Musikrundschau mit Freistilausbrüchen

19. Mai 2011, 18:29
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Neue Alben von Tyler The Creator, Colin Stetson und Thurston Moore

TYLER, THE CREATOR
Goblin
(XL Recordings)
Tyler Okonma ist ein 20-jähriger Produzent und Rapper aus Los Angeles, der seit geraumer Zeit durch die Blog-Welt zieht und aufgrund seines düsteren, brutistischen Produktionsstils allseits abgefeiert wird. Nach seinem Gratis-download-Debüt Bastard veröffentlicht er nun ein Bezahlalbum. Darauf hört man neben etwas kindischen Weltabwendungen wie Radicals ("Kill people, burn shit, fuck school!") grimmige Sichtungen seines persönlichen Umfelds unter besonderer Berücksichtigung von Schimpfwörtern. Das ist nicht ganz neu, immerhin produzierte die HipHop-Crew Insane Clown Posse schon in den 1990er-Jahren einen deckungsgleichen Track namens Fuck The World. Aber das sind wohl Feinheiten, die in diesem Genre nur wenig zählen. Seine homophoben Texte, die er natürlich abstreitet, weil er laut eigener Aussage mit "faggot" oder "gay" einfach nur Sachverhalte umschreibt, die er Scheiße findet, mindern den Hörgenuss allerdings entschieden.

COLIN STETSON
New History Warfare Vol. 2: Judges
(Constellation/Trost)
Der US-amerikanische Basssaxofonist spielte und spielt sonst für Acts und KünstlerInnen wie Laurie Anderson, David Byrne, The National, LCD Soundsystem, Tom Waits, TV On The Radio oder Arcade Fire. Mit dem zweiten Teil von New History Warfare entwickelt Stetson, live im Studio solo nur durch elektronisch verfremdete Live-Loops des eigenen Instruments begleitet, allerdings eine eigene musikalische Sprache. Zwischen Minimal, Tom-Waits-Blues und exaltierten Freistilausbrüchen erzeugt er einen hypnotischen Drall, der von zeitweiligen Vokalbeiträgen Laurie Andersons gekrönt wird. Selbst für Saxofonhasser eine tolle Sache.

THURSTON MOORE
Demolished Thoughts
(Ecstatic Peace!/Matador)
Der Gitarrist von Sonic Youth schlägt mit einem Akustikalbum eine überraschende Volte. Die zarten, melodiösen Songs sind zwar nach dem klassischen Muster seiner Stammband gestrickt. Es eiert also auch durchaus auf sechs- und zwölfsaitiger Westerngitarre ganz ordentlich. Unter der Produktionsregie von Beck ergeben sich aber mit Violin- und Harfenbegleitung hübsche neue Facetten im Werk des alten Königs von New York. (Christian Schachinger / DER STANDARD, Printausgabe, 20.5.2011)

  • Artikelbild
    foto: xl recordings
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