Einmal alles, bitte

19. Mai 2011, 17:21
posten

Die US-Band Gang Gang Dance spielt auf "Eye Contact" weltoffenen Pop zwischen Avantgarde und hybrider Weltmusik

Das neue Album des New Yorker Bandkollektivs Gang Gang Dance startet mit einer programmatischen Durchsage: "I can hear everything. It's everything time." Und tatsächlich verhält es sich so, dass die insgesamt zehn sehr gern auch mit Endlos- oder Unendlichkeitssymbolen betitelten Stücke auf eine Form stilistischer Grenzenlosigkeit verweisen, die vor allem von einem Charakteristikum geprägt ist: Die "Songs" des in Manhattan beheimateten Quartetts haben keinen Anfang - und sie nehmen sehr oft kein Ende.

Daraus folgt keinesfalls Beliebigkeit. Ähnlich wie die offenen Bandmodelle des deutschen Krautrock der 1970er-Jahre, allen voran Can aus Köln, aber auch Popol Vuh, haben sich die seit Anfang der 2000er-Jahre bestehenden Gang Gang Dance auf ihrem neuen Album Eye Contact für eine offene Versuchsanordnung entschieden. Stets mit dem Anspruch auf Zugänglichkeit und Pop im weitesten Sinn im Hinterkopf, werden so während länglicher Improvisationen Songstrukturen entwickelt, die auf gemütlich groovender Rhythmusbasis einen multikulturellen Feuertopf aufkochen. Er erschließt sich gerade auch über die Herkunft der Bandmitglieder. Griechische Folklore, asiatische Melodieführung, dazu allerlei Zufütterung aus weltmusikalisch geprägten Plattensammlungen zwischen Karibik, Balkan-Polka und aktuellen Dancefloor-Mustern aus den Bereichen Grime oder House ergeben so bei Stücken wie Adult Goth, Chinese High oder Mindkilla ein zirpendes und klingelndes Durcheinander, das einzig von den Drumpatterns in halbwegs straffer Form gehalten wird.

Der mäusemäßige, aus verstopften Stirnnebenhöhlen kommende piepsende Gesang von Lizzie Bougatsos manövriert das Unternehmen zwar recht entschieden an etwaigen Verkaufshitparaden vorbei in Richtung eines längst überflüssig gewordenen Avantgarde-Postulats. Nicht umsonst haben Gang Gang Dance schon vor einigen Jahren beim Donaufestival gastiert. Speziell der Track Romance Layers aber legt nahe, dass Gang Gang Dance auch sehr viel technoiden Computer-R'n'B aus den 1980er-Jahren, wie etwa Janet Jacksons Album Control und dessen Hit Nasty, gehört haben.

Im Zusammenhang mit Gang Gang Dance wird gern von "polymorphem Pop" gesprochen oder "synästhetischem Fluss". Das wird es wohl treffen. (Christian Schachinger / DER STANDARD, Printausgabe, 20.5.2011)

  • Gang Gang Dance - Eye Contact (4AD)
    foto: 4ad

    Gang Gang Dance - Eye Contact (4AD)

Share if you care.