Entscheidung des Festivals ähnlich umstritten wie die Äußerungen des Regisseurs selbst
Paris - Der am Donnerstag verkündete Entzug der Akkreditierung für Lars von Trier bei den 64. Filmfestspielen
von Cannes hat in den internationalen Medien am Freitag große Wellen geschlagen. Die Reaktionen reichten von Verständnis und Bekräftigung der Entscheidung des
Festivals, den dänischen Regisseur nach seinen Statements bei der
Pressekonferenz zur "Persona non grata" zu erklären, bis zu Unverständnis über
die erstmalige Verbannung in der Geschichte von Cannes. Ein Überblick
über die Pressestimmen:
Die "Los Angeles Times" führte mit von Trier nach dem Rauswurf ein Interview, das zu einem Artikel ausgebaut wurde. Darin erneut eine Entschuldigung - "Das war sehr sarkastisch und sehr grob, aber das
ist auch
sehr dänisch. Es tut mir leid, wenn das falsch aufgefasst wurde" - und eine ausführliches Charakter- und Situationsporträt.
Das Branchenmagazin "Screen
International" hat Verwunderung über den
Zeitpunkt der Verbannung von Triers geäußert. "Von Triers Entschuldigung
hätte
eigentlich genug sein müssen. Dass sie das nicht war, lässt den Eindruck
entstehen, dass es hier um eine politische Entscheidung ging."
Das britische "Time Out"-Magazin fühlt sich angesichts des Rauswurfs ähnlich
unangenehm berührt wie angesichts der Aussagen des Regisseurs: "Cannes ist ein
offenes kulturelles Forum und die meisten Menschen, mit denen man am Festival
spricht, stimmen zu, dass die Aussagen von Triers sehr offen für Interpretation
waren und nicht kohärent genug, um daraus in irgendeiner Form eine klare Meinung
oder gute Argumente abzuleiten. Das Festival hat sich mit seiner Entscheidung
zum Richter und zur Jury gemacht, als es weiser gewesen wäre, es der
Öffentlichkeit, der Presse und allen anderen selbst zu überlassen, sich eine
Meinung zu bilden."
Die französische Regionalzeitung "La Charente
Libre" schreibt zu dem Eklat:
"Das ist eine große Premiere, auf die das Festival von Cannes sicher
gerne
verzichtet hätte. Gestern hat der Verwaltungsrat den dänischen Regisseur
Lars
von Trier in einer Sondersitzung zur unerwünschten Person erklärt. Der
Filmemacher ist sicher ein Meister der Provokation, doch dieses Mal hat
er die
Grenze seiner üblichen Skandale (...) bei weitem überschritten. Der
Regisseur
des Streifens 'Idioten' hat gezeigt, dass er selbst in der Rolle des
perfekten
Idioten Anspruch auf die Goldene Palme erheben kann."
Die deutsche "Tageszeitung" (taz) resümiert, dass "wer auf die Provokation
eingeht, sie für bare Münze nimmt, sie gar empörend findet, tut genau das,
worauf der Regisseur mit seinem Bullshit-Diskurs hinaus will: Er gibt dem
Stänkerer Aufmerksamkeit." Auf der Meinungsseite wundert sich zudem Stefan
Reinecke, dass es immer die Nazis sind: "Jenseits des individuellen Falls zeigt
diese Affäre aber, dass der Holocaust - als universell gültiges Zeichen für
organisierten Massenmord und entfesselte Bösartigkeit - von einer Art
Koprolalie-Syndrom begleitet wird. Es gibt offenbar einen fast unwiderstehlichen
Reiz zu verbalen Obszönitäten."
Der deutschen "Welt" kommt die internationale Empörung scheinheilig vor.
