Regie-Enfant-Terrible sorgt mit Nazi-"Sympathien" für einen Eklat und wird für 2011 zur "Persona non grata" erklärt
Cannes - Wegen koketter Äußerungen über Adolf Hitler, Albert Speer und Nazi-Deutschland ist
der dänische Regisseur Lars von Trier beim Filmfestival in Cannes zur
"Persona non grata", zur "unerwünschten Person", erklärt worden. Wie die Festivalleitung am Donnerstag erklärte, gelte die Entscheidung mit sofortiger Wirkung. Von Trier wurde die Akkreditierung entzogen, somit darf er das
Festivalpalais in Cannes vorerst nicht mehr betreten.
Ein Ausschluss wie für von Trier ist in den bisher 64 Jahrgängen
von Cannes noch nie passiert und gilt auch nur für 2011, betonten
Festivalpräsident Gilles Jacob und sein Bevollmächtigter Thierry
Frémaux in einem Pressegespräch am Donnerstag. Der Regisseur habe seine Fehlleistung voll eingesehen und die
Folgen akzeptiert, sagte Frémaux: "Er ist bekannt für seine
Provokationen, aber er hat begriffen, dass er dieses Mal zu weit
gegangen ist."
"Melancholia" bleibt im Wettbewerb
"Der Verwaltungsrat verurteilt die Äußerungen Lars von Triers
entschieden", hieß es in einer Mitteilung. Im Verwaltungsrat sitzen unter anderem staatliche und städtische
Vertreter. Die Entscheidung sei nicht einstimmig erfolgt und gelte
auch nur für die Person Lars von Trier, nicht für seinen Film
"Melancholia".
Der Film steht damit weiterhin im Wettbewerb um die
Goldene Palme. So gänzlich unerwünscht ist von Trier somit für das Festival wohl nicht, hinsichtlich des Medienechos wie der TV-Quoten der Preisverleihungs-Gala am Sonntag. Die Jury um Robert De Niro befindet sich allerdings dadurch in einer Zwickmühle: Kann sie realistisch, so sie wollte, jemanden prämieren, der Hausverbot hat?
Festivalpräsident Jacob hatte am Donnerstagvormittag eine Sitzung einberufen, um über
Sanktionen gegen den Regisseur zu beraten. "Das Festival von Cannes
gibt Künstlern weltweit eine besondere Bühne, um ihre Arbeit
vorzustellen und die Freiheit der Kunst zu verteidigen." Dass Lars
von Trier diese Bühne für "inakzeptable Aussagen", die "im Gegensatz zu den Idealen der Humanität und
Großzügigkeit" des
Festivals stünden, benutzt habe, sei sehr bedauerlich.
Das
Simon-Wiesenthal-Zentrum in Paris kritisierte, die Aussagen seien "kalkuliert und
willkürlich" gemacht worden: "Die einzige Belohnung, die Lars von Trier
in
Cannes verdient hätte, wäre jene des 'Sektierers des Jahres'", hieß es am
Donnerstag in einer Aussendung.
Eklat und Entschuldigung
Der 55-jährige Filmemacher hatte am Mittwoch in Cannes für einen Eklat gesorgt. "Er ist nicht
das, was man einen guten Kerl nennen würde, aber ich verstehe vieles
von ihm", sagte Trier, der in einer betont linken und säkularen protestantisch-jüdischen Familie aufwuchs und erst spät im Leben erfuhr, dass sein biologischer Vater deutschstämmig ist, bei der
Vorstellung seines Films "Melancholia" über Hitler: "Ich sympathisiere ein
bisschen mit ihm, ja" - um schließlich auch noch witzelnd hinzuzufügen: "Okay, ich bin ein
Nazi."
Am Mittwochabend hatte sich der Regisseur für
seine Aussagen öffentlich entschuldigt. In einer Aussendung des für seinen Wettbewerbsfilm zuständigen Pressebüros Premier PR sagt von Trier, dass er sich aufrichtig entschuldige, falls er mit seinen Worten jemanden verletzt habe: "Ich bin weder antisemitisch oder habe rassistische Vorurteile irgendeiner Art noch bin ich ein Nazi", so der Regisseur.
