Seit Jahren diskutieren SPÖ und ÖVP darüber, wie man die Schule reformieren könnte - Schüler und Lehrer wissen, wo die Probleme liegen
Wien - Ab Herbst 2012 könnte es endlich so weit sein: Bildungsministerin Claudia Schmid möchte das "Sitzenbleiben" abschaffen; zumindest an AHS-Oberstufen und berufsbildenden mittleren und höheren Schulen. In Deutsch, Mathe und Fremdsprachen soll ein Kurssystem eingeführt werden, damit nur noch einzelne Fächer nachgeholt werden müssen.
"Ich finde das Sitzenbleiben wirklich schlecht, weil man dadurch ein ganzes Jahr verliert", sagt Marco Helmer (16) aus Wien. Rund 40.000 Schüler müssen jedes Jahr eine Klasse wiederholen - in erfolgreichen PISA-Ländern gibt es das nicht. Für einen positiven Schulabschluss greifen Eltern daher tief in die Tasche: Rund 140 Millionen Euro werden jährlich für Nachhilfe ausgegeben.
Doch das Sitzenbleiben ist nur ein Punkt, der im Rahmen der ständigen Bildungsdebatte zur Diskussion steht. Eine gemeinsame Schule bis zum Abschluss der Schulpflicht, eine fundiertere Lehrerausbildung sowie flächendeckende Ganztagsangebote fordern etwa die Unterstützer des Bildungsvolksbegehrens "Österreich darf nicht sitzenbleiben".
Ein angstbesetzter Prozess
Hermine Luckner, Volksschullehrerin im ersten Bezirk in Wien, hält die Gesamtschule prinzipiell für eine gute Idee, das Programm müsste aber noch ausgearbeitet werden. "Es wäre wichtig, dass der Übertritt in die weiterführenden Schulen reibungslos funktioniert, damit das kein mit Angst besetzter Prozess mehr ist", fordert sie.
Auch Alexandra Edletzberger (16) ist für eine Gesamtschule, um die Bildungniveaus zu vereinheitlichen und auch international vergleichbar zu machen.
Thomas Gaar von der steirischen Schülerunion befürwortet die langsame Einführung eines Kurssystems, wie sie von Schmid geplant ist, lehnt aber die Gesamtschule ab. Stattdessen plädiert er für eine Aufwertung der Hauptschule zur Neuen Mittelschule. Auch ein verpflichtendes Lehrerfeedback sowie die Direktorenbestellung durch den Schulgemeinschaftsausschuss (SGA) müsste umgesetzt werden.
Der Sprecher der Aktion kritischer SchülerInnen (AKS), Lukas Wedrich, hält viel von einer Gesamtschule. Alle Hauptschulen in "Neue Mittelschulen" umzubenennen wäre aber nichts anderes als ein "Türschildchentausch". Herauskommen würde dieselbe Form wie bisher, so Wedrich. Als Lösung dafür sieht er die Umsetzung einer flächendeckenden Gesamtschule, aber nach einem sinnvollen System, in dem es keine allzu großen Unterschiede zwischen den Schulen geben sollte.
Für den Lehrer und Universitätslektor für Geschichte, Kultur und Politik Alfred Germ ist die Gesamtschule eine "Notwendigkeit: Dadurch wird auch die Mittlere Reife überflüssig." Das Kurssystem im Sinne einer modularen Oberstufe sei eine praktikable Sache, genauso wie das Auflösen der Klassenverbände. Der Vorschlag des ÖVP-Bildungssprechers Werner Amon, dass sich Schüler ihre Lehrer aussuchen können sollen, stößt bei Germ aber auf Ablehnung: "Grundsätzlich können sich Schüler ihre Lehrer nicht aussuchen, weil das dazu führen würde, dass viele Lehrer keinen Arbeitsplatz mehr hätten. Außerdem bleibt die Frage offen, nach welchen Kriterien sich die Schüler ihre Lehrer aussuchen würden. Man müsste sich genauer anschauen, was damit gemeint ist", meint Germ. Das Sitzenbleiben sei jedenfalls eine unnütze Angelegenheit, "volkswirtschaftlich gesehen, aber auch, was die Leute individuell damit anfangen."
Einen anderen Punkt bringt Mulla Inan (19) ein: "Ich würde mir wünschen, dass die Schüler bereits vor der Oberstufe Politische Bildung und Ethik hätten." Denn immerhin dürften Jugendlichen bereits ab 16 wählen, was ohne politisches Wissen aber nicht so einfach sei.
"Die Bildungspolitik leidet seit Jahrzehnten darunter, dass es keine großen Schritte gibt", kritisiert Germ. Das Problem dabei sei, dass man für Bildungsreformen budgetär abgesichert sein muss. "Bildung kostet Geld, so ist das nun einmal. Das scheint mir in der Diskussion viel zu kurz zu kommen." (Annika Althoff, Barbara Schechtner, David Tiefenthaler, DER STANDARD, Printausgabe, 18.5.2011)