Washington fordert rasche Ablöse von Strauss-Kahn als Währungsfonds-Chef
Es war eine Rücktrittsaufforderung durch die Blume. Dominique
Strauss-Kahn ("DSK") hatte noch keine 24 Stunden in seiner Einzelzelle
auf Rikers Island gesessen, da ging der US-Finanzminister auch schon auf
Distanz zu ihm.
Vom Gefängnis aus sei der Franzose "ganz offensichtlich nicht in der
Lage, den IWF zu führen", dozierte Timothy Geithner am Dienstagabend im
illustren Harvard Club in New York. Die Strafsache selbst wolle er nicht
kommentieren, doch sei es geboten, dass der Internationale Währungsfonds
Strauss-Kahn für eine Übergangszeit durch einen amtierenden Direktor
ersetze.
Es ist das erste Mal, dass ein Spitzenpolitiker der Regierung Barack
Obamas öffentlich Stellung zu den Vorwürfen gegen den 62-jährigen
Ökonomen nimmt. Was Geithner bezweckt, liegt auf der Hand. Anstelle von
DSK soll dessen Stellvertreter, der Amerikaner John Lipsky, das Ruder
beim IWF übernehmen. Ein solcher Schritt bedeutet auch eine personelle
Garantie, dass Washington die Weichen in der Umbruchphase stellen kann.
Laut Wall Street Journal haben Emissäre der Organisation bereits Kontakt
zu Strauss-Kahns Anwälten aufgenommen, um den Inhaftierten zu einer
Entscheidung zu drängen. Man habe sich "höflich" nach seinen Plänen
erkundigt, umschreibt es das Blatt.
Noch so ein Wink mit dem Zaunpfahl: Bisher hat der Untersuchungshäftling
nicht einmal angedeutet, dass er das Handtuch zu werfen gedenkt,
offenbar in der Hoffnung, dass sich das anstehende Gerichtsverfahren zu
seinen Gunsten wendet.
Karten neu verteilt
Das Weiße Haus hat ihn fallen gelassen und will beim Tauziehen um die
Nachfolge Strauss-Kahns offenbar als Schiedsrichter auftreten. Noch
lässt es mit keiner Silbe erkennen, welche von zwei möglichen Varianten
es favorisiert: die traditionelle Option, wonach wie bisher ein Europäer
das Amt ausübt, oder die historische Zäsur, bei der erstmals ein
Kandidat aus Asien, Afrika oder Lateinamerika zum Zuge kommt. "Wir haben
volles Vertrauen, dass der IWF in dieser schwierigen Zeit seine Aufgaben
für die Weltwirtschaft erfüllen wird", drechselt Präsidentensprecher Jay
Carney einen Satz, der alles offenlässt.
Kritischer sieht es Nancy Pelosi, bis Jänner Vorsitzende des
Repräsentantenhauses und noch immer eine gewichtige Stimme bei den
US-Demokraten. Bei allen Finanzinstitutionen, wie sie im Zuge des
Zweiten Weltkriegs entstanden, müsse man offen darüber diskutieren, ob
sie ihren Gründungszielen heute noch gerecht würden. Eine Übereinkunft
zwischen den Europäern und den USA hat seit der Gründung des IWF im Jahr
1945 dafür gesorgt, dass ein Europäer das Washingtoner Institut leitet.
Im Gegenzug benennen die Amerikaner bisher immer den Chef der Weltbank.
Die Schwellenländer wollen nun mit dieser Tradition brechen. So forderte
der seit kurzem drittgrößte IWF-Teilhaber China, die Auswahl solle fair,
transparent und auf Basis von Leistungen erfolgen. Es war das erste Mal,
dass sich China derart früh und offen zu einer IWF-Personalie äußerte.
Brasilien und Südafrika sprechen sich ebenfalls für einen Kandidaten aus
einem Schwellenland aus.
Differenzen um Alibi
In der Strafsache Strauss-Kahn selbst gab es Geplänkel um Opfer und
Alibi. Das Zimmermädchen erklärte anfangs, um 13 Uhr überfallen worden
zu sein, später wurde die Uhrzeit auf 12 Uhr revidiert. Das ist insofern
interessant, als Strauss-Kahn nach Anwaltsangaben um 12.30 Uhr mit
seiner Tocher in einem Restaurant gewesen sei.
Die afroamerikanische Hotelangestellte habe nicht gewusst, wen sie
beschuldigte, sie sei derzeit nervlich sehr angespannt, aber zu einer
Aussage bereit, heißt es. Mittwoch wurden Nachrichten laut, die junge
Frau lebe mir ihrer Mutter in einem Haus für Aids-Opfer. (Frank Herrmann aus Washington, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19.5.2011)