Über eine Österreicherin, die sich unter der brutalen Herrschaft Hitlers bewährt hat: als Retterin der Tagebücher der Anne Frank
Miep Gies hat ein
leuchtendes Beispiel davon gegeben, was Zivilcourage bewirken kann.
Am 25. Mai 2011 wird die Grünanlage der neuen Wohnsiedlung auf dem Gelände
des früheren Kabelwerks in Wien-Meidling unter dem Namen "Miep Gies-Park"
offiziell eröffnet werden. Aber wer, bitte, war Miep Gies? Fremd klingt der Name
- schon vertrauter, weil in das slawische Wien weisend, klänge da ihr
Mädchenname: Hermine Santrouschitz, geboren in Meidling im Jahr 1909.
Vor mir liegt ihr Buch, mit Widmung, zur Erinnerung an meinen Besuch in ihrer
Amsterdamer Wohnung im Jahr 1993: Meine Zeit mit Anne Frank, in der
US-Originalversion Anne Frank remembered. Nun erschließt sich dem Leser
der Zusammenhang zwischen dem in aller Welt bekannten jüdischen Mädchen und dem
selbst in seiner Heimatstadt kaum bekannten Arbeiterkind. Das Tagebuch der
Anne Frank, in 20 Sprachen übersetzt und in mehr als 50 Millionen Exemplaren
verkauft, gilt als das bekannteste und berührendste Zeugnis eines Teenagers über
das Leben unter Hitlers brutaler Gewaltherrschaft, über Judenverfolgung und die
Ängste einer Existenz im jahrelangen Versteck in Amsterdam.
Miep Gies hat das Tagebuch nach der Verhaftung der jüdischen Familie Frank
vor dem Zugriff der deutschen Polizei gerettet und bis zur Rückkehr von Annes
Vater aus dem KZ aufbewahrt. Ohne diese, auf Loyalität gegenüber dem Dienstgeber
und auf Mitmenschlichkeit gegründete Umsicht wäre Anne Frank unbekannt
geblieben. Es gäbe auch nicht die mehr als 50 Jahre währende Bildungsarbeit der
Anne-Frank-Stiftung. Aber nicht allein diese Kausalität ist es, die uns das
Leben der vor einem Jahr verstorbenen, über hundertjährigen Meidlingerin
erinnerungswürdig macht. Es sind auch die besonderen Lebensumstände, unter denen
sie zu der geworden ist, als die sie die Welt kennt, und die unsere Beachtung
verdienen. Wien durchlebte nach dem Ersten Weltkrieg Jahre bitterer Not, die
Unterernährung von Kindern war in vielen Arbeiterfamilien Grund zu größter
Sorge.
Der Geist internationaler Solidarität zur Überwindung sozialer Not war schon
sehr lebendig: Dänemark, Schweden, die Niederlande (wie nach dem Zweiten
Weltkrieg auch Spanien) boten an, Kindern aus Österreich über die Hungerkrise
hinwegzuhelfen. Hochachtung verdient, dass viele der zeitlichen Ersatzeltern
keine Wohlstandsbürger waren, sondern Arbeiterfamilien, die für eigene Kinder zu
sorgen hatten. Ihre Ansprüche an das Leben waren von einer Bescheidenheit
geprägt, die man heute kaum mehr kennt.
Unglücklich waren sie deshalb nicht. Der Vorarbeiter in einer Kohlenfirma
handelte nach der Überzeugung "Wo sieben satt werden, reicht es auch für acht".
Hermine erfuhr ein hohes Maß an Zuwendung: Man integrierte sie in Familie,
Schule und Freizeit. ("Diese Menschen brachten mir die Liebe zur klassischen
Musik bei, sie entwickelten mein politisches
Bewußtsein und hielten mich an, allabendlich Zeitung zu lesen und dann darüber
zu diskutieren"). Ihre leiblichen Eltern stimmten, als sie 16 war, ihrem
dauernden Verbleib in Holland zu. Hermine war zu Miep geworden. 1933 nahm der
aus Deutschland geflohene jüdische Geschäftsmann Otto Frank die 24-Jährige als
Büroangestellte in seiner Firma für die Erzeugung von Konservierungsmitteln auf.
