Vorbereitungen für die Sehschlacht in Venedig

20. Mai 2011, 17:37
  • Biennale von Venedig: Noch liegen Aluminiumplatten auf der Wiese vor dem
 
österreichischen Pavillon, den Markus Schinwald in ein Labyrinth 
verwandeln 
wird.
    vergrößern 600x400
    foto: valerie messini

    Biennale von Venedig: Noch liegen Aluminiumplatten auf der Wiese vor dem österreichischen Pavillon, den Markus Schinwald in ein Labyrinth verwandeln wird.

  • Markus Schinwald, unser Mann auf der Biennale.
    foto: valerie messini

    Markus Schinwald, unser Mann auf der Biennale.

Ein Lokalaugenschein in den Giardini bei den letzten Arbeiten an den Länderpavillons

Die 54. Biennale von Venedig ist die Mutter aller Biennalen. 89 Nationen nehmen heuer teil. Derzeit werden die Länderpavillons für die Eröffnung am 3. Juni auf Hochglanz gebracht.

Sicher, auf der Seufzerbrücke und im Gassengewirr zwischen Rialtobrücke und Markusplatz herrscht auch jetzt schon Fußgängerstau. Aber noch ist die internationale Kunstkarawane nicht in Venedig eingetroffen, noch ankern nicht Megajachten mit Hubschrauberlandeplatz an der Riva dei Sette Martiri. Noch ist das trübe Wasser des Canal Grande nicht von zahllosen privaten Motorbooten aufgewühlt. Und für Öffi-Benutzer gibt es auf den Vaporetti sogar noch Sitzplätze.

Anfang Juni aber, wenn die Berichterstatter und Sammler und Künstler und Galeristen und Schönen und Reichen zur "Sehschlacht am Canal Grande" (© Alfred Schmeller) einfallen, dann ist alles anders und selbst ein Stehplatz auf dem Wasserbus ein seltener Glücksfall. Das ist die Zeit, da echte Venezianer ihre Stadt fluchtartig verlassen und ihre Wohnungen um hunderte Euro pro Nacht und Schlafkammer vermieten. Raum ist während der Biennale-Eröffnungswoche ein knappes und vor allem teures Gut. So verkaufte die libanesische Nation ihre Ausstellungsfläche im Arsenal aus Kostengründen.

89 Nationen nehmen heuer an der 54. Kunstweltmeisterschaft teil, um elf mehr als noch vor zwei Jahren, die Präsentationsorte sind über alle Stadtteile verstreut. 28 Pavillons befinden sich in den Giardini, dem eindeutig schönsten Schauplatz für Weltkunst.

Internationale Aufbauten

Einige der nationalen Kunsthäuser haben den Aufbau bereits abgeschlossen, andere noch nicht einmal angefangen. Über dem Eingang des belgischen Pavillons prangt immerhin schon in leuchtend roter Neonschrift "Feuilleton" als Lockruf für Kulturjournalisten; drin herrscht noch Chaos - so wie bei den Schweizern: Riesenstahlkonstruktionen, mit Staniolpapier umwickelte Autoreifen, Autositze und viel anderes Zeugs harren der ordnenden Künstlerhand Thomas Hirschhorns.

Der russische Pavillon scheint noch winterfest verriegelt, immerhin wurde Kurator Boris Groys schon auf dem Gelände gesichtet. Lange war nicht sicher, ob Ägypten seinen Pavillon überhaupt aufsperren wird: Der Künstler Ahmed Basiony wurde auf dem Tahrir-Platz erschossen.

Im zentralen Pavillon herrscht strengstes Betretungsverbot (eben-so wie im Arsenale, wo die österreichische Boygroup Gelitin ihren Open-Air-Para-Pavillon bereits installiert hat). Betriebsamkeit bei Griechen und Japanern, Großeinsatz vor und im britischen Pavillon. Vor dem US-Pavillon haben die Amerikanerin Jennifer Allora und der gebürtige Kubaner Guillermo Calzadilla einen Panzer postiert, nebenan die Deutschen ihr diesjähriges Schlingensief-Memorial mit Holzplanken vernagelt; hier werden sich bei der Eröffnung sehr wahrscheinlich die längsten Schlangen bilden.

Beim dänischen Pavillon, traditionell einem der interessantesten, ist unter freiem Himmel eine "Kill Berlusconi"- Installation geplant. Mal sehen, heißt es, was die Italiener dazu sagen. Dass die, zumindest was die Biennale-Organisation angeht, künftig lieber weniger sagen dürfen sollten, das wünschen sich - off the records - einige Länderkommissäre: "Es herrscht das totale Chaos. Eine dänische oder deutsche Abordnung sollte künftig die Organisation übernehmen."

