Gangster mit Edelmut

20. Mai 2011, 18:06
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Menschenfreunde und Verbrecher: In Japan spielt die Mobstertruppe der Yakuza eine überaus wichtige Rolle bei der Katastrophenhilfe

Am 9. April 2011 kurz vor sechs Uhr früh wird der Capo di Capi Japans, Tsukasa Shinobu, aus Fuchu/Tokio, dem größten Gefängnis des Inselstaates, entlassen. Er wird mit einem schwarzen Kastenwagen von seinen Bandenmitgliedern abgeholt. In einem zur Gänze reservierten Wagon des Shinkansen fährt er mit seiner Entourage nach Kobe zum Hauptquartier seiner Organisation. Gegen Mittag kommt er an und lässt sich als Erstes zum Grab des eminenten dritten Bosses Taoka Kazuo (1913-1981) und einem Gedenkstein der Yamaguchi-gumi, dem Syndikat, dem er vorsteht, im Friedhof Nagamine fahren.

Dort verrichtet er sein Gebet, macht seinem in den Ruhestand versetzten Vorgänger Watanabe Yoshinori seine Aufwartung und kommt Viertel nach eins beim Headquarter an. Mit Ledermantel, italienischem Anzug, Hut, Seidenschal, hellvioletter Krawatte und Sonnenbrille. Er begrüßt seine Kader, wechselt im Plauderton Worte mit ihnen und verschwindet dann hinter dem Tor: Ein roter Teppich ist dort für ihn ausgerollt worden. Yakuza haben Stil und wissen mit Symbolik umzugehen.

Tsukasa ist ein Yakuza alter Schule, dessen Motto lautet: "Zurück zu den Ursprüngen!" Taoka verkörpert für ihn den Yakuza, der sich edler Ritterlichkeit und Mitmenschlichkeit verpflichtet wusste. Zu stark beherrschend waren in den letzten Jahren Profitstreben und der Geist des Kapitalismus in der Welt der Yakuza geworden. Es gelte, sich wieder auf die alten Ideale zu besinnen: "Dienst an der Gemeinschaft und Selbstdisziplin" hat Tsukasa zweimal als Jahresparole für sein Syndikat, die Yamaguchi-gumi, ausgegeben. Dass er asketisch, diszipliniert, frugal im Lebensstil sei, das wird Tsukasa nachgesagt, von dem es auch heißt, er stähle täglich seinen Körper. Dienst an der Gemeinschaft haben "seine Jungs" geleistet nach dem massiven Triple Punch, von dem Japan am 11. März getroffen wurde: Erdbeben, Tsunami und AKW-Havarie.

Toiletten sind überlaufen, Wasser ist Mangelware

Die Menschen in Tohoku ("Nordosten") gelten als wortkarg, zäh und stoisch. Eigenschaften, die sie in ihrer Art der Katastrophenbewältigung an den Tag legten. Auf der pazifischen Seite weht von Frühjahr bis Herbst ein scharfer, Yamase genannter Ostwind, das Klima ist rau, und der Winter war dieses Jahr besonders streng. In Erwartung des Frühlings kam die tödliche Kältewelle in Form der Tsunamis. Japan wird periodisch von Taifunen, Erdbeben, Flutwellen und Vulkanausbrüchen heimgesucht, und die Ausgeliefertheit an die Kräfte der Natur ist tief in das Bewusstsein seiner Bewohner eingeschrieben.

Das Leben in Katastrophensammelstellen, Schulen oder sonstigen stehengebliebenen öffentlichen Gebäuden erfordert ein großes Maß an Toleranz, Selbstdisziplin und Verzicht. Die meisten Zufluchtsunterkünfte sind überfüllt, für den Einzelnen gibt es eine Matte, Bettzeug und null Privatsphäre. Toiletten sind überlaufen, Wasser ist Mangelware und Körperpflege auf ein Minimum reduziert. Wo Geschäfte offen haben, bilden sich Warteschlangen.

Die Leute sind gestresst, genervt, übernächtigt und es kommt zu Handgreiflichkeiten und Wortduellen beim Ergattern der knappen Güter. In den Medien werden aber nur die Geduldigen gezeigt, die ihre Verzweiflung, ihre Gereiztheit unterdrücken. Die Sozialisation der Japaner führt zur Hemmung heftiger Gefühlsausbrüche und verlangt ein gehöriges Maß an Selbstzucht. Es gilt, Gesicht und Contenance zu wahren.

