"Was können wir heute noch von Miep Gies lernen?"

    20. Mai 2011, 18:03
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    Über eine Österreicherin, die sich unter der brutalen Herrschaft Hitlers bewährt hat: als Retterin der Tagebücher der Anne Frank

     Miep Gies  hat ein leuchtendes Beispiel davon gegeben, was Zivilcourage bewirken kann. 

    Am 25. Mai 2011 wird die Grünanlage der neuen Wohnsiedlung auf dem Gelände des früheren Kabelwerks in Wien-Meidling unter dem Namen "Miep Gies-Park" offiziell eröffnet werden. Aber wer, bitte, war Miep Gies? Fremd klingt der Name - schon vertrauter, weil in das slawische Wien weisend, klänge da ihr Mädchenname: Hermine Santrouschitz, geboren in Meidling im Jahr 1909.

    Vor mir liegt ihr Buch, mit Widmung, zur Erinnerung an meinen Besuch in ihrer Amsterdamer Wohnung im Jahr 1993: Meine Zeit mit Anne Frank, in der US-Originalversion Anne Frank remembered. Nun erschließt sich dem Leser der Zusammenhang zwischen dem in aller Welt bekannten jüdischen Mädchen und dem selbst in seiner Heimatstadt kaum bekannten Arbeiterkind. Das Tagebuch der Anne Frank, in 20 Sprachen übersetzt und in mehr als 50 Millionen Exemplaren verkauft, gilt als das bekannteste und berührendste Zeugnis eines Teenagers über das Leben unter Hitlers brutaler Gewaltherrschaft, über Judenverfolgung und die Ängste einer Existenz im jahrelangen Versteck in Amsterdam.

    Miep Gies hat das Tagebuch nach der Verhaftung der jüdischen Familie Frank vor dem Zugriff der deutschen Polizei gerettet und bis zur Rückkehr von Annes Vater aus dem KZ aufbewahrt. Ohne diese, auf Loyalität gegenüber dem Dienstgeber und auf Mitmenschlichkeit gegründete Umsicht wäre Anne Frank unbekannt geblieben. Es gäbe auch nicht die mehr als 50 Jahre währende Bildungsarbeit der Anne-Frank-Stiftung. Aber nicht allein diese Kausalität ist es, die uns das Leben der vor einem Jahr verstorbenen, über hundertjährigen Meidlingerin erinnerungswürdig macht. Es sind auch die besonderen Lebensumstände, unter denen sie zu der geworden ist, als die sie die Welt kennt, und die unsere Beachtung verdienen. Wien durchlebte nach dem Ersten Weltkrieg Jahre bitterer Not, die Unterernährung von Kindern war in vielen Arbeiterfamilien Grund zu größter Sorge.

    Der Geist internationaler Solidarität zur Überwindung sozialer Not war schon sehr lebendig: Dänemark, Schweden, die Niederlande (wie nach dem Zweiten Weltkrieg auch Spanien) boten an, Kindern aus Österreich über die Hungerkrise hinwegzuhelfen. Hochachtung verdient, dass viele der zeitlichen Ersatzeltern keine Wohlstandsbürger waren, sondern Arbeiterfamilien, die für eigene Kinder zu sorgen hatten. Ihre Ansprüche an das Leben waren von einer Bescheidenheit geprägt, die man heute kaum mehr kennt.

    Unglücklich waren sie deshalb nicht. Der Vorarbeiter in einer Kohlenfirma handelte nach der Überzeugung "Wo sieben satt werden, reicht es auch für acht". Hermine erfuhr ein hohes Maß an Zuwendung: Man integrierte sie in Familie, Schule und Freizeit. ("Diese Menschen brachten mir die Liebe zur klassischen Musik bei, sie entwickelten mein politisches Bewußtsein und hielten mich an, allabendlich Zeitung zu lesen und dann darüber zu diskutieren"). Ihre leiblichen Eltern stimmten, als sie 16 war, ihrem dauernden Verbleib in Holland zu. Hermine war zu Miep geworden. 1933 nahm der aus Deutschland geflohene jüdische Geschäftsmann Otto Frank die 24-Jährige als Büroangestellte in seiner Firma für die Erzeugung von Konservierungsmitteln auf. Ihre Umsicht und Einsatzbereitschaft machten sie bald zu einer Vertrauensperson für die ganze Familie Frank. Die Belegschaft im Büro zählte nur eine Handvoll Personen und bildete ein loyales Team. 1940 überfiel die Wehrmacht das unvorbereitete neutrale Holland, und Hitler errichtete ein übles Besatzungsregime unter der Leitung des Österreichers Seyss-Inquart.

