Es geht nicht um den BH

    18. Mai 2011, 11:14
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    Brandi Chastain schoss die USA 1999 zum WM-Titel. Dass sie sich danach ihres Trikots entledigte, sorgte weltweit für Schlagzeilen. Für Chastain selbst war es nur eine emotionale Reaktion. Mit Männern kann sie auch hinterm Mikro, am Spielfeldrand und am Biertisch mithalten

    ballesterer: Sie sind eine der erfolgreichsten Fußballerinnen. Wie hat Ihre Karriere begonnen?
    Brandi Chastain: Es gab keinen speziellen Grund, mit dem Fußballspielen anzufangen. Ich war einfach ein sehr aktives Mädchen, das sich mit sieben Jahren bei einer Mädchenliga in der Nachbarschaft eingeschrieben hat. Wir haben dort gemeinsam gekickt und uns Bücher und Videos zum Thema ausgeborgt. Das einzige Fernsehmagazin über Fußball zu dieser Zeit war »Soccer Made in Germany«, ich habe es geliebt und keine Folge verpasst. Keine Ahnung, ob es mir fußballerisch etwas gebracht hat, aber zumindest hat es mich mit dem Spiel vertraut gemacht. Später bin ich mit meiner Familie zu den Matches der San Jose Earthquakes in der North American Soccer League gegangen und konnte dort Weltstars wie Franz Beckenbauer, Pele und Giorgio Chinaglia live erleben.

    In Ihrem Buch »It's Not about the Bra« bezeichnen Sie George Best als eines Ihrer Vorbilder. Wie ist es dazu gekommen?

    Chastain: Er hat für die Earthquakes gespielt, und ich erinnere mich, dass er einmal 40 Meter vor dem Tor an den Ball gekommen ist. Er hat die halbe gegnerische Mannschaft überdribbelt und mit einem Lächeln eingeschossen. Das war einfach magisch, und ich habe mir gedacht: »Genau so will ich auch spielen.«

    Ihre Mutter hat Sie immer mit dem Megafon vom Spielfeldrand aus angefeuert. War sie eine klassische Soccer Mum?

    Chastain: Ja, auch wenn es diesen Begriff damals noch nicht gegeben hat. Sie war eine begnadete Cheerleaderin in der Highschool und hat das auch bei meinen Spielen ausgelebt. Eigentlich war es perfekt: Mein Vater hat uns trainiert, und sie hat alle angefeuert. Als Teenager war mir das natürlich peinlich, später im Nationalteam hat sich das aber geändert. Ich konnte sie aus 90.000 Leuten heraushören, das hat mich sehr angespornt.

    Sie haben 1999 mit dem Weltmeistertitel in Ihrem Heimatland Geschichte geschrieben. Hat dieser Erfolg noch heute Einfluss auf Ihr Leben?

    Chastain: Jeden Tag, weil meine Stimme dadurch Gewicht erhalten hat. Ich treffe ständig Leute, die sich daran erinnern und mir erzählen, dass ihre Töchter und Enkeltöchter deswegen mit dem Fußball begonnen haben. Aufgrund dieses Erfolgs konnte ich zwei Non-Profit-Organisationen für junge Fußballerinnen auf die Beine stellen und unseren Sport in Bereichen repräsentieren, zu denen wir sonst wahrscheinlich keinen Zugang erhalten hätten.

    Ihre Reaktion auf den entscheidenden Elfmeter im Finale ist als »Bra Incident« in die Sportgeschichte eingegangen. Wie sehen Sie diesen Moment mit der Distanz von einem guten Jahrzehnt?

    Chastain: Genauso wie damals. In einem so wichtigen Match das entscheidende Tor zu erzielen war eine emotionale Extremsituation. In diesem Moment ist der Druck von mir abgefallen und die ganze Freude, Genugtuung, Erschöpfung und Verrücktheit zum Ausdruck gekommen. Wenn ich mir das Foto heute als Mutter anschaue, vermittelt es noch mehr als damals den Eindruck von Stärke, Hingabe und Konkurrenzfähigkeit.

    Hat der Vorfall auch Nachteile für Sie gehabt?

    Chastain: Nein, denn selbst wenn jemand die Aktion ablehnt oder sie für inszeniert hält, öffnet das die Tore zum Dialog. Ich kann vermitteln, wie wichtig es für junge Mädchen ist, aktiv zu sein und sich körperlich zu betätigen. Es geht nicht um mich, sondern darum, dass Frauen Erfolg in Sport und Beruf haben und dabei auch die vorgegebenen Normen ein bisschen außen vor lassen können. Dafür ist es ein guter Denkanstoß.

    Nach dem WM-Titel haben Sie sich halbnackt für das Männermagazin »Gear« fotografieren lassen. Warum?

