"Keine Vorhersage zur Zukunft der Atomkraft möglich"

19. Mai 2011, 17:20
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Volker Krey hat am IPICC-Report zu Erneuerbaren Energien mitge­ar­beitet und erläutert Potenziale und Schwächen

Standard: Wie wird in der Studie des UN-Klimarats das Potenzial für erneuerbare Energien bewertet?

Krey: Sehr unterschiedlich. Die Annahmen variieren, sowohl was die Ressourcenverfügbarkeit angeht als auch die Ausbaupotenziale und die Technologien selbst. Sehr unterschiedliche Annahmen gibt es auch darüber, was die künftigen Kosten angeht und welches Potenzial von attraktiven Vermeidungsoptionen es gibt. Deshalb gibt es in dem Bericht auch so viele Szenarien.

Standard: Sind die optimistischen Szenarien überhaupt realistisch? Ist der Klimawandel aufhaltbar ohne einen Technologiesprung bei der Energiebereitstellung?

Krey: Auch darüber gibt es überhaupt keine einheitlichen Ansichten in der wissenschaftlichen Literatur. Es war kein eindeutiger Trend festzumachen. Allerdings zeigt sich, dass mit einer ambitionierteren Klimaschutzpolitik der Beitrag der erneuerbaren Energien steigt - jedenfalls im Vergleich zu Szenarien, bei denen es keinen oder nur wenig Klimaschutz gibt.

Standard: Wie wird die Rolle Atomkraft bewertet?

Krey: Die Zukunft von Kernenergie wird sehr unterschiedlich gesehen. Es ist dazu keine einheitliche Vorhersage möglich. Allerdings gibt es in der wissenschaftlichen Literatur auch Szenarien, die aufgrund der Probleme mit der Kernenergie, was öffentliche Wahrnehmung und Nichtakzeptanz betrifft, von einem Ausstieg ausgehen. In diesen Studien ist zu sehen, dass den Erneuerbaren eine noch wichtigere Rolle zukommt, wenn die Atomenergie wegfällt.

Standard: Bei vielen Alternativenergien sieht man schnell das Ende der Fahnenstange, wenn flott ausgebaut wird: Noch mehr Windkraft stößt auf Ablehnung. Zu viel Biomasse verdrängt Nahrungsproduktion. Wie damit umgehen?

Krey: In der Regel wurden in den Szenarien Annahmen getroffen, dass nur solche Biomasse verwendet wird, die nachhaltig produziert wurde - unter Vermeidung und Minimierung negativer Auswirkungen. Die höchste Aufmerksamkeit hat die Auswirkung auf die Lebensmittelpreise. Eine wichtige Rolle wird den Biokraftstoffen der zweiten Generation zugestanden, die in keinem direkten Verdrängungswettbewerb mit der Nahrungsmittelproduktion stehen - aber natürlich tritt auch hier irgendwann das Problem der Landverfügbarkeit auf.

Standard: Also muss es auch bei erneuerbaren Energien zu Technologiesprüngen kommen?

Krey: Viele erneuerbare Technologien sind im technischen Sinn bereits sehr ausgereift. Zum Beispiel Wasserkraft oder Onshore-Windkraft. Diese Technologien können als marktreif bezeichnet werden, was jedoch nicht heißt, dass keine Kostenreduktionen notwendig ist, um eine breitere Marktdurchdringung zu erreichen.

Standard: Wie wird die Rolle der fossilen Brennstoffe gesehen?

Krey: Die Rolle der fossilen Brennstoffe ist eine große Unbekannte, besonders, was die Entwicklung der Ölpreise angeht.

Standard: Wie wird die Rolle von Kohle gesehen, die noch lange verfügbar ist - und die eine hohe Treibhausgasintensität hat?

Krey: Wenn man den Klimaschutz ernst nimmt, dann führt bei anhaltender Nutzung von Kohle an Kohlenstoffabscheidung und -speicherung (CCS, Carbon Capture Storage, dabei wird das Treibhausgas CO2 in die Erde verbannt" Anm.) kein Weg vorbei. Diese Technologie muss zur Marktreife geführt werden. Wenn dies nicht der Fall ist, etwa, weil es dagegen zu große Widerstände gibt, bedeutet das aus meiner Sicht, dass man so schnell als möglich aus der Kohle raus muss.

Standard: Warum?

Krey: Weil wir uns sonst von ambitioniertem Klimaschutz verabschieden müssen. Kohle hat wegen seiner hohen Treibhausgasintensität ohne CCS keine Zukunft.

Standard: Die Studie ist also voller Unsicherheiten und hat eine riesige Bandbreite an Aussagen. Bringt es da etwas, sich mit so langen Zukunftsvoraussagen zu beschäftigen?

Krey: Natürlich ist das alles schwer vorhersehbar. Aber bei Energie, also zum Beispiel bei Kraftwerken geht es um Investitionsentscheidungen über 20, 40 Jahre. Wegen dieser Langfristigkeit ist es notwendig, Weichenstellungen heute einzuleiten. (Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20.5.2011)

Volker Krey (36) ist Physiker und Maschinenbauer. Seit 2007 arbeitet er am International Institute for Applied Systems Analysis (IIASA) in Laxenburg. Die Vollversion des IPCC-Sonderberichts zu "Erneuerbare Energien bis 2050" wird am 31. Mai veröffentlicht.

  • Krey: Wenn man den Klimaschutz ernst nimmt, dann führt bei anhaltender Nutzung von Kohle an Kohlenstoffabscheidung und -speicherung kein Weg vorbei.
    foto: iiasa

    Krey: Wenn man den Klimaschutz ernst nimmt, dann führt bei anhaltender Nutzung von Kohle an Kohlenstoffabscheidung und -speicherung kein Weg vorbei.

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