Österreich fällt bei Wettbe­werbs­fähigkeit deutlich zurück

18. Mai 2011, 18:05
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Die Politik kriegt vonseiten der Wirtschaft weiter ihr Fett ab

Österreich fällt laut einem neuen Ranking bei der Wettbewerbsfähigkeit deutlich zurück. Eine jährlich durchgeführte Vergleichsstudie des Schweizer Management-Instituts IMD weist Österreich aktuell nur mehr auf Platz 18 von 59 untersuchten Ländern aus. Das ist der schlechteste Rang seit dem Jahr 2000. Im Vorjahr lag man noch auf Platz 14. Das bisher beste Ergebnis wurde 2007 mit Rang elf erreicht.

Bei dem Ranking werden mehr als 300 Standortkriterien berücksichtigt. Besonders schlecht schneidet Österreich bei Preisen (Platz 41), öffentlichen Finanzen (Platz 39) und der Steuerpolitik (Platz 51) ab. Der Präsident der Industriellenvereinigung, Veit Sorger, gibt der großen Koalition die Schuld für das schwache Abschneiden und appelliert, dringend Reformen im Pensions- und Verwaltungsbereich durchzuführen. In der jetzigen Phase über neue Steuern nachzudenken sei "frivol" , meinte Sorger in Anspielung auf Forderungen der SPÖnach höheren Banken- und Vermögenssteuern.

Wien – Veit Sorger trauert den Zeiten einer schwarz-blauen Regierung nach. 2007, also nach dem Ende der Ära Schüssel, nahm Österreich beim World Competitiveness Report des Schweizer Management-Instituts IMD noch Platz elf ein. Im aktuellen Standort-Ranking, das am Dienstagabend veröffentlicht wurde, ist Österreich nur noch auf Platz 18 von 59 Ländern gereiht – um vier Plätze schlechter als noch im Jahr davor.

Für den Präsidenten der Industriellenvereinigung ist diese Entwicklung "dramatisch" und ein "Alarmsignal", wie er vor Journalisten erklärte. Er forderte die rot-schwarze Regierung auf, endlich Reformen einzuleiten. Ganz oben auf der Wunschliste steht weiterhin ein sofortiges Streichen der Hacklerregelung, das Schließen weiterer Lücken im Pensionssystem und das Angehen von Privatisierungen. "So geht es nicht weiter", meint Sorger. Er habe es auch satt, dass Industrielle regelmäßig als Abzocker, Ausbeuter oder Begünstigte von Steuerprivilegien beschimpft würden.

Günther Kräuter, Bundesgeschäftsführer der SPÖ, schäumte angesichts der neuerlichen Kritik an der Regierung. "Offensichtlich ist Politikerbeschimpfung durch Profiteure der Politik mittlerweile eine neue Sportart." Zuletzt hatte bereits Erste Bank-Chef Andreas Treichl Politiker als "blöd" und "feig" bezeichnet, weil sie seiner Ansicht nach die wirklichen Herausforderungen bei der Regulierung im Bankgeschäft nicht erkennen. Eine Aussage, die übrigens laut einer aktuellen Karmasin-Umfrage von 60 Prozent der Österreicher geteilt wird.

Schlechtester Platz seit 2000

Ist der Rückfall im Standort-Ranking nun wirklich so dramatisch, wie Veit Sorger meint? Ein Langzeitvergleich zeigt, dass es durchaus immer wieder Schwankungen gab. 2005 lag man ebenfalls nur auf Platz 17, die Jahre davor pendelte man zwischen 13 und 15. So weit hinten gereiht wie jetzt, nämlich auf Platz 18, war man allerdings das letzte Mal im Jahr 2000. Davor lag man noch schlechter, das schwächste Abschneiden gab es 1998 mit Platz 24. Für die Zeit vor 1997 seien die Rankings nicht mehr aussagekräftig, weil sich die Berechnungsmethodik geändert habe, wie man beim Institute for Management Development (IMD) erklärt.

Aktuell werden für das Ranking über 300 Kriterien herangezogen. 78 beziehen sich auf die wirtschaftliche Performance, 71 auf die Effizienz der öffentlichen Hand, 68 auf die Effizienz der Wirtschaft und 114 auf Infrastruktur. Die Daten für Österreich werden vom Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo) und auch der Industriellenvereinigung gemeldet.

Wie fast immer seit 1997 schneiden insgesamt die USA am besten ab (siehe Grafik). Die Erholung der Finanzmärkte hat dazu beitragen, schreibt das IMD. Heuer teilen sich die USA den ersten Platz aber mit Hong Kong. Singapur, das 2010 erstmals die Amerikaner von der Spitze verdrängen konnte, liegt diesmal auf Platz drei. Dass nicht nur Staaten mit schlankem Sozialstaat vorne mitmischen können, beweisen die Schweden. Sie verbesserten sich um zwei Plätze auf Rang vier. Vor zehn Jahren lagen die Schweden noch fast gleichauf mit Österreich.

Ebenfalls deutlich verbessern konnten sich heuer die Deutschen, die aktuell Zehnter sind. In den vergangenen Jahren lag das Nachbarland fast immer hinter Österreich.

Interessant ist auch ein Blick in die Untergruppen. Bei der Effizienz der öffentlichen Hand liegt Österreich nur auf Platz 27 – vor vier Jahren war man noch Zehnter. Der Begriff ist aber sehr weit gefasst: Steuer- und Budgetpolitik wird hier ebenso berücksichtigt wie eine faire Justiz, klassische Bürokratie oder die politische Stabilität in den Ländern.

Gesundheitssystem gut

Massive Einbußen – von zwölf auf Platz 20 – gab es heuer bei der Effizienz der Betriebe. Wobei es dabei nicht nur um Managementfragen geht, sondern auch allgemein um Produktivität, die Situation am Arbeitsmarkt sowie den Kredit- und Aktienmarkt.

Vergleichsweise gut (Platz 13) schneidet Österreich bei Infrastruktur ab. Wobei dieses Ergebnis hauptsächlich auf das heimische Gesundheitssystem und die Umweltsituation (Rang sieben) zurückzuführen ist. Allerdings lag man hier vor wenigen Jahren auch noch auf Platz zwei.

Was sich als genereller Trend in Europa zeigt: Die Ausgaben der Regierungen haben – gemessen am Bruttoinlandsprodukt – neue Rekordwerte erreicht. In den hochentwickelten Industrieländern liegen die Regierungsausgaben bei durchschnittlich 47 Prozent der Wirtschaftsleistung. Zwölf Länder in Europa, darunter Österreich, haben eine Quote von über 50 Prozent. Die höchste weist Irland mit 64,9 Prozent auf. Und: Die 23 Länder mit den höchsten Ausgabenquoten liegen allesamt in Europa. (Günther Oswald, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19.5.2011)

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