    Chastain: Das war eine einzigartige und sehr persönliche Erfahrung. Die PR-Beraterin des US-Verbands und ich wussten nicht, wie das Fotoshooting genau ausschauen würde. Vor diesem Tag war ich im Umgang mit meinem Körper nicht gerade selbstbewusst - ich habe mich nicht einfach im Bikini an den Strand gelegt. Aber während des Shootings ist mir klar geworden, dass ich bin, wie ich bin, und mich besser daran gewöhne.

    Sie haben als TV-Kommentatorin auch von Männergroßereignissen berichtet. Wurde Ihre Expertise in Zweifel gezogen, weil Sie eine Frau sind? 

    Chastain: Ich weiß, wie es auf der anderen Seite des Mikrofons ist, und die Spieler wissen, dass ich es weiß - das macht vieles einfacher. Weibliche Kommentatoren sind auch in den USA nicht die Norm, aber es ist wie in anderen Bereichen: Ich will eine professionellere Trainerin werden, neben dem Frauennationalteam interessiert mich dabei auch der Profibereich der Männer. Nicht, um jemand anderem etwas zu beweisen, sondern weil ich den Anspruch habe, mich auf dem höchstmöglichen Level durchzusetzen.

    Die US-Profiliga WPS hat mit existenziellen Problemen zu kämpfen: Einige Klubs mussten zusperren, andere sind hoch verschuldet. Wie sehen Sie die aktuelle Situation des Profifrauenfußballs in den USA?

    Chastain: Ich denke, dass wir den Profifußball in unserem Land zusammenführen müssen. Strukturen nur für den Frauenfußball sind schwer aufzubauen und zu erhalten. Durch eine Zusammenarbeit mit der Major League Soccer der Männer könnten wir insgesamt mehr Leute in die Stadien bekommen. Einige wollen Männerfußball sehen, andere Frauenfußball - warum sollten sich die beiden Bereiche nicht gegenseitig unterstützen?

    Die USA gelten als zweifacher Weltmeister automatisch als Mitfavorit für die Endrunde in Deutschland. Was erwarten Sie sich vom US-Team?

    Chastain: Als amerikanische Fußballerin hat man es nicht leicht. Alle gehen davon aus, dass die USA große Turniere gewinnen. Diese Siegermentalität hat unserem Team in der Vergangenheit geholfen, weil es dir einen Vorteil verschafft, wenn die Gegnerinnen an sich zweifeln - und das haben auch die aktuellen Spielerinnen verinnerlicht. Aber der Frauenfußball hat sich in den vergangenen zehn Jahren stark verändert. Die Anforderungen sind gestiegen, es gibt einen stärkeren Austausch. Junge Spielerinnen haben mehr Möglichkeiten, sich auf internationalem Niveau zu messen - als ich im Nationalteam begonnen habe, hat es keine Nachwuchsweltmeisterschaften gegeben. Der Vorsprung der USA hat sich dadurch verringert.

    Sind die Erfolge der Vergangenheit also eher eine Last?

    Chastain: Es ist ein Privileg und eine Last zugleich, aber einer der Gründe, warum mich Sport so fasziniert, ist die Psychologie. Als wir 1996 die Olympischen Spiele in Atlanta gewonnen haben, haben wir sehr viel Augenmerk auf die psychologische Komponente gelegt. Und das wird auch bei dieser Endrunde eine entscheidende Rolle spielen. Die Frage lautet: Können die Deutschen mit dem Druck der Heim-WM umgehen, oder wird das zu einem Nachteil? Einigen Spielerinnen wird das einen Extraschub versetzen, andere werden unter der Last zusammenbrechen.

    Wie werden Sie die WM-Endrunde in Deutschland verfolgen?

    Chastain: Ich werde für ESPN von allen Spielen berichten und sie gemeinsam mit meiner ehemaligen Teamkollegin Julie Foudy im Studio analysieren. Ich werde viel Bier trinken und freue mich schon auf die vollen Stadien. Es wird eine unglaubliche Atmosphäre herrschen, die ich liebend gern in die Welt hinaustrage. (Interview: Reinhard Krennhuber & Julia Zeeh)

    Brandi Chastain (42) zählt mit zwei WM-Titeln (1991, 1999) und zwei Olympiasiegen (1996, 2004) zu den erfolgreichsten Fußballerinnen der Geschichte. In 192 Länderspielen für die USA erzielte die gelernte Verteidigerin und spätere Mittelfeldspielerin 30 Tore. Auf Klubebene war die heutige TV-Kommentatorin für California Storm, die San Jose CyberRays, den FC Gold Pride sowie den japanischen Verein Shiroki FC Serena aktiv. 2004 erschien ihr Buch »It's Not about the Bra. Play Hard, Play Fair, and Put the Fun Back into Competitive Sports«, in dem sie sich vor allem der Ausbildung junger Fußballerinnen widmet.

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