Mein Lehrer mit der kalten Schnauze

26. Mai 2011, 06:57
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In einer Volksschule in Wien-Brigittenau sind Hunde fixer Bestandteil des Alltags - Ein Lokalaugenschein

Zappelig sitzen die Kinder der vierten Klasse der Brigittenauer Europa-Volksschule im Kreis auf dem grasgrünen Fransenteppich. Die neunjährige Dina - irgendwo zwischen Border Collie und Schäferhund ist ihr die Reinrassigkeit verloren gegangen - dreht ihre Runde und lässt sich gutmütig von allen das gefleckte Fell kraulen: Eine willkommene Abwechslung vom Mathematikunterricht an diesem heißen Maitag. Vierbeiner gehören in der Ganztagsschule in der Vorgartenstraße zum Alltag. Speziell geschulte Therapiehunde werden dort seit mehr als elf Jahren mit Erfolg und ohne Zwischenfälle eingesetzt.

Die Ablenkung von der Schulstunde ist an diesem Tag nur eine Ausnahme. Die Vierbeiner Dina, Moppl und Lilly dösen üblicherweise während des Unterrichts in einer Ecke des Klassenzimmers. Gemeinsam herumgetobt wird erst in der Pause oder auf Klassenausflügen. Der vierte und neueste Therapiehund Mona ist noch ein Welpe und wird gerade sozialisiert, sprich an ein schulisches Hundeleben gewöhnt.

Von dem von PopulistInnen vielbeschworenen Konfliktpotential an Schulen mit hohem Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund ist hier nichts zu spüren. Achtzig Prozent sprechen zu Hause nicht Deutsch, gröbere Konflikte gibt es in der Vorgartenstraße keine. Ob der Hund die Klassengemeinschaft mehr zusammengeschweißt hat, mag Bernd Jursitzky, Betreuer der Kinder und Herrl von Dina, nicht beurteilen, da der Hund von Anfang an dabei war: "Aber die Klasse ist sozial ganz stark."

Umgang mit einem Tier lernen

Verallgemeinerungen vermeiden die LehrerInnen, doch von Erfolgen einzelner Kinder können sie berichten. Spannend sei zum Beispiel, dass ruhigere Kinder mehr aus sich heraus kommen, sagt Jursitzky: "Kinder, die sich schwerer tun, Kontakt zu anderen Kindern herzustellen, spielen im Hof mit den Hunden und finden so auch den Anschluss zu ihren Mitschülern."

Speziell verhaltensauffälligere Kinder müssten den Umgang mit einem Tier erst lernen, berichtet Bernd Jursitzky. Sie werden dadurch einfühlsamer und verstehen, Stimmungen und Gefühle wahrzunehmen und zu berücksichtigen. Als vor einigen Jahren ein Therapiehund eine Operation hatte, übernahm die Klasse geschlossen Verantwortung für den tierischen Patienten. "Der kann im Moment nicht spielen!", damit wimmelten die Kinder ihre SchulkollegInnen im Hof ab.

Der sichere Umgang mit einem Hund ist ein weiterer Punkt, den Lehrerin Gabriele Lener hervorheben möchte: "Wir haben viele Kinder, die aus Ländern kommen, in denen es nicht selbstverständlich ist, ein Haustier zu haben." Am Anfang gab es daher vereinzelt Berührungsängste. Doch mittlerweile sind alle Ängste abgebaut, wie im Fransenteppichsitzkreis versichert wird. Oguzhan mit seinem flotten Kapuzenshirt lässt Kritik am vierbeinigen Klassenkollegen nicht gelten: "Ein Hund in der Klasse ist doch super, man hat immer etwas zum Streicheln."

Die Pädagogin berichtet schmunzelnd von einem weiteren Vorteil: "Bei Ausflügen kommt bei dem Mischling Dina der Border Collie durch. Sie läuft dann die ganze Gruppe auf und ab und überprüft, ob die 'Herde' noch vollständig ist." Jursitzky stimmt ihr zu: "Da geht kein Kind verloren."

Nur ein ausgebildeter Hund ist ein guter Hund

Auf den Hund gekommen ist die Europaschule vor mehr als elf Jahren durch ein Forschungsprojekt des Instituts für interdisziplinäre Erforschung der Mensch-Tier-Beziehung. Die WissenschafterInnen untersuchten die Auswirkung von Hunden auf die soziale Integration von Kindern. Zu diesem Zweck wurde die Klasse mit Einwilligung der Eltern jahrelang gefilmt. Die Ergebnisse wurden am Weltkongress der Mensch-Tier-Beziehungen in Rio de Janeiro präsentiert.