"Natürlich ist von Trier kein Nazi. Es gibt keinerlei Anzeichen in seinem
Schaffen, dass er mit dieser Ideologie sympathisiert. Aber er hat, wie Künstler
das müssen, eine Grenze überschritten. Vermutlich spontan, auf die Frage nach
der Wagner-Musik in seinem Weltuntergangsfilm, hat er die Ausbeutung des
Nationalsozialismus für Verkaufszwecke auf die Spitze getrieben. Wir brauchen
nur auf die Kinoleinwand zu blicken: Es gibt Hitler als bemitleidenswerte Figur
im Vorkriegs-Wien und im Bunker, es gibt Hitler als Musical und als
hundertjährigen Pensionär in seiner Alpenfestung. 'Nazis sell' ist schon lange
der Schlachtruf von Produzenten. (...) Von Trier hat nichts anderes getan, als
mit seinem verqueren Humor auf diese Scheinheiligkeit hinzuweisen."
Die deutsche Tageszeitung "Frankfurter Rundschau" versteht die Entscheidung
der Filmfestspiele. "Mit einer koketten Sympathiebekundung für 'Hitler in seinem
Bunker' und der Bemerkung, er habe früher gerne gedacht, er sei jüdischer
Abstammung, heute jedoch nicht mehr ('Israel is a pain in the ass'), wollte er
die ernsthafte Auseinandersetzung mit seinem Werk vereiteln. Und wie in seiner
Filmarbeit erweist er sich als Manipulator: Ob sie wollten oder nicht, mussten
Filmkritiker auf die Provokation eingehen. Dass er sie im Scherz gemeint hat,
nimmt ihnen nicht den Ernst: Festivalpräsident Gilles Jacob muss die Ideale des
weltoffenen Filmfestes schützen."
Und in einem Interview mit der "Frankfurter Rundschau", übertitelt mit "Quatsch, er ist kein Nazi", vergleicht ihn Schauspieler Udo Kier in seiner Provokationsmethodik mit Rainer Werner Fassbinder: "Ein bisschen geschockt war ich schon. Aber gleichzeitig weiß ich ja, dass man
bei Lars immer mit allem rechnen muss. Allerdings habe ich ihm sofort einen
warnenden Blick zugeworfen, damit er bloß nicht auf Idee kommt, mich womöglich
als den noch größeren Nazi zu bezeichnen."
Die
dänische Tageszeitung "Jyllands-Posten" meint, "mit der
Erklärung des
Filmfestivals in Cannes, Lars von Trier zur unerwünschten Person zu
erklären,
ist eine befreiende Grenze gezogen worden. Sie signalisiert, dass es
selbst für
sogenannte Genies eine Grenze für das gibt, was an stupiden und
beleidigenden
Äußerungen durchgehen kann. (...) Man kann nur raten, ob er seinen
dämlichen
Nazi-Unsinn für gute Filmreklame gehalten hat. Hoffentlich war es das am
Ende
nicht, obwohl man hoffen muss, dass Triers neuer Film ausschließlich
unter
künstlerischen Gesichtspunkten bewertet wird. Unabhängig von seinem
Schöpfer,
der eindeutig in der Vorstellung lebt, dass er mit allem irgendwie
durchkommt."
Wie der englische "Guardian" berichtet, hatte das dänische Massenblatt "Ekstra Bladet" davor den Regisseur damit zitiert, dass dieser stolz darauf sei, als erster von Cannes zur "Persona non grata" erklärt worden zu sein. Von Trier äußert dann die Ansicht, eine der Gründe dafür wäre, dass die Franzosen selbst im Zweiten Weltkrieg Juden schlecht behandelt hätten: "Therefore it is a touchy subject for them."
Dänemarks Regierung hält von Triers Rauswurf für eine Überreaktion. Kulturminister Per Stig Möller
sagte im Rundfunksender DR: "Trier hat sich dämlich aufgeführt und sich dafür
entschuldigt. Ich dachte, damit sei die Sache erledigt, und so müsste es
eigentlich auch sein." Der
Cannes-Korrespondent des Senders erklärte die Empörung damit, das
Publikum habe "keinen Sinn für die dänische Form von Humor". (APA/red)
Siehe auch:
"Hitler
muss man kaputtreden"
Claus Philipp in einem 'Kommentar der anderen' zur Frage der Verhältnismäßigkeit der öffentlichen Empörung über den
Nazi-Sager Lars von Triers beim Festival von Cannes