Wo Beethoven einst die Nachbarn nervte

19. Mai 2011, 14:32
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Bei der Planung des neuen P&C-"Weltstadthauses" in der Wiener Kärntner Straße wurde auch die Bauplatz-Geschichte erforscht

Schon in wenigen Monaten könnte man dort, wo Ludwig van Beethoven einst mit einem Klangverstärkungstrichter seine Nachbarn terrorisiert haben soll, bei angenehmer Hintergrundmusik dicke Wollhauben kaufen. Und wo man vor hundert Jahren im eleganten Stadthotel residieren konnte, dürften schon demnächst Bademäntel feilgeboten werden. Bauplatz-Archäologie ist ein hochinteressantes Betätigungsfeld – zumal in der Wiener Innenstadt, deren Grundmauern bekanntlich auf die Römer zurückgehen.

Geschichte

Der Gebäudekomplex an der Adresse Kärntner Straße 27-33 ist so ein geschichtsträchtiger Ort. Seit es Wien als Siedlungsraum gibt, liegt die Liegenschaft im Zentrum der Ereignisse. In der Römerstadt Vindobona lebten hier in einer Lagervorstadt bereits Kaufleute, Handwerker und Wirte, sowie Angehörige der Legionssoldaten. Im Laufe des zweiten Jahrhunderts nach Christus entwickelte sich diese Lagervorstadt zu einer eigenständigen städtischen Siedlung mit Forum, Tempelanlagen und Thermen. Im dritten Jahrhundert verließen die Römer das Gelände wieder, im vierten Jahrhundert wurde es planiert und in ein spätrömisches Gräberfeld umgewandelt. Bauexperten sind sich sicher, dass Überreste dieses Gräberfeldes noch heute in tiefen Bodenschichten zu finden wären.

Gebaut wird an dem Ort jetzt wieder. Die deutsche Bekleidungskette Peek & Cloppenburg will hier in der Kärntner Straße noch heuer ein "Weltstadthaus" eröffnen. Mit der Planung wurde nach zweistufiger Ausschreibung der international renommierte britische Architekt David Chipperfield beauftragt. Teil des Auftrags von Peek & Cloppenburg war auch die Aufarbeitung der Historie des Bauplatzes, die nun von den "archineers" Thomas Müller-Hartburg (Bauingenieur) und Josef Schwaighofer (Architekt) durchgeführt wurde.

Anknüpfen an die Tradition

Die Kärntner Straße ist UNESCO-Weltkulturerbe, bei der Planung des neuen Gebäudes stand deshalb die Frage im Vordergrund, wie es sich als Teil der übergeordneten Struktur des Straßen- und Stadtraumes in diesen einfügen könne, erklärt Müller-Hartburg im Gespräch mit derStandard.at. Das neue Kaufhaus sollte damit einerseits an die Tradition der späten Wiener Warenhäuser der vorletzten Jahrhundertwende anknüpfen, andererseits den Weg zum Kaufhaus von morgen weisen.

"Die Überlegung war: Woher kommt das typische Wiener Kaufhaus der Jahrhundertwende, und was hat es für eine Bedeutung?" Die in dieser Zeit entstandenen Großkaufhäuser (die sich zwar in der Umgebung sehr zahlreich, aber nicht unmittelbar an diesem Bauplatz befanden) hätten damals eine neue Epoche eingeläutet: "Man konnte Ende des 19. Jahrhunderts erstmals mit großen Glasflächen arbeiten, es war damit möglich, viel Licht ins Innere zu bekommen." Entsprechend dieser Tradition werden die sechs Verkaufsebenen in Chipperfields Entwurf vom Haupteingang an der Kärntner Straße über ein zentrales, von Tageslicht durchflutetes Atrium erschlossen.

Archive und Fotosammlungen

Wie dieses "Hinüberretten" der Wiener Kaufhaus-Tradition im Endeffekt gelingen wird, davon wird sich jeder selbst ein Bild machen können. Die aufwendig und detailreich dokumentierte Geschichte des Bauplatzes verlangt aber jedenfalls Respekt ab.

"Begonnen haben wir mit Stadt- und Museumsarchiv, außerdem waren diverse Fotosammlungen sehr hilfreich", so Müller-Hartburg. Zahllose Fotografien aus der Wiener Innenstadt würden etwa in der Nationalbibliothek existieren, beinahe zu viel an Material, um tatsächlich auch alles sichten zu können, so der Bauingenieur.

