Generation Praktikum

Kritik an Studie und "weltfremdem" Minister Töchterle

Rosa Winkler-Hermaden, 19. Mai 2011, 09:56

Grüne und Gewerkschaft üben Kritik an Schlussfolgerungen aus Absolventenbefragung: "Entspricht nicht der Realität"

"Die vielzitierte 'Generation Praktikum' bleibt ein Mythos", resümierte der Vorstand des Arbeitsmarktservice (AMS), Johannes Kopf, nach der Präsentation einer neuen Studie über den Berufseinstieg von Uni-Absolventen in Österreich. Der Studie zufolge sind 68 Prozent der Jungakademiker zwei bis sechs Jahre nach Ende des Studiums regulär erwerbstätig und nur drei Prozent ohne Beschäftigung. (derStandard.at berichtete)

Die Aussage, wonach die Generation Praktikum ein Mythos sei, verärgert aber viele Betroffene und auch seitens der Politik stößt sie auf Widerstand. Birgit Schatz, ArbeitnehmerInnensprecherin der Grünen und Abgeordnete zum Nationalrat, findet es "erstaunlich", dass man durch die Studie zu dem Schluss kommen kann, dass es keine Generation Praktikum gibt. Das entspreche nicht der Realität.

Geringer Rücklauf

Sie bemerkt: "Nur 23 Prozent haben auf den Fragebogen geantwortet. Es bleiben 77 Prozent, die nicht darauf reagiert haben." Schatz vermutet, dass eher Menschen, die erfolgreich sind, an Umfragen wie diesen teilnehmen.

Außerdem kritisiert sie, dass nicht erfragt wurde, ob man ein Praktikum macht oder gemacht hat. 

Ihrer Ansicht nach wurde die Studie "massiv fehlinterpretiert". Wenn 80 Prozent aller Absolventen in den ersten sechs Monaten Erwerbstätigkeit finden, bedeute das immer noch, dass 20 Prozent nicht in einer fixen Anstellung sind. Nimmt man die Absolventenzahlen her, so Schatz, sind 8.000 Menschen betroffen, die im ersten halben Jahr nach Studienende keinen fixen Job haben. Gerade diese Gruppe absolviere oft Praktika.

Töchterle "weltfremd"

"Wie weltfremd muss man als Wissenschaftsminister sein, um dann zu resümieren, dass es keine Generation Praktikum gibt?", rügt Schatz auch Karlheinz Töchterle. Die Studie wurde vom Wissenschaftsministerium in Auftrag gegeben und er war bei der Präsentation anwesend.

Die Studie klammere zudem aus, dass viele Praktika bereits während des Studiums erfolgen. Danach soll es keine Praktika mehr geben, findet Schatz, auch wenn es aber oft nicht der Realität entspreche. Für die Praktika - die am besten also während der Studienzeit erfolgen sollen - fordert sie, dass sie gesetzlich klar definiert sind. Sie sollen in den Kollektivverträgen fix definiert sein, je nach Branche gestaltet.

"Man kommt nicht drum herum"

Auch Barbara Kasper, Jugendsekretärin bei der GPA-DJP, sagt im Gespräch mit derStandard.at, dass sie sehr wohl viele junge Menschen kennt, die ein Praktikum - auch unbezahlt - absolvieren. "Teilweise kommt man nicht darum herum." Sie spreche aus eigener Erfahrung, so Kasper. Im Bachelorstudium sei sie verpflichtet gewesen ein Praktikum zu machen, um das Studium abschließen zu können. Viele würden in Kauf nehmen, nichts bezahlt zu bekommen, anstatt länger zu warten. Sie ziehen es vor, das Studium abzuschließen. "Oft genug hat man keine andere Wahl", sagt Kasper.

In ihrer Rolle als Jugendsekretärin versucht Kasper jedenfalls Betroffene, die sich an sie wenden, aufzuklären: welche Rechte und Pflichten man als Praktikant hat und dass von einem Praktikanten nicht dasselbe verlangt werden könne, wie von einem regulären Angestellten. Die Gewerkschaft führt auch Beratungen durch, wie man zu seinem Geld kommt, wenn man im Nachhinein drauf kommt, ausgenutzt worden zu sein. 

Kasper rät auf jeden Fall: Im vornherein abchecken, wie das Arbeitsverhältnis aussieht und wieviel Geld einem normalerweise zustehen würde.