Die Entscheidung der Festivalleitung ihn auszuschließen "akzeptiere von Trier
vollkommen", sagte am Donnerstag einer seiner Produzenten: "Es liegt am Festival zu entscheiden, was gut
für das Festival ist." Von Trier habe nur einen Witz machen wollen,
der daneben gegangen sei. Der Regisseur hat am Donnerstag ebenfalls und persönlich seine
"Verbannung" vom Festival akzeptiert und für seine
Äußerungen um Verzeihung gebeten: "Das war
total schwachsinnig. Natürlich sympathisiere ich nicht mit
Hitler. Ich mag ein Schwein sein, aber ein Nazi bin ich nicht."
Verleih-Absagen
Von Triers Äußerungen haben indessen zur Aufkündigung von Verleihverträgen geführt. Sein Geschäftspartner in
der Filmgesellschaft Zentropa, Peter Albæk Jensen, bestätigte, dass der zuständige israelische
Filmverleih einen schon geschlossenen Vertrag wieder auflösen wolle. Nach Angaben der Zeitung "Politiken" ging bei Zentropa
auch eine Abbestellung aus Argentinien ein. Man könne nicht den Film
eines Mannes zeigen, der "mit seiner klaren Nazi-Erklärung das jüdische
Volk und die ganze Menschheit gekränkt hat", hieß es in der Erklärung
des Verleihs. Jensen hatte umgehend nach den Trier-Äußerungen erklärt,
er erwarte mit mehreren Ländern Probleme. Er nannte die Äußerungen
seines Partners "schwachsinnig und dämlich".
"Provokateur mit sehr schwarzem Humor"
US-Schauspielerin Kirsten Dunst, die neben von Trier auf dem Podium saß, wollte danach eigentlich über Zukunftswünsche sprechen, etwa bezüglich Michael Haneke: Da sie aufgrund ihres deutschen Vaters auch ein wenig Deutsch
spreche und immer nach Herausforderungen suche, könne sie sich eine
Zusammenarbeit mit dem Regisseur sehr gut vorstellen, dessen Filme sie sehr liebe. Auch Quentin
Tarantino stehe sehr weit oben auf ihrer Wunschliste. Aber vorerst stand anderes im Vordergrund: Dass von Trier zur "Persona non grata" erklärt wurde, "bleibt
dem Festival überlassen", meinte sie diplomatisch. Der Eklat bei der
Pressekonferenz sei für sie keine Überraschung gewesen, von Trier sei
nämlich nicht nur "einer der herausragendsten Autorenfilmer unserer
Zeit", sondern auch ein Provokateur mit sehr schwarzem Humor. "Aber
das ist einfach etwas, über das man keine Scherze macht. Ich
wünschte, jemand von uns hätte ihm gesagt, dass er die Klappe halten
soll." (APA/red)
Lars von Triers Äußerungen in Übersetzung
Auf die Bitte einer Reporterin, etwas über
seine deutschen Wurzeln zu erzählen, hat der dänische Regisseur bei einer Pressekonferenz des Festivals in Cannes am
Mittwoch geantwortet: "Das einzige, was ich sagen kann, ist, dass ich für eine lange
Zeit dachte, ein Jude zu sein. Und ich war glücklich darüber. [...]
Aber es kam heraus, dass ich kein Jude war. [...] Ich wollte wirklich
ein Jude sein. Und dann fand ich heraus, dass ich in Wirklichkeit ein
Nazi war, weil meine Familie deutsch ist. [...] Und das bereitete mir
auch etwas Vergnügen. Also, was kann ich sagen? Ich verstehe Hitler. Ich glaube, dass er
ein paar schlechte Dinge gemacht hat, klar, aber ich kann ihn mir in
seinem Bunker vorstellen, am Ende. Ich will sagen, dass ich den Mann
zu verstehen glaube. Er ist niemand, den wir einen guten Kerl nennen
würden, aber ich weiß über ihn Bescheid und ich sympathisiere mit
ihm. [...] Ich bin nicht für den Zweiten Weltkrieg. Und ich bin nicht gegen
Juden. [...] Ich bin sehr für Juden - aber nicht zu sehr, weil Israel
absolut schrecklich ist. Wie komme ich aus dem Satz wieder heraus?
[...] Ich will noch etwas über die Kunst sagen. Ich bin sehr für Speer,
Albert Speer habe ich sehr gemocht. Er war vielleicht auch eines von
Gottes besten Kindern. Er hat Talent. [...] Okay, ich bin ein Nazi." (APA)