Rosige Aussichten durch den Besuch des rosa Trikots

19. Mai 2011, 18:05
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Der Giro beehrt zum achten Mal Österreich. Für Gastgeber Osttirol zahlt sich das trotz hoher Kosten aus. Dass auch das Thema Doping mitradelt, mindert den Werbewert des Spektakels nicht sehr

Lienz - Franz Theurl, der Obmann der Osttirol-Werbung, macht gerne Geschäfte mit den italienischen Nachbarn - vor allem Mitte Mai. "Da ist bei uns noch Nebensaison und tote Hose. Aber durch den Giro d'Italia ist Osttirol an diesem Wochenende ausgebucht - zu Hauptsaisonpreisen."

Das zweitgrößte Radrennen der Welt gibt anlässlich seiner 94. Auflage zum insgesamt achten Mal ein Gastspiel in Österreich. Erstmals seit der Premiere vor 40 Jahren geht es heute, Freitag, wieder ein Stück die Großglockner Hochalpenstraße hinauf. 167 Kilometer nach dem Start in Spilimbergo, Friaul, wartet die höchste Bergankunft des diesjährigen Giro - in 2137 Metern Höhe auf dem Parkplatz des Glocknerhauses. Am Samstag wird der 14. Abschnitt in Lienz gestartet, es geht zurück nach Italien, Etappenziel ist der Monte Zoncolan (1750 m) in den Karnischen Alpen.

Der Kurzausflug des Giro in die österreichischen Alpen bringt nicht nur die Radprofis nach Osttirol. Insgesamt begleiten rund 3000 Personen die Tour. "Wir erwarten 10.000 Nächtigungen", sagt Theurl. Denn das Hobbyrennen "Fight For Pink" wird für zusätzliche Fans und Gäste sorgen. Mehr als 700 Radler, darunter auch die ehemaligen Skistars Franz Klammer, Fritz Strobl und Kombinierer Felix Gottwald, nehmen unmittelbar vor den Profis von Lienz aus den Ritt über den Iselsberg nach Heiligenblut und zum Glocknerhaus in Angriff.

Gratis gibt es den Giro samt Werbeeffekt für die Region freilich nicht. Etwas mehr als 200.000 Euro kostet eine Etappe - Marketingausgaben noch gar nicht mitgerechnet. "Da gibt's kein Handeln und kein Feilschen", sagt Theurl. Der 56-Jährige verfügt über ein Jahresbudget von acht Millionen Euro. Die Kosten teilen sich die Osttirol-Werbung, Lienz und die Großglockner Hochalpenstraßen AG, die für die Ehre der Ankunft des Giro bei der Kaiser-Franz-Josefs-Höhe ihrerseits 160.000 Euro auszulegen hat.

Dennoch ist Theurl froh, überhaupt ausgesucht zu werden. "Vor Jahren hat sich der ehemalige steirische Sportlandesrat Gerhard Hirschmann mit viel Geld bemüht, den Giro nach Graz zu bekommen - ohne Erfolg. Und wir haben den Giro bereits zum fünften Mal in Osttirol zu Gast." Dazu war noch Innsbruck 1988 und 2009 (mit Mayrhofen im Zillertal) im Kalender. Die einzigen Stopps außerhalb Tirols gab es 1990 in Klagenfurt und Velden in Kärnten.

Dass der umstrittene Spanier Alberto Contador, der heute im rosa Trikot des Führenden der Gesamtwertung die Staatsgrenze überquert, just am Großglockner für eine Vorentscheidung sorgen kann, freut Theurl mehr als Werbechef, denn als sportinteressierten Hobbyradler. Der dreifache Sieger der Tour de France und Giro-Sieger von 2008 muss wegen positiver Dopingtests noch um die Anerkennung seines vorjährigen Tour-Triumphs zittern. Der spanische Verband hatte Contador im Februar freigesprochen, der Weltradsportverband (UCI) und die Welt-Antidoping-Agentur (Wada) erhoben Einspruch, Ende Juni soll der internationale Sportgerichtshof (Cas) in Lausanne urteilen. "Zumindest", sagt Theurl, "sorgt Contador für Aufmerksamkeit. Mit all seinen Sonnen- und Schattenseiten."

Trotz alle Dopingskandale will Theurl weiter in den Radsport investieren, um mehr Radler sowie Mountainbiker nach Osttirol zu locken. "Dank der Investitionen in Beschneiungsanlagen haben wir mit dem Winter kein Problem mehr. Jetzt müssen wir wieder mehr auf den Sommer setzen."

Viele Italiener sind nicht zuletzt wegen des Giro-Engagements schon auf den Geschmack gekommen. Der Gästeanteil konnte innert acht Jahren von 4, 4 Prozent auf 18 Prozent gesteigert werden. Am Drauradweg von Innichen nach Lienz sind an schönen Sommertagen 4000 Radler unterwegs, sagt Theurl. "So eine Frequenz kennen in Österreich sonst wahrscheinlich nur die Wirte entlang des Donauradweges."

Der Anteil an Inlandsgästen in Osttirol beträgt 30 Prozent. Und so wird Anfang Juli aus Marketinggründen auch wieder die Österreich-Rundfahrt empfangen. Da fällt Theurls Vorfreude schaumgebremst aus. "Anders als beim Giro, wo die Teams selbst für ihre Unterkünfte bezahlen, müssen wir den Tross unterbringen. Und das in der Hauptsaison." (David Krutzler, DER STANDARD, Printausgabe, Freitag, 20. Mai 2011)

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    Der Spanier Alberto Contador übernahm nach der Bergankunft am Ätna das rosa Trikot des 94. Giro. Am Parkplatz vor dem Glocknerhaus könnte der 28-Jährige am Freitag wieder mit Schaumwein spritzen.

  • Hobbyradler Franz Theurl kennt den Wert der Profis.
    foto: tirol werbung

    Hobbyradler Franz Theurl kennt den Wert der Profis.

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