Aufruf zum EU-Streik gegen die Ratingagenturen

Sepp Wall-Strasser, 18. Mai 2011, 18:52

Warum der "Rettungsschirm" Griechenlands Probleme nur noch verschärft, Brüssels "Hörigkeit" gegenüber den Finanzmärkten ins Desaster führt

Warum der "Rettungsschirm" Griechenlands Probleme nur noch verschärft, Brüssels "Hörigkeit" gegenüber den Finanzmärkten ins Desaster führt und nur ein radikaler Politikwechsel das Schlimmste verhindern könnte.

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Vor genau einem Jahr erreichte die sogenannte Griechenlandkrise ihren Höhepunkt bzw. mit dem sogenannten "Rettungspaket" ihr geplantes Ende. Exakt ein Jahr später steht die EU vor der Tatsache, dass das Paket anscheinend weitaus nicht ausreicht, dass weitere zig Milliarden fehlen und somit die Krise nicht nur nicht gebannt ist, sondern einem neuen Höhepunkt zustrebt. Dazu kam allerdings auch noch das Irlanddesaster, wofür man den sogenannten Euro-Rettungsschirm konstruierte, unter welchen man gerade dabei ist, Portugal hineinzuzwingen. Und die Wetten darauf, wer als Nächstes drankommt - Spanien, Italien, oder vielleicht sogar Frankreich - laufen bereits.

Dass all die bisherigen "Rettungsmaßnahmen" keine Lösungen bringen würden, sondern die Situation in den betreffenden Ländern nur verschlimmern werden, war nüchternen Beobachtern von Anfang an klar (siehe auch meinen Kommentar an dieser Stelle am 16. 5. 2010). So senkte zwar beispielsweise die griechische Regierung mit den erzwungenen Auflagen die Neuverschuldung 2010 zwar von 15,4 auf 10,5 Prozent des BIP, dennoch (oder gerade deswegen) stieg die Gesamtverschuldung um weitere 20 Prozent auf 142 Prozent an. Worauf die Ratingagenturen die griechische Bonität gleich wieder um zwei Stufen auf Ramschniveau senkten. Gegen Portugal wird man nun mit dem gleichen Rezept vorgehen, allerdings werden die Auflagen allem Vernehmen nach von vornherein noch härter werden: Zum ersten Mal will man auch direkt in die Lohnpolitik eingreifen.

Die Gründe für das Nichtfunktionieren liegen auf der Hand: Kein Land kann sich aus einer Krise "heraussparen" . Die drakonischen Maßnahmen strafen die falschen, sie bringen die Realwirtschaft zum Absturz und lassen die eigentlichen Verursacher - die "Märkte" - ungeschoren davonkommen.

Anscheinend haben die Verantwortlichen Europas es sich zur Aufgabe gemacht, mit allen sozialen Errungenschaften, die es auszeichnet, aufzuräumen. Die Menschen sehen, dass der sogenannten Euro-Schutzschirm nur zu einer weiteren Verschlimmerung führt. Sie registrieren, dass der riesige Schuldenberg durch die Finanzkrise mit all ihren Folgen entstanden ist, sie sehen aber, dass nun jede Milliarde, die "die Märkte" , die Spekulationsgeschäfte der Banken als satte Gewinne einstreifen oder verspekulieren, aus dem "gewöhnlichen" Volk herausgepresst - und, wenn es sich nicht willig zeigt - herausgeprügelt wird. Und sie wissen letztlich auch genau, dass es den großen Profiteuren der Krise jetzt in einem zweiten Schlag darum geht, sich durch die erzwungenen Privatisierungsmaßnahmen möglichst viel öffentliches Eigentum unter den Nagel zu reißen.