"Praktika finden in Übergangsphasen statt"

Anna Schopf hat die Plattform Generation Praktikum gegründet. Schon seit mehreren Jahren beschäftigt sie sich mit der Thematik und findet es erstaunlich, dass heute überhaupt noch thematisiert wird, ob im Zusammenhang mit der Generation Praktikum von einem Mythos gesprochen wird. 

"Praktika finden in Übergangsphasen statt", sagt sie. Gerade im ersten Jahr nach Beendigung des Stuiums seien Praktika Gang und Gäbe. 

In Bezug auf die Studie, die in erster Linie Absolventen zwei bis sechs Jahre nach dem Ende des Studiums berücksichtigt, sagt sie: "Nach sechs Jahren ist niemand mehr Praktikant. Und wenn es so wäre, wäre es wirklich tragisch." (rwh, derStandard.at, 19.5.2011)

Kommentar posten
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Gobi Todic
12

Johannes Kopf, zuerst bei der Industriellenvereinigung und dann beim Bartenstein - dem sollte man etwas glauben?

Milchleber
02
26.5.2011, 20:58
Churchill

glaube keiner Studie, die du nicht selbst in Auftrag (inkl. zu bestätigende Meinung) gegeben hast.

Glycerine_x
01
20.5.2011, 13:53

in meinem (mint) studium muss man unbezahlt 5,5 monate 40h versteht sich, im labor hackeln, man leistet da aber ganz reelle arbeit für eine forschungsgruppe und bekommt ects dafür die man braucht, um den master überhaupt abzuschließen. juhu! für mich heißt das, dass ich meinem regulären job dann nicht mehr nachgehen kann. fange jetzt schon mal zu sparen an!

Votaris
 
01
28.5.2011, 21:59

same here...

Got Your Noes!
01
26.6.2011, 21:19

mediziner auch.

obibiber
04
20.5.2011, 09:31

na, in seiner welt ist er nicht fremd, nur in der welt von jenen, die nicht seine privilegien haben... das fremd sein ist teil der privilegierung, die er nicht freiwillig aufgeben wird. klassisches schema.

Das Pumuckl
04
20.5.2011, 09:25
regulär erwerbstätig

...war ich bereits 2 Monate nach Studienabschluss. Genauer gesagt: befristeter Arbeitsvertrag für jeweils 4-5 Monate, offizielle Arbeitszeit 10 Stunden pro Woche, inoffizielle Arbeitszeit ~20 Stunden pro Woche, Bruttoverdienst 600 Euro. Der Vertrag wurde 6 Mal in Folge verlängert...

Ich befürchte, die Statistik des Herrn Töchterle enthält nicht wenige solcher Fälle.

pago1
03
20.5.2011, 09:18
ein övpler halt

double standard
04
20.5.2011, 08:36

also wenn er erkennend dass bei den grünen nix reisst zu den schwarzen wendehalst dann gibt er zumindest zu erkennen das er bei aller weltfremdheit ein gelernter österreicher ist

Lilian101
04
20.5.2011, 08:34
Was sind Praktika?!

Wie schon im anderen Artikel dazu gepostet: die Studie lässt völlig offen, was ein Praktikum überhaupt ist und durch welche Merkmale es charaktarisiert ist!

Siehe Fragebogen der Studie E1: Praktikum wird dort unter "Erwerbstätigkeit" subsumiert. Bei Frage E2 kann man zwar "Unterrichtspraktikum" od. "Gerichtsjahr bzw. Konzipient" ankreuzen - andere Arten von Praktika scheint der Fragebogen nicht zu kennen!

Also was kennzeichnet ein Praktikum überhaupt: Keine Bezahlung? Schlechte Bezahltung? Befristung?

DAS lässt die Studie völlig offen und somit kann man ziemlich viele Arten der Beschäftigung der "regulären Erwerbstätigkeit" zurechnen.

Die Studie sagt daher über "Generation Praktikum" nicht wirklich was aus.

FCB1
03
19.5.2011, 23:31
Leiharbeiter

Vielleicht sollte man noch erwähnen, dass das Ministerium das diese Studie in Auftrag gegeben hat, reihenweise Akademiker über Personalleasingfirmen angestellt hat und somit selbst zu prekären Arbeitsverhältnissen beiträgt.

Die jungen bzw. neu eintretenden müssen die Suppe für die pragmatisierten Beamten und quasi pragmatisierten Vertragsbediensteten auslöffeln.

Asylwiener
11
19.5.2011, 20:29

vielleicht hab ich es ja überlesen, aber der minister T hat doch lediglich die studie in auftrag gegeben und sich die präsentation angeschaut - wieso is er jetzt "weldfremd" und nicht der AMS mensch der zu dem ergebnis gekommen ist und es auch präsentiert hat?

