"Unser Treibstoff ist purer Enthusiasmus"

19. Mai 2011, 21:15
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Von einer 100-tägigen politischen Gegenbewegung zu einem der größten Musikevents in Südosteuropa

Das vor elf Jahren gegründete Exit Festival im serbischen Novi Sad kann mit seinem musikalischen Line-Up auch heuer wieder mit den ganz großen Independent-Festivals in Europa mithalten. Auf und vor fünf Hauptbühnen in der Festung Petrovaradin wird von 7. bis 10. Juli 2011 wieder vier Tage lang getanzt, gerockt und politisch diskutiert. Bereits fix im musikalischen Line-Up: Arcade Fire, Portishead, Jamiroquai, Groove Armada, Underworld, Pulp und viele andere. daStandard.at hat Miloš Ignjatović, einen der Organisatoren von Exit, zur Entstehungsgeschichte des Festivals befragt.

daStandard.at: Seit wann gibt es Exit und was war die ursprüngliche Idee dahinter?

Miloš Ignjatović: Das Festival entstand im Jahr 2000 als Rebellion gegen das Regime von Slobodan Milošević, das Serbien jahrelang von der Außenwelt abgeschnitten hatte. In jenem Sommer versammelten sich tausende junge Menschen aus Novi Sad am Donauufer, wo Konzerte, Parties und Kunst-Performances stattfanden. Es gab auch viele Diskussionen, wo junge Leute ihre Opposition zum auferlegten Nationalismus, zur Fremdenfeindlichkeit, Zensur und Unterdrückung zum Ausdruck bringen konnten. Das Event dauerte 100 Tage und sein großes Finale war die "Get out to Vote"-Party einen Tag vor den Wahlen, die schließlich Milošević zu Fall brachten.

daStandard.at: Wie kam es schließlich zu einem jährlich stattfindenden Event?

Ignjatović: Inspiriert von dem ganzen Enthusiasmus durch die Veränderungen im Land entschied sich das Exit-Team, mit dem Festival fortzusetzen. Als Veranstaltungsort wurde die historische Petrovaradin Festung ausgesucht, die hoch über den Ufern der Donau gebaut einen super Ausblick über Novi Sad bietet. Obwohl nur sehr wenige glaubten, dass die Idee wirklich ein Erfolg werden würde, wurde das erste Event im Juli 2001 bereits von rund 200.000 Menschen aus ganz Serbien und den benachbarten ex-jugoslawischen Ländern besucht.

daStandard.at: Wie kann man sich das Festival in seinen ersten Jahren vorstellen?

Ignjatović: Das Festival dauerte damals noch neun Tage, hatte fünf Bühnen, ein Theater und ein Kino. Neben den Auftritten von serbischen Bands gab es auch Performances von international anerkannten Künstlern wie Finley Quaye, Kosheen und anderen. Zum ersten Mal seit dem Ende des Kriegs am Balkan gab es auch Künstler aus Kroatien, die vor einem großen Publikum in Serbien spielten.

daStandard.at: Wie konntet ihr es euch leisten, ein Event dieser Größenordnung aufzuziehen?

Ignjatović: Wenn kreative Leute mit guten Ideen zur richtigen Zeit zusammen kommen, um etwas Großes zu schaffen, geschehen Wunder. Dann rücken Dinge wie Kapital und Ressourcen einfach in den Hintergrund. Sagen wir es so, wir hatten viel Glück, aber auch eine Menge Nervenkitzel.

daStandard.at: Gab es viel Widerstand gegen das Festival?

Ignjatović: Naja, in einem von Korruption und Isolation gebeutelten Land wie Serbien konnten einfach am Beginn des neuen Jahrtausends viele Menschen nur schwer glauben, dass unser einziger Treibstoff purer Enthusiasmus ist - nicht Geld oder Macht. Es gab aber viel mehr Leute, die an das Festival und die Idee dahinter glaubten.

daStandard.at: Im Jahr 2004 wurden einige der Exit-Organisatoren knapp vor dem Festivaltermin festgenommen. Was war der Grund dafür?

Ignjatović: Es war der politische Druck von Leuten, deren Interessen augenscheinlich gegen das Festival gerichtet waren. Glücklicherweise wurden wir von der Öffentlichkeit und von entscheidenden Leuten aus der Politik sehr unterstützt. Bojan Bošković und Dušan Kovačević (Anm. zwei der Haupt-Initiatoren des Festivals) wurden kurz nach der Verhaftung aus mangelnden Beweisen wieder freigelassen, aber es war der Support von den Medien und der Öffentlichkeit, der uns half, unseren guten Ruf sauber zu halten.

daStandard.at: Wie ist die Situation heute - haben die Gegner des Festivals ihre Meinung geändert, da sie die Vorteile, zum Beispiel für den Tourismus, erkannt haben?

