Wiener Linien: Grüne verpassen sich Maulkorb

19. Mai 2011, 16:20
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Nach Häupl-Absage der 100-Euro-Jahreskarte diskutieren viele, nur der Koalitionspartner nicht - Hinweis auf Umfrage zur Erhöhung

Nach der Ankündigung von Wiens Bürgermeister Michael Häupl, dass die 100-Euro-Jahreskarte für die Wiener Linien definitiv nicht kommen werde (siehe Bericht), gibt man sich von Seiten der Grünen zugeknöpft. Man wolle in dieser Phase der Verhandlung keinen Kommentar abgeben, heißt es aus Grünen-Verhandlungskreisen auf Rückfrage. Dafür sei die Reform im Öffentlichen Verkehr ein zu wichtiges Thema - vor allem auch im Hinblick auf die geplanten sozialen Staffelungen bei den Tarifen. Vor gut einem Monat gab es zu diesem Thema noch konkretere Ansagen.

Interessant bei der momentanen Diskussion ist auch ein Hinweis, der von einem derStandard.at-User stammt. Er sei von einem Meinungsforschungsinstitut angerufen und über die Kundenzufriedenheit bei den Wiener Linien befragt worden. Neben sehr generellen Themen wie Nutzung, Intervalle und persönliche Präferenzen sei nur eine ganz konkrete Frage gestellt worden: Wie viel man bereit sei für eine Jahreskarte auszugeben. Dazu wurden gab es drei Antwortmöglichkeiten zur Auswahl, wobei der niedrigste Preis bei 472 Euro gelegen sei - eine Steigerung um rund fünf Prozent zu den momentanen Kosten von 449 Euro. "Gewundert hat mich, dass es die Antwort 'Keine Tariferhöhung' eben nicht gegeben hat", so der User.

Auf Nachfrage von derStandard.at, ob man von der Umfrage wisse und wer sie in Auftrag gegeben habe, wurde dies von allen an den Verhandlungen beteiligten Seiten dementiert - von den Wiener Linien ebenso wie vom Büro von SPÖ-Finanzstadträtin Renate Brauner, die für die Wiener Linien zuständig ist, als auch von den Grünen.

Opposition sieht Erhöhung als fixiert

Für FPÖ-Klubobmann Johann Gudenus hingegen ist klar, dass Erhöhungen längst fixiert seien. Die Stadtregierung wisse nur nicht, "wie sie der Bevölkerung die abermalige Verteuerung der Öffi-Tarife als philantropischen Gnadenakt verkaufen" solle, so Gudenus in einer Aussendung. So werde etwa der 2,50 Euro-Einzelfahrschein (Verkaufspreis im Verkehrsmittel bzw. zwei Euro im Vorverkauf) kommen, nur habe man die Ankündigungen erst einmal auf Herbst verschoben.

ÖVP-Verkehrssprecher Wolfgang Gerstl wiederum erklärt, dass man im Zuge der laufenden Verhandlungen nicht auf eine entsprechende Erhöhung der Leistung vergessen dürfe: "Letztlich kommt eine Erweiterung des Angebots ja allen zugute, denn mehr Leistung bedeutet mehr Kunden. Und die bringen den Wiener Linien wieder mehr Geld ein." Zudem verweist man aus dem Büro von Gerstl darauf, dass nach wie vor am Papier ein Betrag von 130 Millionen Euro aus der Parkraumbewirtschaftung nur mehr "auf Abholung warten" würde. Dabei handle es sich um Rücklagen, die "als Zweckwidmung für den Ausbau von Öffentlichen Verkehrsmitteln und Garagen verwendet werden müssen".

"Geld wird bereits in V-Wägen investiert"

Im Büro von Finanzstadträtin Brauner zeigt man sich über die Aussage verwundert, weil die angesprochenen 130 Millionen bereits für den genannten Zweck eingesetzt würden. "Es gibt sogar einen Gemeinderatsbeschluss dazu, den die ÖVP mitgetragen hat", erklärt ein Sprecher von Brauner. Diese Mittel seien als "buchtechnische Rücklagen deklariert" und würden für den Ankauf von neuen V-Wägen (durchgehend begehbare U-Bahn-Züge) verwendet.

Der Fehlbetrag bei den Wiener Linien im Geschäftsjahr 2010 lag übrigens bei rund 110 Millionen Euro. Die Gesamteinnahmen aus dem Fahrkartenverkauf haben sich im vergangenen Jahr auf 441,4 Millionen Euro belaufen - das bedeutete eine Steigerung um rund fünf Prozent im Vergleich zu 2009. (mob, derStandard.at, 19.5.2011)

  • Wie viel das Einsteigen in die Wiener Linien nach der Tarifreform tatsächlich kosten wird, dürfte wohl frühestens im Herbst bekannt werden.
    foto: isa/derstandard.at

    Wie viel das Einsteigen in die Wiener Linien nach der Tarifreform tatsächlich kosten wird, dürfte wohl frühestens im Herbst bekannt werden.

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