Von der Schenke zum Hotel

Der nunmehrige P&C-Bauplatz umfasst vier ursprünglich getrennte Grundstücke, die "archineers" erforschten die Historien jeder einzelnen Adresse. Dabei fanden sie durchaus Erstaunliches heraus.

Erste Eintragungen über Eigentümer und Verwendungszwecke der Liegenschaften fanden sich schon um das Jahr 1380 in den Stadtchroniken. Über die Jahrhunderte kam es natürlich zu zahllosen Eigentümerwechseln, "die Chroniken erzählen teils sehr lebendig, wie sich Fleischhauer, Schneider, Stadtrichter, Schulmeister, Geldverleiher, Händler, Freiherren und allerlei geistliche Herren als Besitzer die Türklinken in die Hand gaben", so Müller-Hartburg. Streitigkeiten zwischen Schuldnern und Gläubigern, Erbschaftskonflikte, Zwangsversteigerungen, Stiftungen, Todesfälle und Hinrichtungen seien ebenso Teile der Liegenschaftsgeschichten wie Brände, Kriege, Renovierungen oder – immer wieder notwendige – Total-Neubauten.

Zu einer gewissen "Lokal"-Prominenz habe es lange Zeit die Liegenschaft Kärntner Straße 31 gebracht. "Das 1374 erstmals erwähnte Haus fiel 1511 in das Eigentum der Leichnamsbruderschaft zu Sankt Stephan, einer der im Spätmittelalter zahlreichen Laienbruderschaften, die ihre Aktivitäten rund um den Dom ausübten und sich vor allem um Pilger kümmerten. Um 1700 war im Haus eine Gastwirtschaft namens 'Gasthof zum Goldenen Greif' untergebracht, die wenig später in 'Polleritzen Hof' umbenannt wurde. Ab 1807 wurde in diversen zeitgenössischen Publikationen an der selben Adresse der 'Gasthof Erzherzog Karl' erwähnt."

Stammlokal von Grillparzer und Wagner

Das "Erzherzog Karl" erfreute sich jahrhundertelang großer Beliebtheit unter den Wienerinnen und Wienern. "Polizeiprotokolle aus dem Vormärz erzählen vom jungen Grillparzer, der dort aufgegriffen wurde, weil er gemeinsam mit einem befreundeten Maler zu laut über die Polizeiwillkür des Metternich'schen Unterdrückungssystems herzog", berichtet Müller-Hartburg weiter. 1844 wurde das Gebäude umgebaut und das Gasthaus zum Hotel erweitert. Abgestiegen sind hier auch der ungarische Revolutionär Lajos Kossuth im Jahr 1848 und Richard Wagner, der in den 1860er-Jahren einer der treuen Stammgäste gewesen sei. Später soll hier "angeblich das Wiener Gabelfrühstück erfunden worden sein, damals nobel als 'Dejeuné a la Fourchette' bezeichnet."

Im Frühjahr 1945 war die glanzvolle Geschichte des Hotels in der Kärntner Straße 31 zu Ende: "Eine Bombe schlug bis in den Keller des ehemaligen Hotels durch. Das totale Aus für das gesamte Häuserensemble kam bizarrerweise aber erst nach Kriegsende. Im Zuge der in den unmittelbaren Nachkriegswirren stattfindenden Plünderungen wurde auch das Feinkostgeschäft Köberl & Pientok heimgesucht, das im selben Haus untergebracht war. Die Plünderer legten Feuer, das sich sofort zu einem Großbrand auswuchs. Von zwei der vier Gebäude, deren Grundrisse später den Bauplatz für das Finanzministerium und das P&C-Kaufhaus ausmachen sollten, blieben nur die verkohlten Grundmauern übrig."