Ignjatović: Das Festival promotet die Region und hat eine Anziehungskraft auf die Touristen, keine Frage, aber Exit ist viel mehr als das. Die Idee dahinter ist dem ursprünglichen Gedanken sehr ähnlich: Junge Leute sollen weltoffen werden und ihre Voreingenommenheit ablegen. Aber klar, Exit hat eine große Wirkung auf den Tourismus und fördert den guten Ruf von Serbien unter jungen Leuten in der Region und dem Rest der Welt. Das ist ein entscheidender Nutzen, die Leute erkennen das jetzt.

daStandard.at: Werdet ihr heute finanziell unterstützt?

Ignjatović: Ja, wir bekommen finanziellen Support von der Regierung, auf regionaler und auf staatlicher Ebene.

daStandard.at: Neben dem Musikprogramm sind ja auch einige soziale Kampagnen und Organisationen auf dem Festivalgelände anzutreffen.

Ignjatović: Exit hat einen großen Einfluss auf die Gesellschaft und unsere politische Agenda steht nach wie vor sehr im Vordergrund. Seit Jahren werden im Rahmen des Festivals auch Themen diskutiert wie Menschenhandel, Ausbeutung, Geschlechtergerechtigkeit, Visa-Abschaffung, wirtschaftlicher Druck, Arbeitslosigkeit unter Jugendlichen, Drogenmissbrauch oder Migration. Das Festival promotet jedes Jahr auch Kampagnen für Umweltschutz, Solidarität und Bildung. Speziell von jungen Leuten werden wir sehr unterstützt - für uns ist das das wichtigste Segment der Bevölkerung.

daStandard.at: Wie viele Besucher zählt das Festival heute?

Ignjatović: Heute haben wir fast 200.000 Besucher über vier Tage verteilt und dieses Jahr werden wir unseren 2.000.000sten Besucher empfangen! (Jasmin Al-Kattib, daStandard.at, 19. Mai 2011)


EXIT-Warm-Up Party in Wien

11. - 13. Juni 2011 ab 16h
Strandbar Herrmann

EXIT Festival 7. - 10. Juli 2011
Festung Petrovaradin, Novi Sad, Serbien

Distanzen
Wien - Novi Sad: Zug: ca. 9 Stunden, Auto: ca. 6 Stunden
Exit-Campingplatz zu den Bühnen: ca. 10 Minuten zu Fuß.
Exit-Campingplatz ins Zentrum von Novi Sad: ca. 20 Minuten zu Fuß.

Ausflugstipps rund um Novi Sad
Vojvodina, der Norden von Serbien, ist eine sehr schöne Region mit verschiedenen Kulturen, Nationalitäten und Traditionen. Auf jeden Fall einen Besuch wert sind die orthodoxen Klöster im Nationalpark Fruška Gora, gleich südlich von Novi Sad. Die Hauptstadt Belgrad ist nur 80 Kilometer entfernt und bekannt für ihr Nachleben, für diejenigen, denen vier Tage Festival zu wenig ist.

  • "In diesem Jahr werden wir unseren 2.000.000sten Besucher empfangen", freut sich Miloš Ignjatović, einer der Organisatoren von Exit.
    foto: exit festival

    "In diesem Jahr werden wir unseren 2.000.000sten Besucher empfangen", freut sich Miloš Ignjatović, einer der Organisatoren von Exit.

  • Bereits fix im musikalischen Line-Up: Arcade Fire, Portishead, Jamiroquai, Groove Armada, Underworld, Pulp und viele andere.
    foto: exit festival

    Bereits fix im musikalischen Line-Up: Arcade Fire, Portishead, Jamiroquai, Groove Armada, Underworld, Pulp und viele andere.

  • Auf und vor fünf Hauptbühnen in der Festung Petrovaradin wird von 7. bis 10. Juli 2011 getanzt, gerockt und politisch diskutiert
    foto: exit festival

    Auf und vor fünf Hauptbühnen in der Festung Petrovaradin wird von 7. bis 10. Juli 2011 getanzt, gerockt und politisch diskutiert

  • Von einer 100-tägigen politischen Gegenbewegung zu einem der größten Musikevents in Südosteuropa.
    foto: exit festival

    Von einer 100-tägigen politischen Gegenbewegung zu einem der größten Musikevents in Südosteuropa.

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