Österreichs Abgründe

Biennale, eine reine Nervensache - sagt Eva Schlegel. Und die muss es wissen, 1995 war sie teilnehmende Künstlerin, jetzt ist sie als Kommissärin für die Bespielung des Josef-Hoffmann-Pavillons verantwortlich. Der sei zwar österreichisches Hoheitsgebiet, aber natürlich habe sie das diesjährige Biennale-Thema Illuminations bei der Künstlerwahl berücksichtigt: "Mir ging es um den Abgrund. Um den Schatten." Aus einer "irrsinnig langen Shortlist" wählte sie schließlich den 38- jährigen gebürtigen Salzburger Künstler Markus Schinwald: "Eva hat mir erzählt, was sie daran interessiert. Aber das stand bei meinen ersten Überlegungen gar nicht unbedingt im Vordergrund."

Ein bisschen unangenehm sei ihm der Österreich-Repräsentationszusammenhang: "Man wird angesehen wie ein Skifahrer, der zur Olympiade geschickt wird. Und der österreichische Pavillon ist ja keinem egal, da hat jeder Bezugspunkte."

Das Sonnenlicht malt geometrische Muster an die Wände des Labyrinths, das Schinwalds Team in den Pavillon einpasst. Und das, wenn es fertig ist, auch ein wenig an das verwirrende Gassenwerk der Lagunenstadt erinnern wird. Noch liegen auf der Wiese vor dem Pavillon, riesigen Leintüchern gleich, Aluminiumplatten - wie alles benötigte Material übrigens zur Gänze Österreich-Importe.

Fünfzehn Firmen sind an der Umsetzung von Schinwalds Plänen beteiligt, Waagner-Biro und Strabag als fördernde Partner. 400.000 Euro standen als Budget zur Verfügung, 300.000 konnte Schlegel mittels privater Sponsoren auftreiben. Das letzte Halbjahr setzte sie Zeit und Kraft ausschließlich für die Venedig-Biennale ein. Das habe durchaus Spaß gemacht, aber noch einmal? Nein.

35 Menschen arbeiten auf Österreichs derzeit vermutlich prestigeträchtigster Kunstbaustelle. "Gott sei Dank bedenkt man bei der künstlerischen Planung nicht, was an Manpower zur Umsetzung vonnöten ist", sagt Schinwald. "Sonst hätte ich das Projekt vermutlich nicht vorgeschlagen."

Schon jetzt hat das venezianische Guggenheim-Museum für die diesjährige Biennale übrigens drei Empfehlungen ausgesprochen. Eine davon: der österreichische Pavillon.

Wäre ja zu schön, wenn sich zu Franz Wests Goldenem Löwen für das Lebenswerk noch der Löwe für den besten Pavillon gesellte. (Andrea Schurian aus Venedig/ DER STANDARD, Printausgabe, 21./22.5.2011)

54. Biennale von Venedig, 4. Juni bis 27. November. Verleihung der Löwen am 4. Juni

Share if you care
18 Postings
schulaufsatz

frau schurian: was ist die aufgabe der kulturberichterstattung? pre-viennale erlebnisse im stiles eines besseren schulaufsatzes? nicht genügend, setzen.

biennale nicht viennale

Ojemminee. lesen, vor allem sinnerfassend lesen, ist wirklich eine schwierige kulturtechnik, da sollten sie beim polarschwimmen eine pause einlegen und noch ein bisschen weiterüben. auch wenn's in venedig stattfindet: es geht im artikel nicht um pre-viennale erlebnisse. die viennale findet in wien statt und ist ein filmfest. die biennale findet in venedig statt, heißt deshalb biennale, weil es sie alle zwei jahre gibt. aber versteh schon: standard-kulturredaktion-bashing im allgemeinen und schurian-hauen im besonderen geht immer. sind ja alle wirklich blöd, die nicht polarschwimmen können.

Naja,

inhaltlich stimmte auch pre-viennale. Stilfragen sind auch individuelle Geschmackssache, und ja, das Niveau lässt für so manche/n zu wünschen übrig.

warum stimmte pre-viennale? versteh ich nicht.

schade, dass die stadt der liebe mit parolen des hasses, der rache und des krieges konfrontiert wird; illuminations sollte im übertragenen sinne auch für erleuchtung stehen, die fehlt uns nämlich

leider, ich poste das wirklich nicht aus Bosheit,

aber dierser Kulturjournalismus ist eine Schande für den Standard, verdammt noch einmal, wo bleiben endlich die Inhalte???

seh ich anders

nicht jeder kennt alles, nur die wenigsten sind zur voreröffnung in venedig. genug infos - wussten sie, dass die nationenplätze offenbar so teuer sind, dass libanon abgesagt hat? dass eine amerikanerin und ein kubaner den ami-pavi bespielen? mein lieber ex-kurz-rektor kurator für russland ist? der ägypt. künstler erschossen wurde? uswusf. der diskurs wird schon noch folgen, nehm ich an.

