische Boygroup Gelitin ihren Open-Air-Para-Pavillon
bereits installiert hat). Betriebsamkeit bei Griechen und Japanern, Großeinsatz
vor und im britischen Pavillon. Vor dem US-Pavillon haben die Amerikanerin
Jennifer Allora und der gebürtige Kubaner Guillermo Calzadilla einen Panzer
postiert, nebenan die Deutschen ihr diesjähriges Schlingensief-Memorial mit
Holzplanken vernagelt; hier werden sich bei der Eröffnung sehr wahrscheinlich
die längsten Schlangen bilden.
Beim dänischen Pavillon, traditionell einem der interessantesten, ist unter
freiem Himmel eine "Kill Berlusconi"- Installation geplant. Mal sehen, heißt es,
was die Italiener dazu sagen. Dass die, zumindest was die Biennale-Organisation
angeht, künftig lieber weniger sagen dürfen sollten, das wünschen sich - off the
records - einige Länderkommissäre: "Es herrscht das totale Chaos. Eine dänische
oder deutsche Abordnung sollte künftig die Organisation übernehmen."
Österreichs Abgründe
Biennale, eine reine Nervensache - sagt Eva Schlegel. Und die muss es wissen,
1995 war sie teilnehmende Künstlerin, jetzt ist sie als Kommissärin für die
Bespielung des Josef-Hoffmann-Pavillons verantwortlich. Der sei zwar
österreichisches Hoheitsgebiet, aber natürlich habe sie das diesjährige
Biennale-Thema Illuminations bei der Künstlerwahl berücksichtigt: "Mir
ging es um den Abgrund. Um den Schatten." Aus einer "irrsinnig langen Shortlist"
wählte sie schließlich den 38- jährigen gebürtigen Salzburger Künstler Markus
Schinwald: "Eva hat mir erzählt, was sie daran interessiert. Aber das stand bei
meinen ersten Überlegungen gar nicht unbedingt im Vordergrund."
Ein bisschen unangenehm sei ihm der Österreich-Repräsentationszusammenhang:
"Man wird angesehen wie ein Skifahrer, der zur Olympiade geschickt wird. Und der
österreichische Pavillon ist ja keinem egal, da hat jeder Bezugspunkte."
Das Sonnenlicht malt geometrische Muster an die Wände des Labyrinths, das
Schinwalds Team in den Pavillon einpasst. Und das, wenn es fertig ist, auch ein
wenig an das verwirrende Gassenwerk der Lagunenstadt erinnern wird. Noch liegen
auf der Wiese vor dem Pavillon, riesigen Leintüchern gleich, Aluminiumplatten -
wie alles benötigte Material übrigens zur Gänze Österreich-Importe.
Fünfzehn Firmen sind an der Umsetzung von Schinwalds Plänen beteiligt,
Waagner-Biro und Strabag als fördernde Partner. 400.000 Euro standen als Budget
zur Verfügung, 300.000 konnte Schlegel mittels privater Sponsoren
auftreiben. Das letzte Halbjahr setzte sie Zeit und Kraft ausschließlich für die
Venedig-Biennale ein. Das habe durchaus Spaß gemacht, aber noch einmal? Nein.
35 Menschen arbeiten auf Österreichs derzeit vermutlich prestigeträchtigster
Kunstbaustelle. "Gott sei Dank bedenkt man bei der künstlerischen Planung nicht,
was an Manpower zur Umsetzung vonnöten ist", sagt Schinwald. "Sonst hätte ich
das Projekt vermutlich nicht vorgeschlagen."
Schon jetzt hat das venezianische Guggenheim-Museum für die diesjährige
Biennale übrigens drei Empfehlungen ausgesprochen. Eine davon: der
österreichische Pavillon.
Wäre ja zu schön, wenn sich zu Franz Wests Goldenem Löwen für das Lebenswerk
noch der Löwe für den besten Pavillon gesellte. (Andrea Schurian aus Venedig/ DER STANDARD, Printausgabe, 21./22.5.2011)
54. Biennale von Venedig, 4. Juni bis 27. November. Verleihung der Löwen
am
4. Juni