Das korrigierte Eldorado

20. Mai 2011, 18:14
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Joseph Conrad und der Panamakanal: Juan Gabriel Vásquez' neuer, großartiger Roman spielt mit Elementen des Abenteuerromans

Zu Beginn stirbt der Romancier. Sechsmal setzt der erste Absatz mit dieser Nachricht an die Leserschaft an, bis von vornherein eingeprägt ist: "Der große Romancier der englischen Sprache ist tot, ein gebürtiger Pole, erst Seemann, dann Schriftsteller, der vom verhinderten Selbstmörder zum lebenden Klassiker wurde, vom gemeinen Waffenschmuggler zum Juwel der britischen Krone." Joseph Conrad ist tot; die Geschichte kann anders erzählt werden. "Während ich zu schreiben begann", fängt 1924 ein José Altamirano - wörtlich ein von der Höhe Blickender - seine Schilderung aus der anderen Perspektive an und präsentiert sich selbst als Conrads Alter Ego.

Verschachtelt und präzise führt der 38-jährige Kolumbianer Juan Gabriel Vásquez seinen Roman Die geheime Geschichte Costaguanas ein und weiter. Seitdem 2010 Die Informanten auf Deutsch erschienen ist, lässt sich gut nachvollziehen, warum Mario Vargas Llosa ihn als eine der originellsten neuen Stimmen der lateinamerikanischen Literatur bezeichnete. Faszinierend weiß er in andere Zeiten, in eine andere Welt und all ihre Brüchigkeiten, zugleich jene des Erzählens reflektierend, mitzunehmen.

Von Joseph Conrad geht er aus, dessen Roman Nostromo in einem Costaguana spielt und Panama meint, wo Altamirano ihn flüchtig erlebte, als dieser Korzeniowski gerade Waffen schmuggelte. Panama, die "korrigierte Version eines Eldorado". Wie dort, als die Landenge mit ihrem verheerenden Klima und den tödlichen Tropenkrankheiten zu Kolumbien gehörte, um Macht gekämpft wurde, wie in Bogotá Konservative und Liberale immer wieder gegeneinander putschten, wie Frankreich und die USA um Kanal und Einfluss rangen - all das schildert der seltsame Altamirano. Von 1820, von Bolívar und der Geburt des Vaters an verbindet er die private mit der großen Geschichte. Und unterlegt dies mit Reflexionen über sein Unterfangen: Der Erzähler werde "ganz wie ein guter Familienvater nach und nach für das Nötige Sorge tragen."

Ein derartiger "Familienvater" kommt allerdings im Roman nicht vor. Alles ersteht aus der tragikomischen Sicht einer Figur, die sich auf Farce und Vaudeville beruft, die eine Schizophrenie von Bogotá und Panama sowie die Doppelseiten der Existenz zu bedenken gibt. Die Allmacht des Erzählers ist die Unsicherheit der Erzählung. Sein Bild werde das alleinige sein. "Übertreibe, verzerre, lüge oder verleumde ich schamlos? Sie haben keinerlei Möglichkeit, das zu wissen."

Der Vater Altamiranos flüchtete als Freigeist aus Bogotá, nachdem er in seinen Konflikten mit den Erzkatholiken - die im bizarren Streit das Sezieren verboten hatten - bis zu einem (unbemerkten) Mord im Dom gegangen war. Unterwegs nach Panama, auf einem Schiff (Wasserwege und -güsse sind ein Leitmotiv des Romans), zeugt er den Sohn. Der folgt ihm später und muss dort am Isthmus Aufstieg und Fall des Vaters wie der Kanalgesellschaft, dann das fatale Ende seiner Liebe zu einer verwitweten Französin erleben.

Der Vater, der in dieser doppelbödigen Umgebung starr für die Aufklärung einzutreten meint, heuert bei einer Zeitung an, die den heillos scheiternden Kanalbau schönschreibt. Der Wortmächtige verdreht das Wort. Bis das gewaltige Unternehmen Bankrott macht und es den gekauften Journalisten an den Kragen geht.

Die Frage der Wahrhaftigkeit spielt somit sowohl für die Vatergeschichte als auch für des Sohnes Erzählung eine wesentliche Rolle. Der eine nimmt seine eigenen Mystifikationen für wahr, in seinen Augen bricht sich Panamas Wirklichkeit, "ein schwacher Gegner für die Macht der Feder". Der andere beteuert, dass im Wort Realitäten verändert werden, die Leserschaft und in erster Linie seine Tochter mögen seine Erzählung "richten". Die ganze Geschichte habe er eines Tages dem großen Joseph Conrad geschildert, der sie jedoch in seinem Nostromo ganz anders wiedergegeben habe. Conrad wird mit Fortlauf des Romans immer öfter Joseph K. genannt - ein Verweis auf die immense Bedeutung Kafkas für die lateinamerikanische Literatur.

Da alle Geschichten dieser Welt sich überschneiden, müsse sich der "kannibalische Bericht" alles einverleiben. Die geheime Geschichte Costaguanas ist voller beeindruckender Nebenhandlungen (irrwitzig der Wettkampf zweier Indios um das bessere Schlangengegengift) und Anspielungen. Der Zusammenbruch am Kanal ist mit den miserablen Versen der Nationalhymne verknüpft, die Schmuggelei geht in die Schilderung des Lebenslaufs eines Gewehres über, von der Schlacht bei Weißenburg bis auf den Grund des Flusses Atrato. Derart schafft Vásquez eine großartige Hommage an den Abenteuerroman und zugleich dessen Problematisierung in der Tragikomödie. Wir sollten ja wissen: Die Historie ist eine Tragödie und wiederholt sich als Farce. Der "Engel der Geschichte", heißt es bei Vásquez, sitze im Parkett und krümme sich vor lachen.

Der Erzähler ist tot, es lebe der Erzähler. (Klaus Zeyringer/ DER STANDARD, Printausgabe, 21./22.5.2011)

  • Juan Gabriel Vásquez, "Die geheime Geschichte Costaguanas". Roman. Aus 
dem 
Spanischen von Susanne Lange. € 23,60 / 335 Seiten. Schöffling & Co,
 
Frankfurt/Main 2011
    foto: schöffling & co

    Juan Gabriel Vásquez, "Die geheime Geschichte Costaguanas". Roman. Aus dem Spanischen von Susanne Lange. € 23,60 / 335 Seiten. Schöffling & Co, Frankfurt/Main 2011

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