Billa-Kassiererin gegen Mercedes-Fahrer

19. Mai 2011, 18:00
162 Postings

Michael Spindelegger hat viele Interessen unter einen Hut zu bringen - Bei seiner Wahl am ÖVP-Parteitag will er das zum ersten Mal schaffen

Wien - "Wir haben eine lange Phase der Nichtpolitik gehabt": Erwin Rasinger, Arzt und Gesundheitssprecher der ÖVP, hat seine Partei in einer Art Wachkoma erlebt. Erst die Warterei aufs Budget, dann Josef Prölls Krankheit: "Wir litten unter Führungsschwäche. Die Wähler nahmen uns kaum wahr."

Der Wiener Abgeordnete ist nicht der einzige Schwarze, der sich für heute, Freitag, den Turnaround erwartet. Beim Parteitag in Innsbruck will sich Michael Spindelegger von den Delegierten zum neuen ÖVP-Chef küren lassen. Gemessen an Vorgänger Pröll, der vor drei Jahren mit 89,6 Prozent der Stimmen das schlechteste Ergebnis der Nachkriegszeit einfuhr, liegt die Latte niedrig. Dafür sind die Erwartungen seiner Wähler hoch. "Ich erwarte mir eine Rede, nach der ein Ruck durch die Partei geht", sagt Rasinger.

"Das, was Spindelegger von uns bekommt, wollen wir auch von ihm", sagt Fritz Grillitsch: "Treue, Vertrauen, Fleiß." Der Bauernbund-Chef erhofft sich eine "programmatische" Rede des Neuen: "Die Schlagwörter der Zukunft müssen Arbeit, Einkommen, Wertschöpfung sein."

Welche Richtung die ÖVP dabei einschlagen soll? Ex-Wirtschaftsminister Martin Bartenstein wünscht sich eine deutliche Positionierung als Wirtschaftspartei. "Neben den Allgemeinplätzen einer Parteitagsrede erwarte ich da eine Schwerpunktsetzung", sagt er. In den vergangenen Jahren sei diese Kernkompetenz der Partei ins Hintertreffen geraten.

Sein Kollege Rasinger klingt da anders. Auf die christlich-sozialen Wurzeln solle sich die ÖVP besinnen, und auf den Leistungsgedanken. "Aber dabei soll nicht der Stern am Auto entscheidend sein. Leistungsträger sind für mich die Billa-Kassiererin, die zweifache Mutter", sagt Rasinger: "Wir sind nicht die Partei der Generaldirektoren. In der Krise haben sich angebliche Höchstleister ja als ziemlich raffgierig erwiesen."

Widersprüchliche Interessen muss Spindelegger auch auf anderer Ebene unter den Hut bringen. Der Bauernbund ist unzufrieden, weil er bei der Neuverteilung der Posten Einfluss verloren hat; die Geste, Umweltminister Nikolaus Berlakovich zu einem der Stellvertreter zu machen, hat eher symbolisches Gewicht. Auch die Steirer schauten durch die Finger. Landeschef Hermann Schützenhöfer versichert aber, dass niemand schmolle: "Es hat Irritationen gegeben - das ist vorbei."

Nicht alle scheinen dem Frieden zu trauen. Gabriele Tamandl, Wiener Chefin des Arbeitnehmerflügels ÖAAB, dem großen Gewinner bei der Postenvergabe, ruft dazu auf, "geschlossen aufzutreten. Ich hoffe, dass alle wissen, dass es um mehr geht, als nur um die Wahl eines Parteiobmanns."(Gerald John, Saskia Jungnikl, DER STANDARD; Printausgabe, 20.5.2011)

  • Der 15. Parteichef seit 1945 soll die ÖVP wieder an die Spitze 
führen: Hat Michael Spindelegger den richtigen Riecher dafür, was seine 
Delegierten und Wähler wollen?
    foto: der standard/newald

    Der 15. Parteichef seit 1945 soll die ÖVP wieder an die Spitze führen: Hat Michael Spindelegger den richtigen Riecher dafür, was seine Delegierten und Wähler wollen?

Share if you care.