Mindestsicherung als Test

Schaukeln in der sozialen Hängematte

Martin Obermayr, 20. Mai 2011, 17:43
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    foto: apa/jens wolf

    Fünf Fünfziger, fünf Zwanziger und fünf Zehner - dieses Budget haben die TeilnehmerInnen an dem Projekt "Soziale Hängematte" für das folgende Monat zur Verfügung.

In Salzburg stellen sich 20 Personen einem Selbstversuch und leben einen Monat lang von maximal 400 Euro

Christine Bliem, Besitzerin eines Weltladens in Golling, hat es aus der Zeitung erfahren. Es geht um das Projekt "Soziale Hängematte", das von der Schuldenberatung Salzburg initiiert und folgendermaßen beworben wurde: "Kann ich für den begrenzten Zeitraum eines Monats mit einem Geldbetrag leben, welcher sich an der bedarfsorientierten Mindestsicherung orientiert? Wie und wobei muss ich mich einschränken? Wie geht es mir dabei - ist das überhaupt zu schaffen? Muss ich hungern, gar betteln oder mir etwas ausleihen, Schulden machen?"

Für Christine Bliem steht bei dem Projekt vor allem eine "Bewusstseinserweiterung" im Vordergrung. Auch Ehemann Sepp und der 14-jährige Sohn Fabian, der "definitiv nicht freiwillig" mitmacht, sind bei dem Selbstversuch mit von der Partie. "Es ist nicht unbedingt so, dass wir vom einen Ende der Einkommensleiter zum anderen Ende abrutschen", erklärt Christine Bliem. "Aber die Erfahrungen am eigenen Leib sollten unser Leben bereichern - auch wenn ein Monat viel zu kurz ist, um Nöte soweit zu spüren, dass sie auch weh tun."

"Soziale Hängematte" als Feindbild von Solidarität

Der Hintergrund für das Projekt sei laut Thomas Jedlizka von der Schuldenberatung, dass man das 20-jährige Bestehen des Unternehmens unter ein besonderes Motto stellen wollte - und dafür hätte sich die Einführung der bedarfsorientierten Mindestsicherung angeboten: "In einer polemisch geführten Diskussion ist die 'Soziale Hängematte' zum Feindbild solidarischen Denkens und Handelns stilisiert und salonfähig gemacht worden. BezieherInnen von Mindestsicherung werden damit ohne Differenzierung mit Sozialschmarotzern gleichgesetzt", beschreibt Jedlizka die Grundstimmung.

Der Zeitraum des Projekts, an dem 20 Personen aus dem Bundesland Salzburg teilnehmen, erstreckt sich vom 20. Mai bis 19. Juni. Die genau zur Verfügung stehenden Mittel wurden von der Schuldenberatung ausgerechnet. Berufstätige Personen müssen demzufolge mit rund 400 Euro auskommen, nicht berufstätige mit ca. 270 Euro. Mit diesen Beträgen seien vor allem Alleinstehende gemeint, ein Paar oder eine Familie könne diese Werte nicht einfach für jede Person so hoch ansetzen, so Jedlizka. (Genaue Erklärung zur Berechnung siehe hier)

"Wer hat mich mit so einer Mutter gestraft?"

Dass die Vorgaben mit 400 Euro nur sehr schwer zu erfüllen sind, ist für Christine Bliem aus Golling klar: "Als ich die Idee zu Hause präsentierte, war die Erstreaktion unseres Sohnes: 'Wer hat mich mit so einer Mutter gestraft?' Seine Vorstellung ist, dass er jetzt täglich mit einer Scheibe trockenen Brotes in die Schule gehen muss." Auch mit ihrem Mann hätte sich die eine oder andere Diskussion ergeben. "Er meint, dass wir im Monat sowieso nicht viel mehr zur Verfügung hätten, weil das ungefähr der Betrag sei, den er für die Familie aufwendet - und er ist unser Haupt-Einkäufer", erzählt die Weltladen-Inhaberin und fügt hinzu: "Hier - und da bin ich mir sicher - unterschätzt er gewaltig jenen Teil, den ich trotz meines unregelmäßigen und im bescheidenen Taschengeldbereich liegenden Einkommens zum Luxus der Familie beitrage."