Ihre Umsicht und Einsatzbereitschaft machten sie bald zu einer Vertrauensperson
für die ganze Familie Frank. Die Belegschaft im Büro zählte nur eine Handvoll
Personen und bildete ein loyales Team. 1940 überfiel die Wehrmacht das
unvorbereitete neutrale Holland, und Hitler errichtete ein übles
Besatzungsregime unter der Leitung des Österreichers Seyss-Inquart.
Miep, nach dem Anschluss Österreichs zur deutschen Staatsbürgerin geworden,
konnte durch Heirat mit ihrem Freund Jan Gies die holländische
Staatsangehörigkeit erwerben. Für die traditionell große jüdische Gemeinschaft
in den Niederlanden, die nach Eta-blierung des Naziregimes in Deutschland durch
eine Fluchtwelle noch angewachsen war, begann eine Zeit der Angst, Bedrohung
ihrer physischen Existenz und schwerer Repressalien. Ein Generalstreik im
Februar 1942 gegen diesen Terror der Besatzer endete mit der Deportation vieler
junger Holländer ins KZ Mauthausen, das für die Niederlande zum Wahrzeichen
nationaler Schmach wurde. Bald darauf begannen die Deportationen von Juden in
die Vernichtungslager im Osten.
Als die ältere Tochter Margot den Abschiebungsbescheid erhielt, beschloss
Otto Frank, mit seiner Familie und Freunden unterzutauchen, und wählte dafür
einen von außen schwer zugänglichen Teil seines verschachtelten Firmensitzes in
der Prinzengracht 263. Der Betrieb sollte unter Leitung eines holländischen
Angestellten weiterlaufen. Nun lag das Schicksal der Familie Frank in den Händen
ihrer getreuen Mitarbeiter. Miep sollte die schwierige Aufgabe zufallen, in
Hinkunft acht Menschen, die es offiziell nicht mehr gab, täglich mit dem
Lebensnotwendigen zu versorgen.
Die Ernährungslage war kriegsbedingt äußerst angespannt. Zwei Jahre lang
schaffte Miep das unmöglich Scheinende, war sie die Nabelschnur der
Untergetauchten zur Außenwelt, brachte Nachrichten, schaffte Lektüre herbei, um
das Leben der auf kleinstem Raum Eingeschlossenen erträglicher zu gestalten.
Schließlich wurde das Versteck der Franks doch verraten, bis heute weiß niemand,
von wem. Die Familie kam ins KZ, nur Otto Frank überlebte. Anne starb in
Bergen-Belsen. In ihrem Tagebuch aber lebt sie weiter.
Wer Juden half, setzte sein Leben aufs Spiel. Miep und ihr Mann trugen diese
Verantwortung Tag für Tag mit großer Selbstverständlichkeit, ein Charakterzug,
den sie selbst nicht als heldenhaft qualifizieren wollte. Andere urteilten
weniger streng: Sie erhielt hohe Auszeichnungen der BRD, der Republik
Österreich, der Niederlande, der USA, der Stadt Wien, und das Ehepaar wurde von
Israel in die Liste der "Gerechten unter den Völkern" aufgenommen. Am 4. Mai
2010 erinnerte der niederländische Premier Balkenende in seiner Ansprache zum
Befreiungstag an Miep Gies: "Nicht wegschauen bei Unrecht und Unterdrückung.
Sondern sich für Freiheit und Verantwortung entscheiden. Jeden Tag aufs Neue".
