Rückblick

Internationale Pressestimmen zum Rauswurf von Triers

20. Mai 2011, 20:30

Entscheidung des Festivals ähnlich umstritten wie die Äußerungen des Regisseurs selbst

Paris  - Der am Donnerstag verkündete Entzug der Akkreditierung für Lars von Trier bei den 64. Filmfestspielen von Cannes hat in den internationalen Medien am Freitag große Wellen geschlagen.  Die Reaktionen reichten von Verständnis und Bekräftigung der Entscheidung des Festivals, den dänischen Regisseur nach seinen Statements bei der Pressekonferenz zur "Persona non grata" zu erklären, bis zu Unverständnis über die erstmalige Verbannung in der Geschichte von Cannes. Ein Überblick über die Pressestimmen:

Die "Los Angeles Times" führte mit von Trier nach dem Rauswurf ein Interview, das zu einem Artikel ausgebaut wurde. Darin erneut eine Entschuldigung - "Das war sehr sarkastisch und sehr grob, aber das ist auch sehr dänisch. Es tut mir leid, wenn das falsch aufgefasst wurde" - und eine ausführliches Charakter- und Situationsporträt.

Das Branchenmagazin "Screen International" hat Verwunderung über den Zeitpunkt der Verbannung von Triers geäußert. "Von Triers Entschuldigung hätte eigentlich genug sein müssen. Dass sie das nicht war, lässt den Eindruck entstehen, dass es hier um eine politische Entscheidung ging."

Das britische "Time Out"-Magazin fühlt sich angesichts des Rauswurfs ähnlich unangenehm berührt wie angesichts der Aussagen des Regisseurs: "Cannes ist ein offenes kulturelles Forum und die meisten Menschen, mit denen man am Festival spricht, stimmen zu, dass die Aussagen von Triers sehr offen für Interpretation waren und nicht kohärent genug, um daraus in irgendeiner Form eine klare Meinung oder gute Argumente abzuleiten. Das Festival hat sich mit seiner Entscheidung zum Richter und zur Jury gemacht, als es weiser gewesen wäre, es der Öffentlichkeit, der Presse und allen anderen selbst zu überlassen, sich eine Meinung zu bilden."

Die französische Regionalzeitung "La Charente Libre" schreibt zu dem Eklat: "Das ist eine große Premiere, auf die das Festival von Cannes sicher gerne verzichtet hätte. Gestern hat der Verwaltungsrat den dänischen Regisseur Lars von Trier in einer Sondersitzung zur unerwünschten Person erklärt. Der Filmemacher ist sicher ein Meister der Provokation, doch dieses Mal hat er die Grenze seiner üblichen Skandale (...) bei weitem überschritten. Der Regisseur des Streifens 'Idioten' hat gezeigt, dass er selbst in der Rolle des perfekten Idioten Anspruch auf die Goldene Palme erheben kann."

Die deutsche "Tageszeitung" (taz) resümiert, dass "wer auf die Provokation eingeht, sie für bare Münze nimmt, sie gar empörend findet, tut genau das, worauf der Regisseur mit seinem Bullshit-Diskurs hinaus will: Er gibt dem Stänkerer Aufmerksamkeit." Auf der Meinungsseite wundert sich zudem Stefan Reinecke, dass es immer die Nazis sind: "Jenseits des individuellen Falls zeigt diese Affäre aber, dass der Holocaust - als universell gültiges Zeichen für organisierten Massenmord und entfesselte Bösartigkeit - von einer Art Koprolalie-Syndrom begleitet wird. Es gibt offenbar einen fast unwiderstehlichen Reiz zu verbalen Obszönitäten."

Der deutschen "Welt" kommt die internationale Empörung scheinheilig vor. "Natürlich ist von Trier kein Nazi. Es gibt keinerlei Anzeichen in seinem Schaffen, dass er mit dieser Ideologie sympathisiert. Aber er hat, wie Künstler das müssen, eine Grenze überschritten. Vermutlich spontan, auf die Frage nach der Wagner-Musik in seinem Weltuntergangsfilm, hat er die Ausbeutung des Nationalsozialismus für Verkaufszwecke auf die Spitze getrieben. Wir brauchen nur auf die Kinoleinwand zu blicken: Es gibt Hitler als bemitleidenswerte Figur im Vorkriegs-Wien und im Bunker, es gibt Hitler als Musical und als hundertjährigen Pensionär in seiner Alpenfestung. 'Nazis sell' ist schon lange der Schlachtruf von Produzenten. (...) Von Trier hat nichts anderes getan, als mit seinem verqueren Humor auf diese Scheinheiligkeit hinzuweisen."

