"Bübische Hände": Emanuelle Paganos Roman über Schuld, kollektive Täterschaft und sich fortpflanzende Schuld
Rund drei Jahrzehnte zurückliegende Grausamkeiten, die einer Grundschülerin
von gleichaltrigen Buben angetan wurden, lasten wie ein Fluch aus einem alten
Märchen auf dem Erinnerungsvermögen einer französischen Kleinstadt. Diese muss
wohl im Département Ardèche im Südosten des Landes liegen, das für seine
einzigartige, fruchtbare Naturlandschaft bekannt ist und in dem die Autorin
Emmanuelle Pagano ihrerseits lebt. Die Natur als Rückzugsort, als Quelle der
Inspiration spielt eine große Rolle in Paganos Romanen.
Über die Ardèche kann man nachlesen, dass sich in ihr einst die größte
europäische Seidenproduktion befand, außerdem werden hier seit Jahrhunderten
Edelkastanien kultiviert. Aus dieser Natur schöpft Pagano ihre Metaphern. In den
melancholischeren Momenten ihres nun auf Deutsch erschienenen Romans aus dem
Jahr 2008 Bübische Hände verbergen sich im nebligen Eichenwald silberne
Einhörner hinter hauchfeinen Seidenfäden, und wissbegierige Mädchen versuchen
zielstrebig, dem Geheimnis der Seidenraupe auf den Grund zu gehen.
Bei Pagano haben die meisten Buben von damals, die Täter, die nie zur
Rechenschaft gezogen werden konnten, das Dorf verlassen. Nur ein ungleiches
Brüderpaar ist geblieben und betreibt in erbitterter Konkurrenz zueinander seine
Kastanienfelder. Ein Dritter ist mit der Zeit gegangen, hat auf Wein gesetzt und
ist damit reich geworden. Die Gattin dieses aufstrebenden Winzers bricht als
erste von vier Frauen das hartnäckige Schweigen über den Missbrauch im
Treppenhaus der Schule vor dreißig Jahren. In ihrem "Herrenhaus" wird ein
Empfang für die Klasse von damals ausgerichtet, und die Putzfrau dieses feinen
Hauses ist ausgerechnet das Opfer von damals.
Die Ehefrau des einen, die Mutter des anderen, erwachsen gewordenen und
scheinbar aus der Schuld herausgewachsenen Täters lassen ihre inneren Monologe
um die Last der Erinnerung kreisen, außerdem eine alte Lehrerin und eine Tochter
im Grundschulalter, die, so der ebenso grausame wie unoriginell forcierte Plot,
zum zweiten Opfer werden soll.
Eine heikle Schuldfrage, kollektive Täterschaft und eine mythizistisch
überhöhte Idee von sich fortpflanzender Schuld bilden den Kern dieses düsteren
Gewissensromans. Dabei übernimmt Pagano perspektivisch den Ton des Verdrängens,
arbeitet implizit mit Schweigen, Ablenkung, Auslassung.
Doch Bübische Hände wirkt in mehrerlei Hinsicht unentschlossen:
Kontraste ebenso wie unentrinnbare Gemeinsamkeiten werden zunächst plakativ
konstruiert, dann aber nicht in die erzählerische Textur verwoben.
Personen, die meist namenlos suchend um ihre "dunklen Geheimnisse" tasten,
können sich nicht entscheiden, wer anzuklagen sei. Und nicht zuletzt die um
Verstörung bemühten Monologe der vier höchst unterschiedlichen Erzählerinnen
heben sich kaum nuancenweise voneinander ab und laufen immer wieder Gefahr, in
Stereotypen und sogar Kitsch zu münden.
Manche aufwändig verschleiernd formulierte Episode entpuppt sich bei näherem
Hinsehen leider nur als bescheidene Binsenweisheit - und die verknappende
"écriture" Paganos ist durchaus anfällig für Klischees und vermag ihren u. a.
mit der Verleihung des Europäischen Literaturpreises als "sinnlich" gelobten
Zauber - zumindest in der deutschen Übersetzung- nicht zu entfalten. (Isabella Pohl/ DER STANDARD, Printausgabe, 21./22.5.2011)