Beethoven trieb Nachbarn in den Wahnsinn

Kuriositäten wissen Müller-Hartburg und Schwaighofer von der Geschichte des Standorts Kärntner Straße 33 zu berichten. Ab 1824 wohnte hier der damals bereits stocktaube Ludwig van Beethoven mit seinem Neffen und einer Haushälterin. "Beethoven war so unbeliebt bei seinen Nachbarn, dass davon sogar die Chronisten berichten. Der schwerhörige Komponist terrorisierte seine Umgebung mit einem auf sein Piano montierten Klangverstärkungs-Trichter, der ihm helfen sollte, seine eigene Musik zu hören. Der Tongewaltige stieß auf wenig Musikbegeisterung bei seinen Mitbewohnern und wurde bald gekündigt", so Müller-Hartburg.

Ganz leise ging es aber auch vor und nach Beethovens Anwesenheit nicht zu. 1525 gehörte das Haus der Gottleichnamsstiftung, ebenfalls eine Einrichtung zur Pilgerbetreuung. Zuvor hatte das Haus den Schildnamen "Fleischerhof", weil hier seit 1374 Fleischerbetriebe untergebracht waren.

1907 zog im Keller des Hauses das Cabaret Fledermaus ein, Treffpunkt der damaligen Avantgarde der Wiener Werkstätte. Künstler wie Koloman Moser, Gustav Klimt und Oskar Kokoschka waren an der Ausstattung beteiligt. "Ob das Cabaret später wegen zu lauter Musik gekündigt wurde, ist nicht überliefert. 1913 zog anstelle der Fledermäuse jedenfalls die Revuebar 'Femina' ein." In der Zwischenkriegszeit befand sich im Souterrain der Kärntner Straße 33 das Kärntnerkino, später das Metro Vis-a-Vis-Kino.

Nach den Zerstörungen des 2. Weltkriegs erwarb die Republik Österreich die Grundstücke und gab 1949 einen Neubau mit sechs Stockwerken in Auftrag, der dann in den Komplex des Finanzministeriums eingegliedert wurde. 2009 war auch diese kurze Episode zu Ende: Peek & Cloppenburg kauften das Objekt und ließen es abreißen. Nun entsteht wieder Neues. (map, derStandard.at, 19.5.2011)

Chronologien der einzelnen Bauplätze:

Kärntner Straße 27

  • 1382 erstmals urkundlich erwähnt
  • 1570 Abtrennung eines Bauteils und Begründung einer zweiten Adresse, Kärntner Straße 29
  • Kompletter Neubau 1906
  • Massive Zerstörung durch Brand am 12. April 1945

Kärntner Straße 29

  • Begründung 1570 als ehemaliger Teil von Nummer 27
  • 1644 wurde das Haus neu gebaut bzw. auf vier Etagen à 144 m2 aufgestockt
  • 1908 im Zuge einer Total-Restauration des auf Kärntner Straße 31 liegenden Nachbargebäudes in dieses integriert

Kärntner Straße 31

  • 1374 erstmals urkundlich erwähnt
  • Um 1700 Einrichtung der Gastwirtschaft "Zum Goldenen Greif", später "Polleritzen Hof"
  • 1718 Einrichtung einer Privatschule
  • 1807 Gründung des Gasthofes "Erzherzog Karl"
  • 1844 teilweiser Umbau des Hauses
  • 1869 Ausbau des Gasthofs zum Hotel
  • 1908 Umbau des Hotels zum eleganten Stadthotel mit 150 Zimmern
  • 12. März 1945 Bombeneinschlag
  • 12. April totale Zerstörung durch Brand

Kärntner Straße 33

  • 1374 erstmals urkundlich als "Fleischerhof" erwähnt
  • 1797 Neubau mit 4 Stockwerken, à 525 m²
  • 1907 Neubau mit vier Stockwerken à 491 m², Straßenverbreiterung, im Keller zieht das Cabaret Fledermaus ein
  • am 12. April 1945 durch Brandstiftung zerstört
  • Neubau 1949 mit 6 Stockwerken, spätere Einbeziehung in den Komplex des Finanzministeriums

(Quelle: archineers – Müller-Hartburg + Schwaighofer ZT GMBH)

  • Bild: Ansichtskarte aus 1910, Hotel "Erzherzog Karl" in der Kärntner Straße 29-31.
    foto: archineers

    Bild: Ansichtskarte aus 1910, Hotel "Erzherzog Karl" in der Kärntner Straße 29-31.

  • Und so soll es dort schon in wenigen Monaten aussehen.
    foto: peek & cloppenburg

    Und so soll es dort schon in wenigen Monaten aussehen.

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