Dies macht die Bevölkerung - zu Recht - wütend. Die Menschen fühlen sich von der Politik völlig verraten. Der Fall Griechenland gibt das Musterbeispiel dazu ab: Da wählen sie nach Jahren einer korrupten konservativen Regierungsepoche mit großer Mehrheit eine sozialistische Regierung, die mit dem Schlamassel der Vorgängerregierungen aufräumen will. Privatisierungspläne werden rückgängig gemacht, die Finanzlage des Staates durchforstet, die Menschen fassen wieder Vertrauen in die Politik. Dann kommen die weltweit aktiven Anlegerspekulanten auf die Idee, nach den USA Europa abzugrasen. Griechenland bietet sich da als Erstes an, und mit der nötigen Stimmungsmache von den faulen PIGS liefern sie Griechenland als erstes Schwein dem Schlachtmesser aus. Die junge Regierung wird in die Zange genommen, und sie muss nun die größten Sparpakete, die je nach dem Zweiten Weltkrieg in Europa geschnürt wurden, auf sich nehmen. Wenn dann die gesammelte Schicht der Verlierer - von den Lastwagenfahrern über die Kaffeehausbesitzerinnen bis hin zu den Studenten, Pensionisten und arbeitslos Gewordenen aufbegehrt, fährt die Regierung mit schwerem Geschütz auf und regiert mit Notverordnungen. Selbst Mitglieder des deutschen Weisenrates warnen mittlerweile vor der bürgerkriegsähnlichen Situation in Athen. Ihre Politik setzen sie trotzdem fort, und "Europa" lobt die Anstrengungen der griechischen Regierung, weil sie am Sparkurs festhält und sich von den Protesten nicht irritieren lässt. Und wie zum Hohn lässt man die Zinsen für die Kredite weiter steigen.

Tatsächlich stehen wir am Beginn eines autoritären Europas. Die politische und wirtschaftliche Elite vollzieht unter dem Vorwand, Europa zu retten, einen radikalen Bruch mit der Vergangenheit. Sie hat sich zu einem Regieren gegen die Mehrheit der Bevölkerung entschieden, zu einem Regieren mit Polizei, Notstandsverordnungen, und, wenn nötig, auch mit Militär. Ganze Volkswirtschaften werden unter Zwangsverwaltung gestellt. Es ist egal, welche Regierung die Portugiesen demnächst wählen werden - es wurde zu Beginn der Verhandlungen gleich klargestellt, dass die wirtschaftspolitischen Entscheidungen, die in diesen Tage getroffen werden, per Auflage umgesetzt werden müssen. Und in Griechenland plant man zur Verscherbelung des Staatssilbers sogar die Einschaltung einer "unabhängigen" Privatisierungsagentur.

Abgesehen davon, dass das ganze Schauspiel an sich unwürdig und ökonomisch dumm ist - das Ganze hat auch einen sehr hohen Preis: Die politische Rechte kann sich entspannt zurücklehnen, weil die etablierte Politik ihnen die schmutzige Arbeit besorgt. Die Zeit arbeitet für sie. Sie kann umso effektiver an ihrem eigentlichen Ziel arbeiten: an der Machtübernahme in Europa. Alle ernstzunehmenden Umfragen und Politologen weisen darauf hin, dass die extreme Rechte in absehbarer Zeit in einer Mehrzahl der EU-Länder mit bis zu 30 Prozent der Wählerstimmen rechnen kann. Und jeder Tag, an dem die derzeitige Politik die Bevölkerung mit diesen stümperhaften Sparprogrammen drangsaliert, treibt dieselbe noch weiter nach rechts.

Retten könnte uns nur noch ein radikaler Politikwechsel innerhalb der EU - also gleichsam ein Streik gegen jene Kräfte, die derzeit drauf und dran sind, die Grundlagen der Gemeinschaft zu ruinieren. Die Vorschläge für solch einen grundlegenden Kurswechsel liegen ja längst auf dem Tisch. Klar ist, dass es darum geht, die vielzitierten "Märkte" - die geballte Macht der Finanzindustrie - in die Schranken zu weisen und die "Polis" - das Gemeinsame, die Demokratie - zu retten. Andernfalls wird die wärmende Welt des wohlfahrtsstaatlichen Europa des vergangenen Jahrhunderts vor unseren Augen von der sogenannten Elite zu Grabe getragen. Die Gefahr eines sozial immer kälter und politisch immer autoritärer werdenden Europa ist akut, denn es regieren die Spekulanten und Ratingagenturen. Ein Meister der Verdrängung, wer dies nicht wahrhaben will. (Kommentar der anderen, Sepp Wall-Strasser, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19.5.2011)

SEPP WALL-STRASSER ist Bereichsleiter für Bildung und Zukunftsfragen im ÖGB Oberösterreich und Gründungsmitglied von Attac Österreich.