Von diesen "diskursrelevanten" Infos steht aber gar nichts im Artikel.

?? sie schreiben in rätseln. oben sagen sie, pre-viennale stimmt. ?? und jetzt: jedenfalls alles was ich zitiert hab steht im artikel. und: "der diskurs wird schon noch folgen". der standard ist doch angeblich die zeitung für leser? vielleicht stimmt das für die online-leser nicht. ich empfehle nochmals: einfach üben. eventuell gemeinsam mit dem polarschwimmer. zu zweit macht's sicher mehr spaß.

Ihnen fehlt der Humor, oder das Hirnschmalz

der Poster hat vermutlich gemeint, dass der Artikel so allgemeines Gefasel ist, dass er auch pre-viennal gelesen werden kann, denn es ist ja immer vor einer Viennale & vor einer Biennale & vor einer Documenta (und wenn wir in der Diktion des Artikels bleiben wollen, leider auch vor einem Krieg).
Wenn Sie hier Frau Schurian gegen uns böse Poster verteidigen wollen: "Seeschlacht...", "unser Mann auf der Biennale..." etc. sind nicht nur inhaltslos wie der Rest, sondern schwer bedenklich.

schau einmal an! ich freu mich über die debatte, danke, natha, für ihr verständnisvolles (und offenbar wohlwollendes) lesen. ich finde jedes kritische posting sehr okay. aber vielleicht, "keine ahnung", "cle mans" und "polarschwimmer", sollten sie tatsächlich genauer lesen: ich habe z.b. nicht von der "seeschlacht" sondern der "sehschlacht" geschrieben - ein von alfred schmeller entlehntes wort (ich schreibe das auch im artikel). schmeller war kunsthistoriker, kritiker und von 1969 bis 1979 direktor des 20er hauses. sehr lesenswert und amüsant sein essayband "sehschlacht am canal grande". war vergriffen, ist mittlerweile wieder aufgelegt.

da haben Sie absolut Recht und ich habe schlampig gelesen,

trotzdem mag ich die Diktion nicht.

sei ihnen alles völlig unbenommen. ich denke nur, wenn man über "gefasel" schreibt, sollte man's wenigstens gelesen haben :-)

ich glaube, sie können sich die erläuterungen sparen: keine ahnung hat weiterhin keine ahnung (vom lesen). der polarschwimmer geht bei der hitze auch lieber schwimmen als lbuchstabieren lernen und cle mens bleibt dabei, dass in venedig die viennale stattfindet. tolle leser!!!! da kann man kritik wirklich ernst nehmen.

Das hättest du dir aber jetzt wirklich sparen können.

Fundierte Kritik ist grundsätzlich ernst zu nehmen und dass die Viennale in Venedig stattfindet, habe ich nie behauptet, es ist nur nicht falsch, pre-viennale, das bedeutet: vor der Viennale, zu schreiben.
Sorry übrigens, auch ich habe die Informationen in all dem Infotainment anscheinend beim ersten Mal überlesen.

wahnsinn. sie sind ein kenner, ihre kritik muss man sich wirklich zu herzen nehmen. so ernsthaft. so klug. und bewundernswert vor allem die hartnäckigkeit, mit der sie auf VIENNALE bzw. pre-VIENNALE beharren. noch einmal: venedig findet die BIENNALE statt, daher kann in dem artikel nur über PRE-BIENNALE eindrücke geschrieben worden sein. aber vielleicht macht frau schurian ihnen die freude und schreibt im herbst, wenn in wien, wie jedes jahr, die viennale stattfindet, über pre-viennale erlebnisse. aber jetzt, bitte!!!: venedig! kunst, folglich: biennale!! mit B. nicht viennale. mit V. danke fürs mitdenken. jetzt geb ichs auf, egal, was sie noch an unsinn posten.

Jetzt weiß ich allerdings immer noch nicht,

ob Ihnen der Humor oder das Hirnschmalz fehlt.

Oida

es wird schon wirklich peinlich :-) Habts ihr nichts besseres zu tun?

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.