Dem Ethos des edlen Kriegertums verpflichtet

Eine beispiellose Spendenaktivität hat japan-, ja weltweit eingesetzt. Im Fernsehen werden Bankkonten eingeblendet und an Bahnhöfen wird mit improvisierten Kartonopferstöcken Geld gesammelt. Generosität, Solidarität und Hilfsbereitschaft sind allerorten zu spüren. Es ist aber auch die Stunde der Geier. Gewarnt wird vor Schwindlern, die sich mit Spendenboxen vor Bahnhöfen aufstellen und für obskure Gruppen Gaben einkassieren oder religiöse Sekten, welche in der (Un-)Gunst der Stunde ihre eigenen Taschen füllen. Von Plünderern wird berichtet, die die Trümmerfelder systematisch nach Geld, Wertsachen oder Edelmetall durchkämmen.

Dies hat den bekannten Regisseur Kitano Takeshi zur riskanten Äußerung hingerissen: "Leute, die Leichen fleddern oder in verlassene Liegenschaften einbrechen, könnte man ohne weiters standesrechtlich erschießen!" Dass es ihm auch sonst nicht an Gewaltfantasie mangelt, beweist er in seinen Filmen. Er ist auch der letzte Regisseur, der Kinostreifen über die Welt von Japans Gangstern macht. Die "echten Ganoven", Vertreter der organisierten Kriminalität à la japonaise, die berüchtigten Yakuza, befinden sich jetzt auf der Helferseite, fühlen sich von jeher einem Ethos des edlen Kriegertums verpflichtet, das aufs Neue beschworen wird. Sie sehen sich auf der Seite der Unterdrückten, Geächteten und Hilfsbedürftigen.

Das hat lange Tradition und schon über die legendären Gründerfiguren werden entsprechende Geschichten überliefert. So soll Banzuiin Chobei (1622-1664?), ein herrenloser Samurai, einer Art städtischen Bürgerwehr vorgestanden haben und Widerstand gegen Übergriffe von heruntergekommenen Samurai-Banden geleistet haben. Von Kunisada Chuji (1810-1850), einem berühmten Glücksspieler, wird berichtet, er habe während einer Hungersnot 1836 dem Volke großzügig mit Reisvorräten ausgeholfen. Shimizu no Jirocho (1820-1893) war Bandenführer und Schützer und Helfer aller kleinen Leute und Entrechteten. Die Viten dieser drei "edlen Ritter" (kyokaku) und Yakuza-Ahnherrn sind Bestandteil der Folklore und über das Kabuki-Theater wie durch mehrfache Verfilmungen Teil der Populärkultur geworden. Glücksspieler (bakuto) und fahrende Händler, Quacksalber und Standbudenbetreiber (tekiya) bilden die zwei "alten" Traditionslinien der Yakuza.

Im Grunde Unternehmer

Die gängigste Etymologie dieser Bezeichnung stammt aus der Glücksspielerszene und geht auf eine auf den ersten Blick gut aussehende Hand in einem Oichokabu genannten Kartenspiel zurück. 8-9-3 kann ya-ku-za gelesen werden. Die Kombination ist aber nichts wert. Inoue Takahiko, Mitglied des Exekutivkomitees der Inagawa-kai, erklärte mir dazu: "Das ist eine Bezeichnung der Selbsterniedrigung. Wir machen uns klein, leben am Rand der Gesellschaft, aber bei Bedarf sind wir zu Diensten." Eine andere Ableitung beruft sich auf eine Schreibweise mit japanischen Zeichen: yaku = Amt, Funktion, Rolle und za = Sitz. Sie geht bis ins Mittelalter zurück und beschreibt ein Art Friedensrichtertätigkeit in der dörflichen Gemeinschaft. "Interne Konfliktregelung und Schutz nach außen, das waren die Aufgaben. Darauf führen wir uns zurück, und von daher sind wir tief in lokalen Gemeinden verwurzelt", so Inoue, der mir die respektiven Schriftzeichen mit Kuli auf ein Blatt Papier kalligrafiert.

Die Blütezeit kam in den Wirren der Nachkriegsjahre ab 1945, als ein gewaltiger Schwarzmarkt und Mangel an Staatsgewalt den Yakuza ein ideales Operationsfeld schuf. In dieser Epoche tauchten "neue (shinko) Yakuza", die gurentai, auf: Kriegsheimkehrer, jugendliche Delinquenten, Glücksritter, Hasardeure, Angehörige ethnischer Minderheiten aus den "Kolonien" Korea, Taiwan, Mandschurei bildeten Banden, die von der alten Yakuza-Garde aufgerieben, kontrolliert oder absorbiert wurden.