Was bei den Bliems noch hinzukommt: Sie tätigen ihre Lebensmitteleinkäufe zum überwiegenden Teil aus dem Bio-Sortiment - und das möchte Christine Bliem auch beim Selbstversuch nur im äußersten Notfall ändern: "Ich glaube, dass wir mit unserer Bio-Verpflegung nicht wirklich teurer liegen als mit herkömmlichen Lebensmitteln."

Kino- und Beislbesuch zwei Mal überlegen

Auch Inge Honisch, Kollegin von Jedlizka bei der Schuldenberatung und ebenfalls Projektteilnehmerin, weiß, dass sie sich einen Monat lang ziemlich einschränken muss: "Essen allein ist mit dem Betrag wahrscheinlich möglich, aber man muss sich jeden Kino- oder Beislbesuch zwei Mal überlegen - und was ist, wenn was kaputt wird oder jemand Geburtstag hat? Ich werd‘s wohl nicht schaffen, aber ich werde mich bemühen."

Für Honisch, die seit 25 Jahren als Sozialarbeiterin und seit 15 Jahren als Schuldenberaterin tätig ist, spielt aber noch ein anderer Gedanke mit: "Viele meiner KlientInnen haben noch weniger oder müssen jahrelang damit auskommen. Es geht darum, es einmal zu spüren und es transparent zu machen. Meine Ehrfurcht vor diesen Menschen wird wieder wachsen."

Ins gleiche Horn stößt ihr Kollege Jedlizka, der sich ebenfalls den Selbstversucht gibt: "Sicherlich kann dies nur eine vage Annäherung an die reale Lebenswelt von betroffenen Menschen sein. Ich berate seit vielen Jahren von Armut betroffene Menschen und weiß abstrakt einiges darüber - doch am eigenen Leib habe ich Armut noch nie zu spüren bekommen."

"Kein Urlaub auf Kosten der Allgemeinheit"

Ebenso wichtig ist dem Schuldenberater aber, dass es eine öffentliche Auseinandersetzung mit dem Thema gibt. Denn ihn störe vor allem jenes Bild von der "sozialen Hängematte", das folgendes suggeriere: "Ein Ausspannen-Können, ein sorgenfreies Faulenzen, Urlaub auf Kosten der Allgemeinheit - alles Dinge, nach denen sich die meisten von uns in einem von Stress und Hektik dominierten Alltag selber sehnen und wofür wir hart arbeiten müssen."

derStandard.at wird das Projekt im folgenden Monat begleiten und wöchentlich ein Update von TeilnehmerInnen über ihre Erfahrungen liefern. Also bleiben Sie dran und vielleicht probieren Sie es  sogar selbst aus - entweder mithilfe eines Haushaltsbuchs oder indem Sie jetzt 400 Euro abheben und schauen, wie lange Sie damit auskommen. (Martin Obermayr, derStandard.at, 20.5.2011)

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Zynikerr
00
....Ich glaube, dass wir mit unserer Bio-Verpflegung nicht wirklich teurer liegen als mit herkömmlichen Lebensmitteln."

hahahahaha
schade, das ich ab 1.juli auf solch "lustige" Anmerkungen verzichten muss, da ich chello aus Kostengründen abgemeldet hab

Gusti Rentner
 
00
Ein SUPER-PROJEKT!

Chapeau!

i bisgsi
01
23.5.2011, 11:00
als die krise...

...und damit die zinsen zu steigen begonnen haben, wurde es in unserer hh-kasse ebenfalls knapp. ergo haben wir einen hh-plan gemacht und unterm strich sind eur 400,-- (bei zwei einkommen und für zwei personen) für lebensmittel übrgiggeblieben. es hat funktionert, tw. sind wir auch mit weniger ausgekommen und nein, ich habe mich nicht sonderlich eingeschränkt gefühlt. wir sind halt dort einkaufen gegangen, wo´s günstig war, wo´s aktionen gegeben hat, etc... zugegebenermassen hat auch die nähe zu deutschland eine rolle gespielt, da dort die lebensmittel spürbar billiger sind. für mich war es eine gute erfahrung, wie sparsam man doch leben kann - vorrangig war jedoch immer die frage: brauchen wir das wirklich?

