"The Yes Men": Barbie mutiert zur Killermaschine

20. Mai 2011, 14:01
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Guerilla-Truppe nimmt Konzerne für "Identitätskorrekturen" ins Visier - Mit Fakes und allerlei Absurditäten - Mit Videos

"Sie können uns gerne verklagen", sagt Mike Bonanno, um im selben Atemzug sein Ziel zu definieren: "Dieses Jahr möchte ich mindestens zweimal eingesperrt werden." Im Gefängnis war er bis jetzt noch nie. "Prinzipiell hilft es, einen guten Anwalt zu haben". "Sie", die potenziellen Kläger, sind die Zielscheiben der Guerilla-Truppe "The Yes Men", deren Gründungsmitglied Bonanno ist. Im Visier: Konzerne wie McDonald's, der Barbie-Produzent Mattel, Exxon Mobil oder Dow Chemical. Jene Firma, die 1984 die Chemiekatastrophe im indischen Bhopal mit tausenden Toten zu verantworten hatte.

Barbie spricht als "G.I. Joe"

Am Anfang von "The Yes Men" war die Barbie-Sprachpuppe - und ihre Gehirnwäsche, die nur darauf abzielte, "weibliche Stereotypen zu verbreiten und Kinder zum Konsum zu animieren", wie Bonanno am Donnerstag in Wien erzählte. Mit Sätzen wie "Mathematik ist fad" oder "Barbie braucht jetzt neue Kleider". Auf der anderen Seite stand die Action-Figur "G.I. Joe". Ein Soldat, der mit Sprüchen wie "Tote können nicht mehr lügen" als männliches Pendant zu Barbie kreiert wurde. Bonanno und sein Kumpel Andy Bichlbauer oder Bichlmann, unter diesen Pseudonymen treten die zwei auf, vertauschten kurzerhand die Elektronik von Barbie und G.I. Joe und stellten die Puppen wieder in die Regale.

Diese "Barbie-Befreiungsaktion" bildete in den 90er Jahren den Auftakt zu einer ganzen Reihe von subversivem Aktionismus, der mit dem Begriff "Identitätskorrekturen" versehen wurde. Bonanno selbst bzw. Igor Vamos, wie er eigentlich mit bürgerlichem Namen heißt, bevorzugt den Terminus "PR-Guerilla", um die Aktivitäten von "The Yes Men" zu beschreiben, wie er im Gespräch mit derStandard.at erklärt. "Jeder hat Angst vor Identitätsdiebstahl." Also ein probates Mittel, um Unternehmen oder kriminelle Machenschaften an den Pranger zu stellen, meint er.

Lob für Hitlers Wirtschaftspolitik

Bekannt sind "The Yes Men" nicht mit Puppenspielen, sondern mit einer gefälschten Webseite der Welthandelsorganisation WTO geworden. Die Seite ging Ende der 90er Jahre ins Netz und verschaffte Bonanno und Bichlbauer Zutritt zu großen Konferenzen, wo sie als WTO-Vertreter eingeladen wurden. Im Jahr 2000 hielt ein gewisser "Dr. Andreas Bichlbauer" bei einer Konferenz in Salzburg einen Vortrag, der krude Vorschläge wie Wählerstimmenkauf via Internet oder den Abbau von Handelsschranken, die seinem persönlichen Nutzen dienen sollten, zum Inhalt hatte. "Es war absurd", sagt Bonanno, "nach dem Vortrag bekamen wir Applaus". Selbst ein Lob für Hitlers Wirtschaftspolitik war kein Anlass für kritische Reaktionen der Konferenzteilnehmer. "Wir hatten damit gerechnet, dass sie unseren Identitäsklau bemerken und wir im Gefängnis landen werden." Stattdessen passierte nichts: "Wir wurden ganz normal zum abendlichen Lunch eingeladen." Erst als sich "Dr. Bichlbauer" torten ließ und die Polizei eine Untersuchung des Vorfalls einleitete, gab es wenigstens so etwas wie Aufmerksamkeit - die ursprüngliche Intention.

Penis mit Monitor

Eine weitere Aktion, bei der sie als WTO-Vertreter Konferenzen infiltrierten, gab es im finnischen Tampere, wo sie die totale Überwachung von Arbeitskräften propagierten und sich dabei auf den "Erfolg" der Sklaverei beriefen. Am Schluss der Rede präsentierte sich Dr. Bichlbauer in einem goldenen Anzug mit einem überdimensionierten Penis. An dessen Spitze war ein Monitor integriert, die Manager sollten so ihre Mitarbeiter observieren können. Am Ende des Vortrags stand nicht der Rausschmiss, sondern wieder Applaus. "Es gab sogar eine Anfrage nach dem Anzug."

Kot für die "Dritte Welt"

Ein Grund, um die Methoden zu radikalisieren. Auf einer anderen Konferenz wurde ein WTO-Konzept der Wiederverwertung von Nahrung vorgestellt, um Hungersnöte zu bekämpfen. Der Kreislauf gipfelte darin, dass Länder der Dritten Welt den recycelten Kot aus der ersten Welt zum Essen erhalten sollten. Ein anderes Mal erklärten sie, dass die WTO wegen Erfolglosigkeit aufgelöst wird, um sich neu zu konstituieren. "In den USA ist das Recht auf freien Meinungsäußerung sehr stark ausgeprägt", sagt Bonanno auf die Frage, wie es möglich ist, sich mit solchen Aktionen nur am Rande der Illegalität zu bewegen. Eine weitere Waffe im gewaltlosen Kampf gegen Großkonzerne: Die Angst der Unternehmen vor Imageverlust, wenn sie "The Yes Men" vor Gericht zerren.