Milliardenumsatz

Im Grunde sind die Yakuza Unternehmer, die ein weites Spektrum an Gütern und Seviceleistungen im illegalen, semilegalen und legalen Bereich ins Angebot stellen. Die Raison d'être der Yakuza besteht darin, dass sie eine Nischenbranche darstellt: Überall dort, wo Intervention durch Polizei oder Staatsgewalt unerwünscht ist, bieten sie einen alternativen Sicherheitsdienst, z. B. bei Problemen mit Kunden im Nachtleben und in der Halbwelt.

Illegalisierte, damit knappe und riskante Güter, die aber heftig nachgefragt werden (z. B. Drogen), haben eine für die Yakuza attraktive Gewinnspanne. Auch zivilrechtliche Konflikte, die nicht an die Justiz gehen sollen, werden von Yakuza fix geregelt: etwa Schuldeneintreiben oder Konkursmasseverwaltung. Der entscheidende Marktvorteil besteht darin, dass die Yakuza als Ultima Ratio Gewalt oder die glaubwürdige Androhung von Gewaltausübung als Ressource zur Verfügung haben. Moderne Yakuza sind z. B. im Baugewerbe, Transportwesen, Immobilienhandel oder in Kredit- und Wertpapiergeschäften direkt (Fassadenfirmen) oder indirekt (Schutzgeldinkasso) involviert. Daneben die traditionellen Einkommensquellen: Sexindustrie, Drogen,- und Waffenhandel.

Gangsterpatrouillen

In der Zeit der "Bubble Economy" von 1985-91 stiegen die Yakuza unter der Ägide eines künstlich hochgetriebenen Immobilien- und Aktienmarktes in die Hochfinanz ein. Boden- und Aktienspekulationen und Großbauprojekte warfen gigantischen Profit ab. Die Infiltration der bürgerlichen Gesellschaft und Unterwanderung der Wirtschaft durch die Yakuza dürfte hier ihren Höhepunkt erreicht haben. 1992 wurde ein Anti-Yakuza-Gesetz erlassen, das viele der eben erschlossenen Geschäftsfelder bei Nutzung unter Strafdrohung stellte. Das Gesetz wurde mehrfach kalibriert, und für die Yakuza brach seither eine Art Eiszeit an. Und doch: Der Jahresumsatz der Yakuza wird (konservativ) auf rund vier Billionen Yen geschätzt (manche Beobachter meinen, das Doppelte sei realitätsgerechter). Da kann man schon ein wenig für wohltätige Zwecke und PR abzweigen.

Schon unter dem eminenten dritten Boss der Yamaguchi-gumi, Taoka Kazuo, hatten deren Mitglieder nach einem schweren Erdbeben im Juni 1964 in Niigata lastwagenweise Nahrungsmittel und Kleider in das Unglücksgebiet gebracht. Beim großen Hanshin-Erdbeben 1995 haben sie sich endgültig einen Namen als Wohltäter und Helfer in der Not gemacht. Das Hauptquartier des größten Syndikats, der Yamaguchi-gumi, stand mitten im Zentrum des Erdbebengebietes, in dem es wochenlang kein Leitungswasser, keinen Strom und kein Gas gab.

Suppenküche und Essbuden

Nun hatte die Yamaguchi-gumi in ihrem Headquarter zum Zwecke der Autarkie einen 150 m tiefen Brunnen gebohrt, dem sie vom Bergmassiv Rokkô kommendes Wasser entnehmen können. Sie hatte für die darbende Bevölkerung zwei Schläuche aus diesem Brunnen bis vor den Haupteingang gelegt und alle konnten dort das so notwendige Wasser schöpfen gehen oder von den Mobstern säuberlich aufgereihte, bereits gefüllte Polyesterkanister mitnehmen. Auch aus den Yamaguchi-gumi-eigenen Proviantvorräten wurde großzügig umverteilt und eine improvisierte Suppenküche betrieben. Innert weniger Tage lieferten die der Mutterorganisation in Kobe angeschlossenen Gangs aus dem ganzen Land lebensnotwendige Hilfsgüter, die fortan knappe zwei Wochen lang zweimal pro Tag an die hunderte Meter lang Schlange stehenden Bedürftigen verteilt wurden. Daneben bildeten die Gangster Patrouillen, die dafür sorgten, dass keine Einbrüche geschahen, und auch bei der Bergung Verschütteter waren sie rasch zur Stelle. In einem Park hatten sie mehr als zwei Monate lang Essbuden betrieben, bei denen gratis Nudelsuppen und andere Köstlichkeiten unters Volk gebracht wurden. "Schneller und fixer als alle Behörden" sei ihre Hilfe gewesen, hieß es damals.