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Ein durch und durch ideologischer Artikel, der aber keinerlei Antwort darauf gibt, wie eine Lösung aussehen könnte.
Die finanzielle Krise Griechenlands ist eben nicht die so schön schwammige "Finanzkrise", sondern eine Folge der jahrelangen laufenden Überschuldung. Dass aufgenommene Schulden zurückzuzahlen sind, daran wird wohl auch der Autor nichts auszuseten haben, hoffe ich.

unfassbar Herr Sepp

ist musste nach 2 Absätzen aufhören zu lesen soviel unsinn habe ich noch selten hier vorgefunden.

Aber zum Thema Haushaltssanierung durch sparen würde ich Sie bitten enmal nach Schweden zu schauen, dort hat das Modell funktioniert.

Was den Rest betrifft, stramme linke ideologie ohne jedwede Fachkenntnis aber dafür brav im Sinne Marx und Lenins. Das Standard Publikum wrd begeistert sein.

schweden hat eine völlig andere wirtschaftsstruktur, und das klima hat ebenfalls entscheidenden einfluss auf die verteilung der sektoren.

verzicht auf luxus mag hilfreich sein, aber wer hat den? nicht die menschen denen man mit sparpaket kommt.

Dies macht die Bevölkerung - zu Recht - wütend. Die Menschen fühlen sich von der Politik völlig verraten

Da währe die werte Bevölkerung besser schon vor zehn Jahren wütend geworden, da wurde sie nämlich auch schon verraten: Durch eine Politik ohne Morgen - das inzwischen heute ist.

solange staaten ihre schulden nicht rückzahlen und vorsätzlich nur immer neue schulden aufnehmen und dem volk damit weißmachen wollen, es wird besser, solange wird sich nichts ändern und wir fahren mit karacho gegen die wand. außerdem müssen die verursacher, die banken, zum mitzahlen mittels ftaSt gebeten werden.

Rechnen Sie bitte einmal durch!

Die Schulden kann man nicht zurückzahlen, da die Zinsen es unmöglich machen. Der Zinslast steigt viel stärker als die Wirtschaftsleistung. Die einzigen die verdienen sind die Investmentbanken und Investmentfonds und die Volkswirtschaften werden dabei ausgepresst.
Ein Denkanstoß:
http://www.youtube.com/watch?v=GnEqS4TwCfE

auch wenn Sie das bei Youtube gesehen haben, ich muss sie jetzt enttäuschen aber nicht alles was man im Netz findet stimmt auch.

ich weiß, aber ist es nicht herrlich wie sie alle lügen, und das noch vorsätzlich.

Ich beneide Sie um Ihre Gelassenheit. Ich werde zornig und angewidert.

zornig und angewiedert nützt nichts. bisher, in der menschheitsgeschichte, ist noch jede fiat-währung untergegangen, eben wegen der unvereinbarkeit der des BiP und der zinsen und der gier mancher, die am jeweiligen system prächtig verdienen.

dieses geldsystem, so wie es immer wieder in szene gesetzt wird, dient einzig und allein der herrschaft der finanzindustrie über den rest der menschheit.

kondratieff hat dies sehr schön in seinen immer wiederkehrenden zyklen beschrieben. und ich bin gespannt, ob die menschheit diesmal daraus lernt, ob wir schon so weit sind, oder noch nicht.

Wie die Diskussion jetzt läuft, nein, nichts gelernt.

So lange wir das Problem mit "faulen Südländer" Sager begegnen und versuchen es mit der "Hausaufgaben" von EZB, IWF und Weltbank usw. zu lösen, so lange Politiker Marionetten der Finanzmächte sind und die Medien ihre Unabhängigkeit weiter verlieren - und das nicht durch Mediengesetze wie in Ungarn, sondern stillschweigend, subtil durch Gehorsam den Mächtigen gegenüber, die übrigens die Medien besitzen -, so lange die Verblödung sich mit dieser Geschwindigkeit ausbreitet und "Pisa-Krüppel" (Georg Schramm) die Länder bevölkern, so lange Härte von den Wählern mehr toleriert wird als Menschlichkeit und dem nichts entgegengesetzt wird...