Die deutsche Tageszeitung "Frankfurter Rundschau" versteht die Entscheidung der Filmfestspiele. "Mit einer koketten Sympathiebekundung für 'Hitler in seinem Bunker' und der Bemerkung, er habe früher gerne gedacht, er sei jüdischer Abstammung, heute jedoch nicht mehr ('Israel is a pain in the ass'), wollte er die ernsthafte Auseinandersetzung mit seinem Werk vereiteln. Und wie in seiner Filmarbeit erweist er sich als Manipulator: Ob sie wollten oder nicht, mussten Filmkritiker auf die Provokation eingehen. Dass er sie im Scherz gemeint hat, nimmt ihnen nicht den Ernst: Festivalpräsident Gilles Jacob muss die Ideale des weltoffenen Filmfestes schützen."

Und in einem Interview mit der "Frankfurter Rundschau", übertitelt mit "Quatsch, er ist kein Nazi", vergleicht ihn Schauspieler Udo Kier in seiner Provokationsmethodik mit Rainer Werner Fassbinder: "Ein bisschen geschockt war ich schon. Aber gleichzeitig weiß ich ja, dass man bei Lars immer mit allem rechnen muss. Allerdings habe ich ihm sofort einen warnenden Blick zugeworfen, damit er bloß nicht auf Idee kommt, mich womöglich als den noch größeren Nazi zu bezeichnen."

Die dänische Tageszeitung "Jyllands-Posten" meint, "mit der Erklärung des Filmfestivals in Cannes, Lars von Trier zur unerwünschten Person zu erklären, ist eine befreiende Grenze gezogen worden. Sie signalisiert, dass es selbst für sogenannte Genies eine Grenze für das gibt, was an stupiden und beleidigenden Äußerungen durchgehen kann. (...) Man kann nur raten, ob er seinen dämlichen Nazi-Unsinn für gute Filmreklame gehalten hat. Hoffentlich war es das am Ende nicht, obwohl man hoffen muss, dass Triers neuer Film ausschließlich unter künstlerischen Gesichtspunkten bewertet wird. Unabhängig von seinem Schöpfer, der eindeutig in der Vorstellung lebt, dass er mit allem irgendwie durchkommt."

Wie der englische "Guardian" berichtet, hatte das dänische Massenblatt "Ekstra Bladet" davor den Regisseur damit zitiert, dass dieser stolz darauf sei, als erster von Cannes zur "Persona non grata" erklärt worden zu sein. Von Trier äußert dann die Ansicht, eine der Gründe dafür wäre, dass die Franzosen selbst im Zweiten Weltkrieg Juden schlecht behandelt hätten: "Therefore it is a touchy subject for them."

Dänemarks Regierung hält von Triers Rauswurf  für eine Überreaktion. Kulturminister Per Stig Möller sagte im Rundfunksender DR: "Trier hat sich dämlich aufgeführt und sich dafür entschuldigt. Ich dachte, damit sei die Sache erledigt, und so müsste es eigentlich auch sein." Der Cannes-Korrespondent des Senders erklärte die Empörung damit, das Publikum habe "keinen Sinn für die dänische Form von Humor".  (APA/red)

Siehe auch:
"Hitler muss man kaputtreden"
Claus Philipp in einem 'Kommentar der anderen' zur Frage der Verhältnismäßigkeit der öffentlichen Empörung über den Nazi-Sager Lars von Triers beim Festival von Cannes

lessismore
00
21.5.2011, 15:04

"Es gibt keinerlei Anzeichen in seinem Schaffen, dass er mit dieser Ideologie sympathisiert."

Nicht?

Klugscheisser, der 3.
12
20.5.2011, 23:25
Ja und?

Er hat provoziert.
Er hat dafür aufs Maul bekommen.

Ich find beides richtig und gut. Alles andere wäre schrecklich.

Man soll sagen können was man denkt. Punkt.

Fein.

Wenn das eine Veranstaltung für unangemessen hält (und das war es), dann hat sie das Recht den Typen rauszuschmeissen.

Ich bin froh, dass die so schnell und klar reagiert haben. Hut ab!
Es gibt kein Haha, ich bin ein Nazi wie der von Trier...haha. Vergesst das. No tolerance bei 6 Millionen Toten

Hier in diesem Land wird hin- und hergeeiert, weil vielleicht will man mit den Nazis ja irgendwann mal koalieren...

Das ist widerlich. Bäh!

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