"Schneller als der Staat" seien sie auch diesmal unterwegs, erzählte stolz ein Unterboss der Yamaken-gumi, die eine Zweigstelle in der Präfektur Iwate hat und eine mächtige Gruppierung innerhalb der Yamaguchi-gumi ist, meinem Bekannten Miyazo, einem jungen Tätowierkünstler, der aus professionellen Gründen Verbindungen in die Szene pflegt. Junge Bandenmitglieder würden jede Menge Hilfsgüter in die am schlimmsten betroffenen Gebiete transportieren, berichtete der Unterboss, wobei dies auch eine tragikomische Note trägt: Sie hätten schon am Tag nach der Katastrophe eine syndikatsinterne Sammlung veranstaltet, und was da zusammenkam, kann sich fürwahr sehen lassen: Anzüge, Lederjacken, Mäntel, Hemden, Pullover, alles Markenware: Armani, Versace, Trussardi oder Hugo Boss, aber auch Trainingsanzüge in schrillen Farben und blitzeblank polierte niedere Lederschuhe oder Herrentäschchen. Nun, wenn ich in den Fernsehberichten jetzt Männer im ruinierten Gebiet ein wenig overdressed herumgehen sehe, dann weiß ich, wo sie ihre Edelklamotten ausgefasst haben.

Keine Infos an Exekutive und Massenmedien

Auch die Yakuza-Fanzines – so etwas gibt es! – berichten über die Hilfsaktionen der Gangster. Gerade die Yamaguchi-gumi, die mit einer Personalstärke von rund 35.000 Mann knapp die Hälfte der Yakuza unter sich hat, verfügt landesweit über ihre eigene Logistik, und aufgrund der Erfahrung nach dem Hanshin-Erdbeben weiß sie sehr gezielt Hilfe zu leisten. Die ihr angegliederten tekiya, das sind Verkaufs-, Ess- und Schaubudenbetreiber bei Schreinfesten und Jahrmärkten (traditionelle Yakuza-Dömane), sorgen für Suppenküchen und Proviant. Etliche Hilfsaktionen der Yakuza werden ohne Nennung ihres Namens betrieben, damit die Medien sie nicht bezichtigen können, sie würden nur eine Werbeaktion fahren. Schon 2004 nach dem Niigata-Chuetsu-Erdbeben haben die Yakuza anonym Hilfe geleistet: Die dort ansässige, direkt der Yamaguchi-gumi angeschlossene Genseida-kai und die in Osaka residierende Hanabusa-gumi haben Ausspeisungen und Güterspenden gemacht, ohne ihre Organisationsnamen zu nennen. Ich glaube, man sollte den Yakuza nicht unterstellen, dass alle ihre Unterstützungsaktionen nur der Publicity dienten. Es gibt da eine echt gemeinte Hilfsbereitschaft und als gute Nationalisten geht es ihnen auch um das Land Japan.

Die Yamaguchi-gumi ist in Tohoku präsent: In der Präfektur Fukushima agiert die ihr direkt angegliederte Gruppe mit dem grandiosen Namen Oshu Aizu Kakusada-ikka. In den anderen Präfekturen ist sie über Subgruppen ihrer mächtigen Zweige der Kodo-kai, Yamaken-gumi oder Takumi-gumi vertreten. Etliche ihrer eigenen Leute befinden sich unter den noch immer Vermissten. Im Grunde verfolgt die Yamaguchi-gumi eine harte Anti-Polizei-Linie und strikte Informationssperrpolitik – keine Infos an Exekutive und Massenmedien. Es gibt ein paar Hofschreiber in der Boulevardpresse, die regelmäßig über die Yakuza berichten, denen sie noch Wortspenden und hin und wieder Interviews gewähren.

