Einfach eine Klasse besser

19. Mai 2011, 15:23
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Porto, die beste Mannschaft der Europa League-Saison, holte sich im Finale verdient den Titel - Gegner Braga konnte kein weiteres Mal über sich hinauswachsen - Eine Analyse

Der Weg ins Europa League-Finale ist recht lang. Nach der Gruppenphase müssen die Mannschaften noch acht Spiele überstehen. Diese vier Runden ermöglichten natürlich eine Vorahnung, was man sich am Mittwoch in Dublin von Porto gegen Braga zu erwarten hatte. Porto hatte sie mit einem Gesamtscore von 22:10 mit furioser Offensive überwunden, Braga gab sich mit 6:4 äußerst minimalistisch. Und so musste man Optimist sein, um auf einen offenen Schlagabtausch zwischen den portugiesischen Teams zu hoffen.

Die Trainer, André Villas-Boas und Domingos Paciência, sind zumindest kommende Größen auf der Bank und hatten ihren Mannschaften gewohnte Marschrouten mit auf den Weg gegeben. Porto präsentierte sich im 4-3-3. Von Personal und Formation her konnte man die Mannschaft schon die ganze Saison über in diesem Gewand bestaunen, einzig auf der linken Rückseite musste der verletzte Fucile passen und durfte Pereira starten. In der Mitte spielte Fernando den Aufpasser, der auch in der Abwehr mithalf. Mouthinho und Guarin hatten natürlich auch viele defensive Aufgaben, orientierten sich aber etwas mehr nach vorne.

Nicht unähnlich die Formation von Braga. Deren 4-3-3 unterschied sich dadurch, dass die Flügel (Alan und Cesar) sich stärker zurückfallen ließen und die Mannschaft allgemein viel tiefer und damit auch flacher stand. So glich die Formation oft eher einem 4-5-1 und Solo-Spitze Lima hing dabei etwas in der Luft.

Defensiv zu gut organisiert

Vielleicht wäre alles anders gewesen, hätte Custodio nach vier Minuten für Braga getroffen, nachdem ihm der Ball vielversprechend in den Lauf an der Strafraumgrenze geköpft wurde. Er tat es aber nicht und so wurde die Partie, wie sie im Vorfeld zu werden drohte. Sehr mühsam.

Braga schaffte es dank hervorragender defensiver Leistungen von Custodio und Vandinho, Portos Zentrale zu neutralisieren. Die beiden lasen das Spiel des Gegners sehr clever, machten alle Passwege zu und waren gemeinsam mit Hugo Viana auch schnell am Gegenspieler, wenn der sich die Bälle mal etwas tiefer holte. Guarin und in noch stärkerem Ausmaß Moutinho hatten auf diese Weise nichts zu melden, Fernando sah den Ball auch nur, wenn er sich zwischen die Innenverteidiger zurückfallen ließ. Was Braga nicht schaffte, war Konter aus diesen Ballgewinnen zu fabrizieren.

Ein Grund dafür lag in der ungewohnt zurückhaltenden Art der Porto-Außenverteidiger, die den roten Flügeln bei Ballverlust zu schaffen machten, Lima hatte ohnehin immer zwei Gegenspieler. Bragas Angriffe der ersten Hälfte wären mit einem Schuss in Minute vier jedenfalls bereits abgehandelt. Die defensiv gute Leistung von Porto täuscht vielleicht - probiert haben es die Underdogs schon. Aber dass Viana aus gut 40 Metern bei einem Freistoß direkt zu schießen versuchte, spricht Bände über Bragas Fähigkeiten, eine Abwehr (auf diesem Level) zu knacken (15.). (Dass Hulk in der 28. Ähnliches versuchte, sagt aber auch etwa über Bragas defensive Stärke). Die Mannschaft in Rot wurde an den Seitenlinien festgenagelt und brachte auf ihre vereinsamte Spitze keine Crosses zustande.

Hulk als Alleinunterhalter

Für Porto bedeutete der Verlust der kreativen Zentrale eine empfindliche Beschneidung der eigenen Fähigkeiten. Die reichten aber aus, um zumindest nicht ganz im Zaum gehalten zu werden. Es waren fortan lange Bälle aus der (Innen-)Verteidigung über das Mittelfeld, die ausprobiert wurden. Gefahr konnte man dadurch über den technisch beschlagenen Hulk erzeugen (zum Beispiel in der 7. und 9. Minute, wo er allerdings beide Male nicht auf Falcao ablegte). Hulk war der Unruheherd des Spiels, bewegte sich viel und zog in der ersten halben Stunde auch gleich zwei Gelbe Karten auf sich - wobei Silvios Einstieg von hinten in der 30. Minute eine glatte Rote Karte hätte sein müssen. War er auf der rechten Seite mal in einem Laufduell gegen Silvio, musste Braga sich schnell formieren.