Fritz Meyer
01
19.5.2011, 19:04
Herr Töchterle ist nicht "weltfremd".

Er ist nur ZUERST Politiker und DANN Wissenschaftler.

Hans Müller1
 
72
19.5.2011, 17:31
Kleiner Tipp: Was studieren was man später wirklich brauchen kann,

dann bekommt man auch leicht eine fixe Stelle. Die Politik ist wohl kaum dafür verantwortlich zu machen dass es eben keine so große Nachfrage z.Bsp. nach den tausenden Publizistikstudenten etc. gibt

Lilian101
01
20.5.2011, 09:14

Sorry, aber Blödsinn, z.B.: MedizinerInnen werden in vielen Gegenden oft Hände ringend gesucht, aber ich hab erst unlängst wieder gelesen, dass man in Österreich 2 Jahre auf einen Turnusplatz wartet
Und was willst in dieser Zeit machen? Als ehrenamtlicher Mitarbeiter des Roten Kreuzes für die Blutspendenaktionen arbeiten? Juhu!

Klar kann man in (ost-)deutschen Landkrankenhäusern sofort einen Platz bekommen - nur wenn die österreichischen Ärzte mal weg sind, kommen die vielleicht auch nicht wieder... und das kann nicht Sinn und Zweck der ganzen Sache sein.

thomas1231
04
19.5.2011, 17:41

Kann ich leider nicht besteatigen ....
Unterbezahlte 20stunden jobs mit 40h- 60h arbeitszeit, 2 monatsverträge; jahrelange gratis mitarbeit ohne aussicht auf eine stelle, beschissenste arbeitszeiten. Un ein verdienst den jeder maturant mit der healfe der stunden einstreicht! willkommen in der realiteat ...
Und das mit keinem brotlosen studium ....

Das Pumuckl
02
20.5.2011, 07:54

Detto. Trotz "MINT"-Studium, sehr guten Noten, Praktika bei namhaften Institutionen u. einschlägiger Berufstätigkeit neben dem Master.

greenIT
00
19.5.2011, 23:59

klingt nach ner uni-stelle. Aber keine angst, es wird besser

Hans Müller1
 
50
19.5.2011, 19:45
Was war's denn für ein Studium?

Natürlich ist auch die Studienrichtung keine Garantie - Noten, Persönlichkeit, Engagement, Praxiserfahrung kommt auch noch dazu, aber auch keine Dinge für die der Staat die Verantwortung übernehmen muss

in love with kate perry
00
19.5.2011, 17:11

wow der vsstö kann sich online werbung leisten. auch ned schlecht. aber ist das nicht irgendwie kapitalistisch ?

North Ace
11
19.5.2011, 17:11

Praktika (sing.), Praktikas (pl.), Praktikums (pl.): Wahnsinn wie viele Leute hier posten, die weder die Einzahl noch die Mehrzahl des Wortes "Praktikum" korrekt bilden können (vor allem, wo sie anscheinend schon wenigstens eines gemacht haben). Ich will ja keineswegs Töchterle und Co. nur irgendwie recht geben. Aber, wenn's um die anderen Kompetenzen der Jobanwärter auch so bestellt ist, wie um ihre Rechtschreibung, dann wundert mich nicht, daß sie nur unbezahlte Praktika machen.

Chat long
02
19.5.2011, 19:11

Einzahl- und Mehrzahlbildung ist keine Frage der Rechtschreibung, sondern der Grammatik. Aber sonst gebe ich Ihnen durchaus Recht.

hotzenplotz1001
01
19.5.2011, 16:49
Kann es Zufall sein, wenn gewisse Typen eine Erhebung derart massiv fehlinterpretieren?

„Qui bono?“, fragt man sich da.

Carlos Pimpinela - kennt die Wahrheit
42
19.5.2011, 16:39
Ich hab mich auch schon oft gefragt, wo die Generation Praktikum denn bitte sein soll?

Zum Glück gibts die in der Realität und vor allem in der Realwirtschaft fest verankerten Grünen, die es zwar auch nicht wissen, aber allen anderen Weltfremdheit vorwerfen.

Raffzahn_ Schani
01
19.5.2011, 16:35

Gerade von einem Wissenschaftsminister würde ich mir eine Reaktion bzw. eine Richtigstellung der Ergebnisse wünschen. Begriffe wie Studiendesign, Fragestellung, Sample, Schwankungsbreite sollte doch eigentlich bekannt sein.

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