Unterm Mantel schlägt ein gutes Herz

18. Mai 2011, 17:32
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Der Finne Aki Kaurismäki beglückt im Wettbewerb von Cannes mit "Le Havre", einer sanften humanistischen Moritat

Sein Kollege Lars von Trier verzettelt sich hingegen im Zeichen der "Melancholia".

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"K.O.", so wuchtig steht es auf der Titelseite der Libération. Während französische Zeitungen mit der Causa prima, den Vorwürfen gegen den Präsidentschaftskandidaten Dominique Strauss-Kahn, beschäftigt sind, waren Filme mit politischem Impetus in Cannes bis jetzt rar. Einzig Pater, ein kleiner, unebener, aber auch sympathisch privater Film des französischen Eigenbrötlers Alain Cavalier, sorgte bei der Uraufführung für wissendes Gelächter:

Der Schauspieler Vincent Lindon und Cavalier selbst imitieren im intimen Ambiente einer Wohnung die Gesten der Mächtigen. Als Lindon, der einen Anwärter auf das Amt des Premiers gibt, Informationen über das Fehlverhalten des Konkurrenten zugespielt werden, entscheidet man sich hier nach längerem Zögern, auf eine Veröffentlichung zu verzichten.

Der Finne Aki Kaurismäki gehört indes zu jenen Künstlern, die für Politiker nur noch Verachtung übrig haben. In Le Havre straft er jedoch seinen eigenen Zynismus Lügen und erzählt von einem, der nichts hat, aber dennoch alles gibt. André Wilms spielt wie in La vie de Bohéme (1992) Marcel Marx, einen erfolglosen Autor, der mittlerweile als Schuhputzer in der Hafenstadt lebt, wo er den afrikanischen Jungen Idrissa (Blondin Miguel) trifft, der im Container nach Europa gekommen ist und nun vor der Polizei flieht.

Mit seinem unvergleichlichen Minimalismus zeichnet Kaurismäki eine nostalgisch entrückte Welt in warmen Farben, die Menschen mit unerschütterlicher Moral und Selbstlosigkeit bevölkern. Idrissa wird von dem Schuhputzer in Obhut genommen, seine Familie ausgeforscht. Die Nachbarn, allesamt kleine Leute ohne Besitz, üben sich in Solidarität. Sogar der Ermittler (Jean-Pierre Darroussin) versteckt unterm schwarzen Trenchcoat ein gutes Herz.

Le Havre ist eine humanistische Moritat, die wahlweise den Geist von Charles Chaplin oder Marcel Carné verströmt und den typischen slow burn-Humor Kaurismäkis mit einem melodramatischen Grundton nahezu perfekt verschränkt. Ungewöhnlich milde, ja sanft optimistisch erscheint hier der Blick des Regisseurs auf seine Figuren, die ein guter Weltgeist vor Denunziation, staatlicher Gewalt und gröberen Schicksalsschlägen bewahrt. Stilistisch kontrolliert Kaurismäki dabei eindrucksvoll seine Ausdrucksmittel, ohne eine klare Haltung zur Gegenwart aufzugeben.

Von Lars von Triers Melancholia lässt sich Vergleichbares leider nicht behaupten. Nach Antichrist ist dies eine weitere Auseinandersetzung mit Depression, welche der streitbare Däne diesmal in die Form eines utopischen Melodrams gießt. Von bildgewaltiger Opulenz ist die Ouvertüre des Films, die Vision einer Apokalypse, in welcher der Heldin Justine (Kirsten Dunst) zur Musik Wagners Blitze aus den Fingern steigen, Vögel vom Himmel fallen und ein Dürer-Gemälde wie Wachs zerfließt. Ein Planet namens Melancholia ist, wie wir später erfahren, auf möglichem Kollisionskurs zur Erde.

Von Trier wickelt das Geschehen in zwei Episoden ab: Die erste führt in eine Hochzeitsgesellschaft, die kontinuierlich aus dem Ruder läuft. Justine, die Braut, wird von unerklärlichen Ängsten überwältigt, die sie die Etikette sprengen lässt. Die dysfunktionalen Familienverhältnisse schränkt der Film im zweiten Teil auf das Verhältnis der beiden Schwestern ein, auf Justine und Claire (Charlotte Gainsbourg), die unter dem Eindruck der kosmischen Katastrophe gegenläufige Standpunkte einnehmen. Die planetarische Konstellation, die die elegische, todesromantische Tonart des Films rechtfertigen soll, findet im Verhältnis der beiden dennoch kein zwingendes Echo.

Alles tönt ein wenig zu laut, greift gierig nach Aufmerksamkeit - wie von Trier, der wieder einmal mit fragwürdigen Provokationen ("Ich verstehe Hitler. Ich sympathisiere ein wenig mit ihm.") auffiel. Später entschuldigte er sich. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD - Printausgabe, 19. Mai 2011)

  • Die große Kati Outinen, seit nunmehr 25 Jahren enge darstellerische 
Verbündete von Regisseur Aki Kaurismäki, ist auch in dessen 
Wettbewerbsbeitrag "Le Havre" wieder mit von der Partie.
    foto: festival du cannes

    Die große Kati Outinen, seit nunmehr 25 Jahren enge darstellerische Verbündete von Regisseur Aki Kaurismäki, ist auch in dessen Wettbewerbsbeitrag "Le Havre" wieder mit von der Partie.

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