Bei Ballverlust in der Spitze pflegte Porto mit der Zeit verstärkt, rasch auf den Gegner zu pressen, um die Kugel schnell wieder zurück zu erobern. Nach einer halben Stunde fand auf diese Weise (nach dem erfolglosen Versuch von Hulk sich durch die Mitte zu kombinieren) eine Guarin-Flanke den ansonsten lange unsichtbaren Varela. Auch sonst wurden die Blau-Weißen sichtbar stärker, ohne aber zu richtigen Möglichkeiten zu kommen. Braga meinte sich in der 43. Minute endlich einmal befreien zu können und rückte auf, als Hulk tief in der gegnerischen Hälfte ein Foul beging. Beim Versuch einen Angriff aufzubauen patzte allerdings Rodriguez. Sein Fehlpass leitete Guarins Konter über die rechte Seite ein. Blitzschnell zogen Falcao und Hulk zur Mitte. Beide blieben ungedeckt, obwohl Guarin sich im Ballbesitz viel Zeit ließ. Schließlich entschied er sich zur Flanke auf Falcao - und mehr als eine Chance braucht der im Moment halt nicht. Die bessere Mannschaft ging verdient mit 1:0 in Führung.

Dann macht auch Porto Schluss

Vielleicht wäre alles nochmal anders gewesen, hätte der zur Pause eingewechselte Mossoró (für Viana, wie Kaká für A. Rodriguez) wenige Sekunden nach Wiederankick allein vor Helton nicht geradezu kläglich die Nerven weggeschmissen. Doch er tat es, und so war in der zweiten Hälfte endgültig das Feuer draußen. Braga rückte nun zwar weiter auf und man muss vermuten, dass die Mannschaft alles in ihrer Macht stehende versuchte, doch im Gegenzug konzentrierte sich Porto auf das Halten des knappen Vorsprungs. Und das reichte, um die harmlose Offensive der Zurückliegenden zu unterdrücken.

Zu unkreativ waren diese im Spielaufbau, zu wenig konsequent im Offensivpressing. Braga kam einfach nicht in die Gefahrenzone, alle anderen drei Schüsse der zweiten Hälfte als der von Mossoró fanden deutlich außerhalb des 16ers statt und brachten niemanden ins Schwitzen. Auch Meyong brachte da keine merkbare Besserung. Er war nach 65 Minuten für Lima gekommen (der sein Versteckspiel auf der Bank fortsetzen musste).

Paciência beließ sein Team im Prinzip so wie es war, es hatte einfach nicht mehr drauf. All seine Wechsel waren rein personeller Natur, weniger taktischer. Sein Gegenüber Villas-Boas musste auch nicht mehr tun. Belluschi (nicht der James) und Rodriguez (der heißt James) ersetzen Guarin und Varela, anders agiert wurde prinzipiell nicht. Porto spielte die Partie trocken nach hause, auch weil Sapunaro Glück hatte und nach einer Gelben Karte (49.) für ein taktisches Foul (72.) nicht die Ampelkarte zu Gesicht bekam. Angesichts Silvios Nicht-Ausschluss, muss sich bei Braga darüber aber auch niemand allzu laut beschweren.

Fazit

Die Partie wurde nicht über taktische Kniffe entschieden, sondern über sehr vorsichtige Spielanlagen und individuelle Klasse. Es war deshalb immer die klare Rollenverteilung zu sehen. Porto war der in allen Bereichen überlegene Favorit. Dort wo Braga sein ganzes Potential ausschöpfen konnte - in der disziplinierten Defensive, vor allem in der Mittelfeldzentrale - konnte man den großen Gegner höchstens neutralisieren. Um ihn in Bedrängnis zu bringen, hätte man eine der beiden Großchancen nutzen müssen. Als Braga erstmal im Rückstand war, zeigte die Mannschaft von Villas-Boas dem kleinen Verein klar seine Grenzen auf - musste aber selber auf die große Show verzichten.

Braga hatte seine Limits aber ohnehin schon mehr als gesprengt. Allein die Finalteilnahme in Dublin war ein außergewöhnlicher, bemerkenswerter Erfolg bei dem das Team viele stärkere Gegner mit konzentrierter Defensive ausgeschaltet hatte - vielleicht war diese Leistung sogar noch überraschender als im vergangenen Jahr jene von Fulham. Man darf gespannt sein, was Paciência in den kommenden Jahren mit einem größeren Klub anstellt, der ihm auch offensiv mehr Spielräume gibt.

Diese Chance für gut arbeitende Außenseiter ist die Daseinsberechtigung der Europa League - dem Bewerb des Mittelklasse-Europas. Den Titel hätte aber kein anderes Team mehr als Porto verdient. Sie waren über die ganze Saison die Lichtgestalt des Turniers - selbst auf ungewohntem Untergrund in der Schneeballschlacht von Wien war die herausragende Klasse des Teams und die Handschrift des fanatischen Denkers Villas-Boas zu sehen. Porto wird im kommenden Jahr, wie es ihm gebührt, in der Champions League spielen. Wenn Mannschaft und Trainer zusammengehalten werden können (die extrem positive Transferbilanz der letzten Jahre könnte es finanziell möglich machen), ist das Viertelfinale auch da ein realistisches Ziel. Und wenn wir Glück haben, sehen wir da auch wieder das Team, das die EL-K.O.-Runden mit 22:10 überstanden hat, statt jenes, das Braga eher trocken untergebuttert hat. (tsc, derStandard.at, 19.5.2011)

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    André Villas-Boas (32) und Domingos Paciência (42) gelten schon in jüngeren Jahren als absolute Könner ihres Fachs.

  • FC Porto gegen SC Braga: In diesen Formationen begannen und beendeten die Mannschaften das Spiel.
    grafik: derstandard.at/ballverliebt.eu

    FC Porto gegen SC Braga: In diesen Formationen begannen und beendeten die Mannschaften das Spiel.

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