Doch nicht jeder Hund ist für den Einsatz in der Schule geeignet. "Es ist nicht Sinn und Zweck, dass Lehrer ihre privaten Hunde mitnehmen. Die Tiere brauchen eine spezielle Therapiehunde-Ausbildung", betont Jursitzky. Die Herkunft spiele dabei keine Rolle, sagt Schuldirektorin Ilse Henner: Alle Tiere stammen aus dem Tierheim, die zottelige Lilly lief Henner als Straßenköter in Sardinien zu.

Bellen und Knurren verboten

Wichtige Voraussetzungen sind, dass die Vierbeiner gegenüber den Kindern nicht aggressiv sein dürfen - dazu gehört, dass Bellen und Knurren in der Schule verpönt sind. Dina und ihre tierischen KollegInnen können trotzdem zeigen, wo ihre Grenzen liegen. Zieht sich der Hund zurück, wird das von den Kindern respektiert.

Die Ausbildung für Therapiehunde sei in Österreich "in einem relativ ungeregelten Zustand", sagt Lener. Es gebe relativ viele Institute, die eine Ausbildung auch für andere Tiere anbieten. "Meiner Meinung nach eignet sich aber nur der sehr soziale Hund für diese Aufgabe", ist die Lehrerin überzeugt. Moppl hat zum Beispiel eine Schule in Salzburg absolviert. "Es geht nicht darum, dass der Hund etwas Besonderes kann, sondern dass er stressresistent ist. Es kann schon passieren, dass zwanzig Kinder auf ihn zulaufen", berichtet Lener aus dem harten Alltag eines Schulhundes.

Mittlerweile ist Pause, die Kinder lassen bei dem Spielen im Hof Druck ab, bevor sie wieder in den Klassenzimmern sitzen müssen. Die kleine Moppl döst in der Sonne ein, während die SchülerInnen um sie herumtoben und zwei Männer mit dröhnenden Rasenmähern das Gras bearbeiten. Lärm- und Stresstest: "Sehr gut". (Julia Schilly, derStandard.at, 26. Mai 2011)

  • Jahmina, Marina, Jale und Oguzhan mit ihren haarigen Klassenkolleginnen Dina und Moppel. Verantwortung, Respekt und liebevollen Umgang miteinander lernen die Kinder in der Europaschule auch von den insgesamt vier Therapiehunden, die die Klassen seit mehr als elf Jahren begleiten.
    foto: derstandard.at/julia schilly

    Jahmina, Marina, Jale und Oguzhan mit ihren haarigen Klassenkolleginnen Dina und Moppel. Verantwortung, Respekt und liebevollen Umgang miteinander lernen die Kinder in der Europaschule auch von den insgesamt vier Therapiehunden, die die Klassen seit mehr als elf Jahren begleiten.

  • Dina dreht ihre Runde und holt sich von allen Kindern eine Steicheleinheit ab. Wenn die Hündin sich zurück zieht, respektieren das die Kinder auch. Denn, wie Besitzer Bernd Jursitzky meint: Das Leben eines Therapiehundes ist sehr anstrengend.
    foto: derstandard.at/julia schilly

    Dina dreht ihre Runde und holt sich von allen Kindern eine Steicheleinheit ab. Wenn die Hündin sich zurück zieht, respektieren das die Kinder auch. Denn, wie Besitzer Bernd Jursitzky meint: Das Leben eines Therapiehundes ist sehr anstrengend.

  • Lilly, der Hund von Direktorin Ilse Henner (hintere Reihe, Dritte von links) kommt natürlich mit aufs Klassenfoto der 3b.
    foto: europaschule

    Lilly, der Hund von Direktorin Ilse Henner (hintere Reihe, Dritte von links) kommt natürlich mit aufs Klassenfoto der 3b.

  • Auf die älteste Dame im Hunde-Team wird besonders Rücksicht genommen: Moppl, der Hund von Gabriele Lener, ist bereits 19 Jahre alt und nicht mehr so fit.
    foto: derstandard.at/julia schilly

    Auf die älteste Dame im Hunde-Team wird besonders Rücksicht genommen: Moppl, der Hund von Gabriele Lener, ist bereits 19 Jahre alt und nicht mehr so fit.

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