    Miep, nach dem Anschluss Österreichs zur deutschen Staatsbürgerin geworden, konnte durch Heirat mit ihrem Freund Jan Gies die holländische Staatsangehörigkeit erwerben. Für die traditionell große jüdische Gemeinschaft in den Niederlanden, die nach Eta-blierung des Naziregimes in Deutschland durch eine Fluchtwelle noch angewachsen war, begann eine Zeit der Angst, Bedrohung ihrer physischen Existenz und schwerer Repressalien. Ein Generalstreik im Februar 1942 gegen diesen Terror der Besatzer endete mit der Deportation vieler junger Holländer ins KZ Mauthausen, das für die Niederlande zum Wahrzeichen nationaler Schmach wurde. Bald darauf begannen die Deportationen von Juden in die Vernichtungslager im Osten.

    Als die ältere Tochter Margot den Abschiebungsbescheid erhielt, beschloss Otto Frank, mit seiner Familie und Freunden unterzutauchen, und wählte dafür einen von außen schwer zugänglichen Teil seines verschachtelten Firmensitzes in der Prinzengracht 263. Der Betrieb sollte unter Leitung eines holländischen Angestellten weiterlaufen. Nun lag das Schicksal der Familie Frank in den Händen ihrer getreuen Mitarbeiter. Miep sollte die schwierige Aufgabe zufallen, in Hinkunft acht Menschen, die es offiziell nicht mehr gab, täglich mit dem Lebensnotwendigen zu versorgen.

    Die Ernährungslage war kriegsbedingt äußerst angespannt. Zwei Jahre lang schaffte Miep das unmöglich Scheinende, war sie die Nabelschnur der Untergetauchten zur Außenwelt, brachte Nachrichten, schaffte Lektüre herbei, um das Leben der auf kleinstem Raum Eingeschlossenen erträglicher zu gestalten. Schließlich wurde das Versteck der Franks doch verraten, bis heute weiß niemand, von wem. Die Familie kam ins KZ, nur Otto Frank überlebte. Anne starb in Bergen-Belsen. In ihrem Tagebuch aber lebt sie weiter.

    Wer Juden half, setzte sein Leben aufs Spiel. Miep und ihr Mann trugen diese Verantwortung Tag für Tag mit großer Selbstverständlichkeit, ein Charakterzug, den sie selbst nicht als heldenhaft qualifizieren wollte. Andere urteilten weniger streng: Sie erhielt hohe Auszeichnungen der BRD, der Republik Österreich, der Niederlande, der USA, der Stadt Wien, und das Ehepaar wurde von Israel in die Liste der "Gerechten unter den Völkern" aufgenommen. Am 4. Mai 2010 erinnerte der niederländische Premier Balkenende in seiner Ansprache zum Befreiungstag an Miep Gies: "Nicht wegschauen bei Unrecht und Unterdrückung. Sondern sich für Freiheit und Verantwortung entscheiden. Jeden Tag aufs Neue".

    Miep hat in früheren Jahren oft Schulen besucht. Wie viele, die tiefe Einblicke in die Werkstatt menschlicher Vernichtungsfantasien getan hatten, trieb sie die Sorge an, junge Menschen zu humanistischem Denken und Handeln hinzuführen. Ich frage mich, ob und wie ihre Erfahrung uns heute, in einer veränderten Welt, noch nützlich sein könnte.

    Die junge Wienerin war zunächst ein Beispiel gelungener Integration in einem Land, dessen Bürger traditionell weltoffen und - bis noch vor wenigen Jahren - Fremden gegenüber sehr tolerant waren. Sie selbst war integrationswillig und das Land integrationsbereit. Miep ist ein gutes Beispiel dafür, welch wertvolle Energie sich unter solchen Umständen in einem Menschen entwickeln kann und wie wichtig seine Wirkung auf das Umfeld zu sein vermag. Wir begegnen in Miep Gies auch einer Frau, die die Folgen zweier Weltkriege zutiefst geprägt haben. Es war ihr ein Anliegen, diese Erfahrungen weiterzugeben. Leicht ist diese Aufgabe nicht.