KM56
04
23.5.2011, 22:46
Sie sprechen von Lebensmittel

Ist da auch ein Cafébesuch, Kino, Friseur, Buchhandel usw. mit drin? Sie sollten sich mal vorstellen, dass man die o. g. Dinge vergesseb kann - für immer - wenn man von 400 Euro/Mt leben muß (vorausgesetzt auch, dass die Wohnkosten zur Gänze übernommen werden!). Und wie ist es mit der Handy-Rechnung, Festnetz, Internet und andere Kosten? 400 Eur f 2 Pers. nur für Lebensmittel finde ich extrem viel, aber wenn man z B auch noch teure Hygieneartikel und obiges davon kaufen soll, dann reicht es sicherlich auch nicht. Personen, die auf die Mindestsicherung angewiesen sind, müssen aber auf JEDEN Luxus verzichten. Und Sie haben Glück, dass Sie in der Nähe von D. leben, versuchen Sie mal in Wien davon zu leben.

FabulousX
30
30.5.2011, 10:36
für Luxus wie

Alkohol, Tabak, Cafébesuch und Kino muss man halt arbeiten gehen. Es kann nicht sein, dass man Arbeitsunwilliegen diesen Luxus finanziert.

Euroumrechner
02
30.5.2011, 19:06

Wenn die Wirtschaft genug Arbeitsplätze zur Verfügung stellen würd wär das kein Thema. Da wir aber mehr Arbeitslose als offene Stellen haben ist ihre Verleumdung "Arbeitsunwillige" nicht nur ignorant und bösartig sondern schlicht und einfach falsch.

gomey
01
23.5.2011, 00:07

ich mach diesen "test" schon seit einigen jahren. als student is sowas normal, ich versteh die aufregung nicht.

ich versteh sehr wohl den unterschied zwischen einem studenten, der momentan nichts hat aber zumindest auf eine besserung hoffen kann - und einem dauerhaft armutsbetroffenen, der wohl wenig aussicht auf mehr hat...

aber ehrlich gesagt denk ich, dass mein studentendasein näher an "armut" ran kommt als irgendein einmonatiger selbstversuch.

Spucks
00
23.5.2011, 09:42

Seh ich genauso - die Leute bei dem Projekt tun so, als ob sie wie ein "1 Eruo am Tag"-Mensch in einem Entwicklungsland leben müssten.
Ich bin ebenso Student, dazu noch alleinerziehend mit Kind, und mit 400 Euro/Monat nach Abzug von Miete, Strom und Gas, kommen wir locker aus - inklusive Bio-Essen, Kleidung, Transport und Luxus wie Süßigkeiten oder Museums-, Theater-, und Schwimmbadbesuche. Und das nicht 30 Tage lang, sondern so ungefähr 365 Tage, pro Jahr, mehrere Jahre lang.
Aber wenn man das 1 Monat macht, was ein Großteil der Bevölkerung ständig macht, ist man uuuur super.

Noxventa
00
30.5.2011, 07:12

Na ein Großteil der Bevölkerung wird schon mehr haben.

Spucks
00
30.5.2011, 09:49

Glaub ich nicht wirklich, schauen Sie sich mal die Regeln an. Sämtliche Wohnkosten sind da ja schon abgezogen, ebenso "tatsächliche Wohnungskosten, Kleidung, Möbel, tatsächliche Versicherungen, tatsächliche Kosten für Mobilität, Sparformen, Fernseh- und Rundfunkgebühren sowie rezeptpflichtige Medikamente". Und die 400 sind offenbar für eine einzelne arbeitende Person, d.h. für Familien wirds dann wohl noch mehr geben.

wirdeinlichtleinseinamendedestunnels
00
22.5.2011, 22:53
Nun jubelt sozialbeseitigungs-voves im tv -

endlich kann er mit der övp gemeinsame sache machen, da viel zeit ist bis zur nächsten wahl!
Die offensichtlich zu lange wahlfreie phase ist von der politk dem souverän putschartig(!) aufgezwungen worden...!

goldschmied van halen
02
22.5.2011, 22:49
raus aus der asozialen hängematte...