... der berüchtigte kampf gegen windmühlen, jaja. aber es wachen schon mehr leute auf, bewusstsein für die zusammenhänge kommt, langsam aber es kommt. und irgendwann kommt der point of no return. auch beim wissen, nicht nur beim finanzsystem :)

Süß. Könnten wir wenn wir gerade dabei sind auch den Hersteller meiner Körperfettwaage bestreiken? Ich hab neuerdings 2 kg zugenommen - das darf nicht sein und ich inakzeptabel!

Griechenland ist korrupt, ineffizient und von Freunderlwirtschaft durchzogen, dass man sich sogar als Österreicher wundert. Da kann keine Rating-Agentur was dafür und kein Spekulant.

Wir sind in einer Finanzkrise!

Und weiter?
Ohne Finanzkrise hätte Griechenland noch ein paar Jahre brav weiter runterwirtschaften können, aber irgendwann wäre es trotzdem passiert.

Die Finanzkrise ist nicht die gerechte Strafe für schlecht wirtschaftende Länder.

Die Krise erwischt die Schwachen eher als die Stärkeren, aber wer würde sonst sonst die Milliardengaben an die Finanzwelt finanzieren? Die werden noch auch dran kommen! Das frühere Finanzmusterland Irland ist auch schwer angeschlagen und die nächsten Opfer sind schon im Visier.
Das ganze als selbst verschuldet hinzustellen ist das Herunterspielen der Verantwortung des Finanzsystems, das wieder dort weiter tut wie vorher, also pure Verschleierung oder Realitätsverweigerung. Der selbstgerechte Zeigefingersatz a la Fekter: "Die Griechen sollen ihre Hausaufgaben machen!" will den Eindruck erwecken, dass GR. saniert werden kann wenn der Akropolis einem Investmentfond und alle Griechen für Mindestlohn arbeiten. Falsch, es ist nur Umverteilung!

Ein großartiger Kommentar!

wird die wärmende Welt des wohlfahrtsstaatlichen Europa des vergangenen Jahrhunderts vor unseren Augen von der sogenannten Elite zu Grabe getragen

Ja genau das passiert. Endlich!!!!!!!!!!!!

Ihr Nick ist offensichtlich ebenso ironisch gemeint wie der meine.

Oh, danke fuer den Hinweis!

Aber, ehrlich gesagt, Ihr Nick gefaellt mir ausgezeichnet! Kann man ganz ohne Ironie benuetzen!

Ein hervorragender Kommentar! Gratulation an Sepp Wall-Strasser und den STANDARD!

Untergang der alten Ordnung

Das ist alles nicht zu retten, ein großes Unheil droht nachdem das Schuldengefüge noch in diesem Jahr zusammenbricht. Ein schlauer Mensch erklärt dies im Netz, man suche ,,Finanzwahnsinn erklärt", so gut hab ich das noch nirgends gelesen. Alle reden von Aufschwung dabei stehen wir alle am Abgrund, die größte Wirtschaftskrise aller Zeiten wird folgen!

Da muss man nur ein bissl optimistisch sein.

Es muss nur der eine oder andere thermonukleare Sprengkopf in den richtigen Händen sein, und die Wiederherstellung der Ordnung (Enteignung derer die vorher auf unlautere Weise Reichtum angehäuft haben) wird wunderbar klappen.

Glasklar

Selten so treffende Worte gelesen!

Leider schlafen wir EU Bürger noch. Dabei wäre alles so einfach. Die Etablierten abwählen! Öfters auf die Straße! Mehr direkte Entscheidungen....

Stellt euch einfach vor, bei den nächsten Wahlen würde niemand rot schwarz wählen. Die armen Hascherln müssten von einem Tag auf den anderen aus dem Parlament ausziehen.
Das ganze in zwei bis drei EU Ländern...die Ratingagenturen wären die ersten, die verschwinden!

Und wer würde dann verschwinden ?

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