"David gegen Goliath"

Weil auch diese Auftritte noch nicht die erhoffte Resonanz brachten, wurde die Strategie neuerlich geändert. "Statt Horrorszenarien zu verbreiten, wollten wir Wunschträume verwirklicht sehen." Etwa jener, dass Nike plötzlich fair gehandelte Sneakers produziert oder dass die mächtigste Lobbyorganisation der Welt, die US-Wirtschaftskammer, sich für Umweltschutz stark macht. Um dies publik zu machen, beriefen "The Yes Men" im Namen der Organisation eine Pressekonferenz ein, um die erstaunten Journalisten mit der vermeintlichen Kurskorrektur zu konfrontieren. Alle Medien berichteten vom Hoax. Und: "Unternehmen tun sich dann natürlich schwer, klarzustellen, dass sie nicht für Umweltschutz oder Menschrechte eintreten."

BBC-Interview

Als größten Erfolg der Politaktivisten, der gleichzeitig für viel Kritik gesorgt hatte, bezeichnet Bonanno die Causa Bhopal. Am 20. Jahrestags des Chemieunfalls gab sich Kollege Bichlbaum als Dow Chemical-Sprecher aus, um via BBC-Interview zu verkünden, dass sein Unternehmen endlich die Verantwortung für die Katastrophe übernehme und ein milliardenschweres "Wiedergutmachungspaket" für die tausenden Opfer schnüren werde. Nach dem schnellen Dementi der Firma, verbunden mit einem Kurssturz an der Börse, musste die BBC die Meldung richtig stellen. Dow Chemical dachte nicht an eine Entschädigung. Publicity auf dem Rücken von tausenden Geschädigten, lautet damals die Kritik an "The Yes Men". "Wir haben ihnen zumindest so etwas wie Hoffnung vermitteln können", verteidigt der Initiator die Aktion, die das Thema zumindest wieder aufs Tapet gebracht hatte.

Irakkrieg beendet

Einen weiteren "Traum" wollte die Guerillatruppe via "New York Times" realisieren. Im November 2008 wurde eine gefakte Ausgabe mit dem Erscheinungsdatum 4. Juli 2009 unter die Leute gebracht. Darin war etwa zu lesen, dass der Irakkrieg beendet sei und sich George W. Bush vor Gericht verantworten müsse. "Wir wollten das Bild einer besseren Welt kreieren." Und gleichzeitig Kritik an der "New York Times" üben, die den Lügen der Bush-Administration zu oft auf den Leim gegangen war, so Bonanno.

Was einst mit zwei Idealisten begann, ist schon längst zu einer größeren Maschinerie geworden. Filme wurden produziert, einige Organisationen involviert. Über das "Yes Lab" werden Ideen für zukünftige Aktionen gesammelt. "Institutionen wie beispielsweise Greenpeace nehmen mit uns Kontakt auf", erklärt er das Procedere, "wir treffen uns dann zum Brainstorming, um Kampagnen zu planen." Weil die Gesichter von Bonanno und Bichlbaum schon zu bekannt sind, müssen zum Teil andere in die Bresche springen.

"The Yes Men did not fix the world"

Finanziert werden die "Yes Men" über Auftrittshonorare, Sponsorengelder, Fundraising, den Vertrieb ihrer Dokumentarfilme oder jener "New York Times"-Ausgabe, die Kultstatus erreicht hat und nach wie vor verkauft wird. Welche Aktivitäten gerade in Planung sind, will er nicht verraten. Nur so viel: ein neuer Film könnte es werden. Nachdem der Name des letzten "The Yes Men fix the world" noch nicht zum globalen Programm geworden ist, soll ein neuer entstehen. Was bleibt ist Bonannos Ruf nach einer Revolution. "Am besten vor fünf Jahren", um die Welt wenigstens "ein Stück" gerechter zu machen.  (Oliver Mark, derStandard.at, 20.5.2011)

  • Mike Bonanno, oder wie er auch immer heißt, war am Donnerstag im Rahmen der Reihe "Media Activism" in Wien, organisiert vom Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft (TFM) der Uni Wien.
    foto: derstandard.at/mark

    Mike Bonanno, oder wie er auch immer heißt, war am Donnerstag im Rahmen der Reihe "Media Activism" in Wien, organisiert vom Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft (TFM) der Uni Wien.

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    Igor Vamos (links) ist als alter Ego Mike Bonanno unterwegs. Jacques Servin ist auch als Andy Bichlbaum bekannt.

  • "The Barbie Liberation Organization"

  • Der überdimensionale Penisanzug in Finnland

  • Das "Bhopal"-Interview auf BBC

  • "The Yes Men" und die gefakte PK der US-Wirtschaftskammer


  • Die gefakte Ausgabe der "New York Times"

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