Unwägbarkeiten allenthalben

Den Berichten dieser "Yakuza-Reporter" zufolge sollen um die tausend Mann der Yamaguchi-gumi im Katastrophengebiet als ehrenamtliche Helfer aktiv sein. "Ninkyo borantia", also "Freiwillige mit Humanität und Edelmut", "Yakuza-Freiwillige", werden sie genannt. Und sie liefern, was wirklich dringendst gebraucht wird. Im Fanzine Shukan Jitsuwa finden sich Aufnahmen von zwei Zehn-Tonnen-Lastern, die schon am 15. März aus Osaka vollbepackt Richtung Norden gestartet waren. Bemannt und beladen worden sind sie unter dem Kommando des Bosses Takemori Ryuji von der Sumida-kai: Planen, Decken, Winterbekleidung, Stiefel, Unterwäsche in allen Größen, Regenmäntel, Windeln, Pulvermilch und Nahrung für Babys (auch für solche mit Allergien!), Monatsbinden, Handtücher, Gaskocher, Wasser und Esswaren. Auch von den in Ostjapan ansässigen Gruppen der Inagawa-kai und Matsuba-kai wird berichtet, dass sie aktive Nothilfe leiste. "Ich kann zwar nichts Konkretes sagen, aber wir sind im Einsatz und verschicken und transportieren immer noch jede Menge Hilfsgüter in die destruierten Zonen", bestätigte mir Don Inoue von der Inagawa-kai. Die in der Präfektur Miyagi stark vertretene Sumiyoshi-kai soll ihre Büros als Zufluchtstätten angeboten haben – die, so muss bitter dazugesagt werden, die nicht weggeschwemmt worden waren.

Ich schreibe all dies aus der (noch) sicheren Entfernung von rund 700 km, die zwischen Tokushima und Fukushima liegt. Die Erdverschiebungen haben zur Existenz von mehrfach geschichteten, unterschiedlich versehrten Parallelgesellschaften geführt: Evakuierte aus der 20 km Havarieperipherie, Ausgangsgesperrte im 30 km Umkreis, Küstenbewohner, die alles verloren haben und provisorisch untergebracht sind, Binnen- und Bergbewohner, die von den Tsunamis verschont geblieben sind, aber deren Häuser halb bis ganz eingestürzt sind und die ein improvisiertes Leben in einigermaßen intakt gebliebenen Gebäuden führen können, Menschen in den Regionen, in denen der Strom reduziert oder periodisch abgestellt wird, die über 30 Millionen Einwohner des Großraums Tokio, deren Alltagsleben stark gestört ist, und über allen hängt die Glocke der Angst vor der radioaktiven Verseuchung. Je weiter weg von der Unglücksregion, desto "normaler" geht das Leben weiter.

Je mehr Japan aus den Schlagzeilen gerät, desto drängender wird die Konfrontation mit den neuen Realitäten: die Beseitigung der enormen Schutthalden, die die Tsunami hinterlassen hat, Wiederherstellung der Wasser-, Gas- und Stromversorgung, Errichtung von provisorischen Fertigteilunterkünften für die rund 200.000 Evakuierten, Betreuung der zu Waisen gewordenen Kinder, Unterbringung der aus ihren Heimatgebieten versprengten Kinder in Schulen und Kindergärten, Festlegung von Kompensationszahlungen, Wiederaufbau von Betrieben, Geschäften oder Hotels, Versorgung herren- und frauenlos gewordener Haustiere und was es alles noch mehr gibt. Die glühenden Reaktoren abzukühlen, endgültig kaltzustellen und zuzubunkern dürfte Jahre dauern, wie viel weiter an Radioaktivität in Boden, Luft und See abgelassen wird, weiß niemand so recht. Unwägbarkeiten allenthalben. Aber eines bleibt sicher: Auf die Yakuza ist im Notfall Verlas! (Wolfgang Herbert, DER STANDARD/ALBUM, Printausgabe, 21./22.5.2011)

Wolfgang Herbert studierte von 1979 bis 1984 Philosophie und Theologie, von 1984-1993 Japanologie an der Uni Wien. Er lebt seit vielen Jahren in Japan und ist als Dozent für Vergleichende Kulturwissenschaften an der Universität Tokushima tätig.

  • Hilfe ist unterwegs: Mitglieder der Yamaguchi-gumi in Kobe verbeugen sich vor ihrem Chef.
    foto: epa

    Hilfe ist unterwegs: Mitglieder der Yamaguchi-gumi in Kobe verbeugen sich vor ihrem Chef.

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    Tätowierte Bandenmitglieder der Yakuza

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