    Wir wissen aus der Erziehungsarbeit, wie schwer man sich tut, der heutigen Jugend das europä-ische Einigungswerk nahezubringen. Sie hat nie etwas anderes als den Frieden erlebt und hält ihn für selbstverständlich. Die täglichen Beispiele kriegerischer Gewalt in anderen Erdteilen im Fernsehen nehmen viele wie eine virtuelle Welt im Computerspiel wahr. Dieser gefährlichen Illusion sollte man entschlossen begegnen. Im Unterricht über Zeitgeschichte könnten systematisch Zeitzeugen auch heutigen Kriegsgeschehens dem Beispiel von Miep Gies folgen und der Jugend die Realität der heutigen Welt näherbringen.

    Oft klingt in Gesprächen die Frage durch, ob das Thema Holocaust nicht erschöpft sei. Ich glaube, dass man die Antwort in einem größeren Rahmen suchen sollte. Wir werden der nächsten Generation eine höchst komplexe Welt hinterlassen. Mit dem wachsenden Anspruchsdenken riskieren wir, unseren Lebensraum Erde zu überfordern. Bei seinem Management werden neue Maßstäbe anzulegen sein. Die offenkundige Renationalisierung der Politik (mit Zunahme rechtspopulistischer Tendenzen) bei gleichzeitiger Globalisierung der Probleme wird eine junge Generation erfordern, die Mut zu größerer Eigenverantwortung und zu starkem politischem Engagement entwickelt. Dies muss eine Erziehungsaufgabe erster Ordnung werden.

    Einen Rückzug in politisches Desinteresse oder gar in Unwissenheit kann sich unsere Gesellschaft nicht mehr leisten. Es sollte für uns selbstverständlich werden, dass jeder Jugendliche, so wie Miep, täglich zur (Qualitäts)zeitung greift und dass man über das Gelesene diskutiert. Mit den Schatten des Holocaust als Kulisse unseres politischen Engagements aber sollten wir leben lernen und wachsam bleiben.

    Mehr als eine Million Menschen besuchen jährlich das Anne-Frank-Museum, darunter viele Jugendgruppen aus allen Ländern. Die Anne-Frank-Ausstellung tourt seit Jahren durch alle Kontinente, in Österreich war sie in vielen Städten zu sehen. 263 Anne-Frank-Schulen gibt es auf der Welt - und ich frage mich, wie lange es dauern wird, bis es auch in Österreich, dem Geburtsland der Miep Gies, das sich in den letzten Jahren vielfältig bemüht hat, sich vom Schutt des Vergessens seiner Teilhabe an den Untaten des Naziregimes freizuschaufeln, eine Anne-Frank-Schule geben wird. Wenigstens eine!  (Otto Maschke / DER STANDARD, Printausgabe, 21./22.5.2011)

    • "Nicht wegschauen bei Unrecht und Unterdrückung. Sondern sich für 
Freiheit 
und Verantwortung entscheiden. Jeden Tag aufs Neue": Miep Gies auf einem
 Foto 
aus dem Jahr 1941.
 
 
      foto: website indigokopie

      "Nicht wegschauen bei Unrecht und Unterdrückung. Sondern sich für Freiheit und Verantwortung entscheiden. Jeden Tag aufs Neue": Miep Gies auf einem Foto aus dem Jahr 1941.

       

       

    • Über den Autor:Otto M. Maschke, geb. 1931; Jus-Studium in Wien und Graz, 
Sprachstudien in Graz, Santander und Dijon; 40 Jahre im österreichischen
 
Auswärtigen Dienst tätig, u. a. in Karachi, Bonn, Tunis und Budapest.

Botschafter in Kairo, Straßburg, Madrid und Den Haag. Mitherausgeber 
(mit Oliver 
Rathkolb und Stefan August Lütgenau) und Koautor von "Mit anderen Augen 
gesehen 
- österreichische Perzeptionen 1955 - 1990", Böhlau 2002; Herausgeber 
und 
Koautor von "Europa auf Friedenssuche", Molden-Verlag 2004.
      foto: website indigokopie

      Über den Autor:
      Otto M. Maschke, geb. 1931; Jus-Studium in Wien und Graz, Sprachstudien in Graz, Santander und Dijon; 40 Jahre im österreichischen Auswärtigen Dienst tätig, u. a. in Karachi, Bonn, Tunis und Budapest.

      Botschafter in Kairo, Straßburg, Madrid und Den Haag. Mitherausgeber (mit Oliver Rathkolb und Stefan August Lütgenau) und Koautor von "Mit anderen Augen gesehen - österreichische Perzeptionen 1955 - 1990", Böhlau 2002; Herausgeber und Koautor von "Europa auf Friedenssuche", Molden-Verlag 2004.

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