Miep hat in früheren Jahren oft Schulen besucht. Wie viele, die tiefe
Einblicke in die Werkstatt menschlicher Vernichtungsfantasien getan hatten,
trieb sie die Sorge an, junge Menschen zu humanistischem Denken und Handeln
hinzuführen. Ich frage mich, ob und wie ihre Erfahrung uns heute, in einer
veränderten Welt, noch nützlich sein könnte.
Die junge Wienerin war zunächst ein Beispiel gelungener Integration in einem
Land, dessen Bürger traditionell weltoffen und - bis noch vor wenigen Jahren -
Fremden gegenüber sehr tolerant waren. Sie selbst war integrationswillig und das
Land integrationsbereit. Miep ist ein gutes Beispiel dafür, welch wertvolle
Energie sich unter solchen Umständen in einem Menschen entwickeln kann und wie
wichtig seine Wirkung auf das Umfeld zu sein vermag. Wir begegnen in Miep Gies
auch einer Frau, die die Folgen zweier Weltkriege zutiefst geprägt haben. Es war
ihr ein Anliegen, diese Erfahrungen weiterzugeben. Leicht ist diese Aufgabe
nicht.
Wir wissen aus der Erziehungsarbeit, wie schwer man sich tut, der heutigen
Jugend das europä-ische Einigungswerk nahezubringen. Sie hat nie etwas anderes
als den Frieden erlebt und hält ihn für selbstverständlich. Die täglichen
Beispiele kriegerischer Gewalt in anderen Erdteilen im Fernsehen nehmen viele
wie eine virtuelle Welt im Computerspiel wahr. Dieser gefährlichen Illusion
sollte man entschlossen begegnen. Im Unterricht über Zeitgeschichte könnten
systematisch Zeitzeugen auch heutigen Kriegsgeschehens dem Beispiel von Miep
Gies folgen und der Jugend die Realität der heutigen Welt näherbringen.
Oft klingt in Gesprächen die Frage durch, ob das Thema Holocaust nicht
erschöpft sei. Ich glaube, dass man die Antwort in einem größeren Rahmen suchen
sollte. Wir werden der nächsten Generation eine höchst komplexe Welt
hinterlassen. Mit dem wachsenden Anspruchsdenken riskieren wir, unseren
Lebensraum Erde zu überfordern. Bei seinem Management werden neue Maßstäbe
anzulegen sein. Die offenkundige Renationalisierung der Politik (mit Zunahme
rechtspopulistischer Tendenzen) bei gleichzeitiger Globalisierung der Probleme
wird eine junge Generation erfordern, die Mut zu größerer Eigenverantwortung und
zu starkem politischem Engagement entwickelt. Dies muss eine Erziehungsaufgabe
erster Ordnung werden.
Einen Rückzug in politisches Desinteresse oder gar in Unwissenheit kann sich
unsere Gesellschaft nicht mehr leisten. Es sollte für uns selbstverständlich
werden, dass jeder Jugendliche, so wie Miep, täglich zur (Qualitäts)zeitung
greift und dass man über das Gelesene diskutiert. Mit den Schatten des Holocaust
als Kulisse unseres politischen Engagements aber sollten wir leben lernen und
wachsam bleiben.
Mehr als eine Million Menschen besuchen jährlich das Anne-Frank-Museum,
darunter viele Jugendgruppen aus allen Ländern. Die Anne-Frank-Ausstellung tourt
seit Jahren durch alle Kontinente, in Österreich war sie in vielen Städten zu
sehen. 263 Anne-Frank-Schulen gibt es auf der Welt - und ich frage mich, wie
lange es dauern wird, bis es auch in Österreich, dem Geburtsland der Miep Gies,
das sich in den letzten Jahren vielfältig bemüht hat, sich vom Schutt des
Vergessens seiner Teilhabe an den Untaten des Naziregimes freizuschaufeln, eine
Anne-Frank-Schule geben wird. Wenigstens eine! (Otto Maschke / DER STANDARD, Printausgabe, 21./22.5.2011)