...raus mit meinl, meischberger und co. die fügen der gesellschaft sehr viel mehr schaden zu...denen gönne ich ein leben auf staatskosten....viele viele jahre...

pago1
00
22.5.2011, 22:23
wovon lebt eigentlich der pröll jezt

arbeitslose krankengeld parteispend? auf jeden fall vom steuerzahler

Michael_Gutsch
00
22.5.2011, 20:49

hä!? wo ist jetzt der Test???

Aber mal was anderes, was ist eigentlich mit den working poor - das ist völlig egal oder?

Outlaw
020
22.5.2011, 18:50
Dummes Experiment!

Das tragische an Armut sind die Lebensumstände:

-unzureichende Wohnmöglichkeiten
-fehlen der sozialen Kontakte (Kino gehen, ausgehen, all das kostet Geld)

Wenn ich eine Wohnung habe mit allen möglichen Annehmlichkeiten und den teuersten HiTech-Geräten, dazu meine sozialen Kontakte schon geknüpft habe und ich ihnen einfach erklären kann wenn mir das Geld knapp wird, das ich an einem Experiment teilnehme (was einem ja, im Gegensatz zu einem wirklich Armen, jedweidige Peinlichkeit erspart) - dann kann man das mit einem wirklichen Leben an der Armutsgrenze nicht vergleichen.

Nein - es zieht dies sogar ins Lächerliche!

The man
40
22.5.2011, 20:43
braucht man

im Zeitalter von Facebook noch andere soziale Kontakte?

rabbit74
02
23.5.2011, 08:40
was ist denn Facebook?

wirdeinlichtleinseinamendedestunnels
02
22.5.2011, 18:03
Mit nur ein paar hundert euro im monat leben wollen -

u. das mindestens ein halbes jahr lang - das kann aufschlussreich sein!

wirdeinlichtleinseinamendedestunnels
00
22.5.2011, 18:03
Mit nur ein paar hundert euro im monat leben wollen -

u. das mindestens ein halbes jahr lang - das kann aufschlussreich sein!

peter schmidt
 
00
23.5.2011, 13:40
Ich habe daraus gelernt

a)das es viel besser geht als man denkt. und b) dass es voll schrecklich wäre, wenn man nicht gute Freunde und Familie hätte.

jetzt fehlt mir nur noch die Erfahrung mit einem ganz normalen Einkommen zu leben, da ich als Erwachsener immer entweder ganz wenig oder extrem viel hatte.

Mal sehen wie das wird. Wahrscheinlich schrecklich.

Steinbock1959
20
22.5.2011, 17:04

Wenn ich mir diese kalten und zynischen Kommentare hier so durchlese, dann kommt mir das Grauen.

tiggerle
02
22.5.2011, 14:45
DIE TESTBEDINUNGEN SIND EIN SCHLECHTER WITZ, UNBEDINGT DEN LINK IM ARTIKL LESEN!

wirdeinlichtleinseinamendedestunnels
02
22.5.2011, 18:23
Was für ein test?

.."Ausgenommen sind tatsächliche Wohnungskosten, Kleidung, Möbel, tatsächliche Versicherungen, tatsächliche Kosten für Mobilität, Sparformen, Fernseh- und Rundfunkgebühren sowie rezeptpflichtige Medikamente."

Lalai Dama
00
23.5.2011, 07:55
400 Euro ausgenommen....

Die meisten Durchschnittsverdiener haben kauim mehr als 400 EUR an wirklich disponiblem Geld.
Der Unterschied zum Sozialhilfeempfänger besteht in erster Linie darin, dass sich Wohn- und andere Fixkosten selber bezahlen.

tiggerle
02
22.5.2011, 20:30
genau - ausgenommen ist alles, was wirklich teuer ist.

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